Handwerker erheben Vorwürfe gegen die Industrie: "Wir haben die Hersteller mit ihren Markenprodukten groß gemacht. Und jetzt verkaufen die an uns vorbei in die Baumärkte."
Jürgen Volmari ist Fußballfan. Weil ein Länderspiel ansteht, will der SHK-Meister es sich vor dem Fernseher so richtig gemütlich machen. Doch aus dem entspannten Sportabend wird nichts, denn noch vor dem Anpfiff verhagelt ihm ein TV-Spot die Laune. In einer Werbung der Baumarktkette Praktiker hält "irgend so ein B-Promi" eine Grohe-Handbrause in die Kamera und jubelt über einen Aktionspreis von 23,99 Euro. Und überhaupt: Es gibt "20 Prozent auf alles".
Dass ein Baumarkt vor einem Millionenpublikum zur besten Sendezeit mit einer Handwerkermarke wirbt, sieht Volmari als Schritt in die Abkehr vom dreistufigen Vertriebsweg. Und Grohe sei da nur ein Beispiel: "Viele andere Hersteller sind nachgezogen und werden noch nachziehen. So eine Werbung ist für mich ein weiterer Sargnagel für das Fachhandwerk."
Bei einem Dumping-Angebot von 23,99 Euro seien die Betriebe chancenlos, schimpft Volmari. Und der Delbrücker Unternehmer schimpft auch deshalb, weil er mit Grohe-Produkten "aufgewachsen" ist und sie gerne verarbeitet. Ein Betrieb, der mit den normalen Einkaufpreisen kalkulieren muss, könne die gleiche Brause keinem Kunden anbieten – geschweige denn damit Geld verdienen. Ein bisschen ist das wie im Fußball: Wenn die Erfolge ausbleiben, droht der Abstieg – und die Vereinstreue fällt schwer.
Die Grohe AG distanziert sich von den Praktiker-Werbeaktionen, der Hersteller lehnt den Vertrieb seiner Produkte durch Baumärkte in einer offiziellen Stellungnahme "entschieden ab". Leider würden Baumärkte "Markenpremium-Produkte mit hohem Bekanntheitsgrad" gerne für Lockangebote nutzen.
Bleibt die Frage: Wie kommen die Produkte dann in die Billigmärkte? "Letztlich über Kanäle, die schwer nachzuvollziehen sind", sagt eine Grohe-Sprecherin auf Nachfrage. Die Aktiengesellschaft sei nun einmal ein internationales Unternehmen. Und wenn ein Händler beispielsweise in Italien eine große Stückzahl kaufe, lasse sich schlecht verhindern, dass der dann wiederum eine deutsche Baumarktkette beliefert.
Volmari ist bei solchen Aussagen skeptisch. "Ich weiß nicht, ob ich an die Geschichte des Unwissenden glauben soll." Immerhin: Grohe ist offen für den Dialog. Die Handwerker um Jürgen Volmari, die sich im Internetportal
haustechnik-dialog organisiert und Grohe in einem offenen Brief ihre Gedanken und Bedenken vorgetragen haben, sind zum Gespräch in den Firmensitz im nordrhein-westfälischen Hemer eingeladen worden. Volmari wartet jetzt auf einen Termin – schließlich will er die nächsten Fußballabende wieder genießen können.
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