Ob kleine Kinder oder pflegebedürftige Eltern: Immer mehr Mitarbeiter müssen Job und Familie unter einen Hut bringen. Das können sie auch, wenn die Chefs sie nur lassen.
von Jörg Wiebking
Wenn Mitarbeiter Eltern werden, kann das Unruhe und Unsicherheit in den Betrieb bringen. Es sei denn, das Unternehmen nimmt die Herausforderung an und sorgt für eine Lösung, von der alle profitieren. So wie Doris Hinck (55), Seniorchefin der Hadler Metallbau in Stade: „Als vor ein paar Jahren unsere Buchhalterin schwanger wurde, wollten wir sie unbedingt im Unternehmen halten“, erinnert sich die Unternehmerin. Denn die junge Frau war nicht nur unverzichtbar im Büro, „wir hatten auch ein sehr gutes persönliches Verhältnis“. Hinck entschied sich für eine Lösung per Job-Sharing: Eine neue Mitarbeiterin übernahm einen Teil der Aufgaben, die Buchhalterin kam nur noch einmal in der Woche in den Betrieb und erledigte bei Bedarf Aufgaben daheim. „So hat die Einarbeitung der neuen Kollegin gut geklappt und unsere Buchhalterin hat weiterhin den Überblick.“ Das Modell hat sich für den 13-Mann-Betrieb bewährt. Da war es auch kein Problem, als sich die Mitarbeiterin noch für ein zweites Kind entschied: „Ich war selbst überrascht, wie gut das geklappt hat“, freut sich Hinck.
Der Aufwand lohnt sich
Familienfreundlichkeit macht nicht nur Arbeit. Zum Beispiel profitieren familienfreundliche Betriebe „von geringeren Fehlzeiten und einem niedrigeren Krankenstand“, berichtet Christina Völkers von der Handwerkskammer Lüneburg-Stade. Das bestätigt David Juncke vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik an der Universität Münster. Dessen Wissenschaftler haben eine Reihe von Vorteilen familienfreundlicher Unternehmensführung entdeckt. „Auch die Elternzeit ist in sehr familienfreundlichen Unternehmen kürzer“, berichtet Juncke. Zugleich steige die Attraktivität als Arbeitgeber: Es ist leichter, neue Mitarbeiter zu finden und die Fluktuation kann sinken. Nicht zuletzt könnten Unternehmen vom Imagegewinn profitieren, ergänzt Völkers: „Es gibt Unternehmen, die solche Aktivitäten öffentlichkeitswirksam nutzen und damit neue Kunden gewinnen.“
Nachfrage wird steigen
Juncke erwartet für die Zukunft einen steigenden Bedarf. Demographische Entwicklung und politische Entscheidungen trügen dazu bei, dass die familiären Bedürfnisse der Mitarbeiter immer wichtiger werden: „Es geht nicht nur um Kinder oder um die Mitarbeiterinnen.“ Künftig würden sich Beschäftigte immer häufiger auch um pflegebedürftige Eltern kümmern müssen. Hinzu kommen Ansprüche auf Elternzeit und das geplante Elterngeld. Beides schaffe Anreize, dass sich auch Männer künftig stärker um Familie und Beruf bemühen würden.
Am Bedarf orientieren
Familienfreundlichkeit ist nach Völkers Einschätzung keine Frage der Unternehmensgröße oder des Standorts. „Auch in Kleinstbetrieben lassen sich familienorientierte Lösungen finden.“ Während es für große Firmen sinnvoll sein könne, systematisch Bedarf und Maßnahmen zu planen, sei es in kleineren Betrieben wichtiger, im Gespräch mit den betroffenen Mitarbeitern deren Bedürfnisse zu ermitteln. Möglichkeiten für familienfreundliche Angebote gibt es dann genug (siehe Checkliste). „Dabei sind das keine starren Lösungen“, betont Völkers. „Jedes in Frage kommende Instrument lässt sich flexibel an den Bedarf eines Unternehmens anpassen.“
|
|
|||
|
25.07.2006
|
|
||













