Lange hat es gedauert, bis die betriebliche Altersvorsorge in Fahrt kam. Nun stehen die ersten Auszahlungen an – und für viele Mitarbeiter damit eine böse Überraschung.
von Jörg Wiebking
Für das Alter vorsorgen und Mitarbeiter motivieren? Ulrich Bölke klingen die Forderungen aus Politik und Versicherungswirtschaft noch heute in den Ohren. Dabei ist es schon 15 Jahre her, dass der Bezirkschonsteinfegermeister aus Hemmingen für seine Mitarbeiter Direktversicherungen abgeschlossen hat. Bölke zeigte Weitsicht und fühlte sich verantwortlich: „Ich wollte etwas für meine Mitarbeiter tun.“ Nun ist es soweit: Der erste Kollege wird 60, freut sich auf die Auszahlung – und erlebt eine Überraschung: „Jetzt wird die Summe auf einmal um Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung gekürzt. Die zahlen fast ein Fünftel weniger aus, als wir erwartet hatten“, klagt Bölke.
Was war passiert? 2004 gab es eine unauffällig durchgeführte Gesetzesänderung, erläutert Klaus Stiefermann von der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba) in Heidelberg. Seitdem wird jede Form der betrieblichen Altersvorsorge bei der Auszahlung mit Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung belegt. „So wurden finanzielle Löcher gestopft.“ Einzige Ausnahme seien privat Versicherte. Bei vielen Betroffenen ist diese Information aber gar nicht angekommen. „Gerade im Handwerk, wo die Mehrzahl der Betriebe sich erst spät mit dem Thema beschäftigt hat, kommen erst jetzt die ersten Fälle zur Auszahlung – und da wird den Unternehmen plötzlich klar, was das bedeutet.“ Besonders schmerzhaft würden es diejenigen merken, die sich ihre Police auf einmal auszahlen lassen: „Da fehlen plötzlich auf einen Schlag rund 16 Prozent.“ Wer etwa mit dem Geld die letzte Hypothek auf ein Eigenheim abbezahlen wollte, habe plötzlich eine große Finanzierungslücke. „Im Sinne der betrieblichen Altersvorsorge ist das nicht“, sagt Stiefermann, denn das gehe auch noch zu Lasten der Mitarbeitermotivation. Ändern lasse sich daran indes nichts.
Was tun?
Höchste Gerichte hätten bislang alle Klagen gegen diese Praxis abgeschmettert, bestätigt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten in Henstedt-Ulzburg. „Sogar wer nur kurz direkt versichert war und danach den Vertrag selbst übernommen hat, muss demnach zahlen.“
Rudnik kann die Frustration der Verbraucher verstehen, „doch man sollte nicht überstürzt aus der Police aussteigen“. Sonst müssten alle bisherigen Steuervorteile dem Finanzamt erstettet werden. Zudem würden die Policen dank der derzeit noch geltenden Sozialabgabenfreiheit noch eine Rendite von vier bis fünf Prozent erreichen. „Das schaffen die neuen Produkte nicht.“ Wer eine bessere Anlage finde, könne zudem die Police beitragsfrei stellen, statt sie zu kündigen. Sonst drohten zusätzlich Verluste bei den Steuervorteilen und bei den Bearbeitungsgebühren.
Zynische Krankenkassen
Für Ulrich Bölke ist das alles ein Unding: „Erst fordern die Politiker mehr private Vorsorge, und sobald man sich darum kümmert, kassieren sie da auch noch ab.“ Diese Form der Rechtsunsicherheit sei unerträglich. „Worauf kann man sich denn bei der privaten Altersvorsorge überhaupt verlassen?“ Und als ob das nicht genüge, müsse er sich auch noch zynische Auskünfte seiner Krankenkasse gefallen lassen. „Warum ich mich so aufrege, haben die gefragt. Schließlich müsste ja nicht ich die zusätzlichen Beiträge bezahlen, sondern meine Mitarbeiter.“
|
|
|||
|
19.07.2007
|
|
||










