Derart vernünftig verläuft natürlich nicht jede Auseinandersetzung. Vor Gericht würden Anwälte schon einmal tiefer in die psychologische Trickkiste greifen, um Zeit zu gewinnen, sagt Lorenz. Vor allem mit provozierenden Zwischenfragen: „Sind Sie aufgeregt?“

Wenn er darauf auch nur mit einem etwas lauteren „Nun ist es aber genug“ reagieren würde, könne ihm ein ausgefuchster Jurist Befangenheit vorwerfen. Dann müsste ein neuer Gutachter bestellt werden, der Prozess könne sich um Monate verzögern. Die neun Mängel, denen der Diplom-Ingenieur und die beiden Anwälte nachspüren, beschäftigen die Parteien seit zwei langen Jahren – ein weiteres Verschleppen nützt keinem der Beteiligten.
Zweiter Stock. Eine ältere Dame öffnet die Tür. Nein, sie wisse auch nicht, wo die strittigen Risse in ihrer Wohnung zu finden sind. Neues Aktenwälzen. Im Wohnzimmer soll der „Leibungsbereich des straßenseitigen Fensters“ betroffen sein. Und tatsächlich: In diesem Fall ist der Mangel eindeutig. Während Lorenz zur Kamera greift und die Risse hinter dem Sofa dokumentiert, suchen die Anwälte in ihren Unterlagen gemeinsam nach der nächsten Mängelrüge.
Das Sachverständigenwesen ist nur ein kleiner Teil in Lorenz' Berufsleben. Vor allem anderen ist er ein erfolgreicher Bauunternehmer mit mehr als 50 Mitarbeitern. Und dann ist da auch noch sein Ehrenamt als Präsident des Niedersächsischen Baugewerbeverbandes. Müsste der Mann nicht schon von Berufswegen parteiisch sein? „Ganz klar: Nein!“, antwortet er. Jede Seite habe so ihre „Spezifikationen“, und es gebe genügend Betriebe, die Murks fabrizieren: „Vielleicht auch, weil sie mit dem Preis ordentlich gedrückt worden sind. Aber es ist nicht meine Sache zu entscheiden, ob ein Preis auskömmlich ist oder nicht.“