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26.02.2008
HANDWERK
AKTUELL
Volles Rohr abkassiert?
hausierer
Kanalsanierer und Baudienstleister haben Staatsanwälte auf den Plan gerufen.

Sie sei der „klassische Fall“, sagt Heidrun Müller*. Die 81-Jährige, die allein lebt und gehbehindert ist, hat 2006 Handelsvertreter der BV Baudienstleistungs GmbH & Co. KG ins Haus gelassen. „Die haben gesagt, der Abflusskanal müsse überprüft werden.“ Was Müller nach der Prüfung erfuhr, machte ihr Angst: „Es hieß, wenn ich die Leitung nicht reparieren lasse, wird mein Haus wegschwimmen“, erzählt sie. In der Folge unterschrieb sie einen Sanierungsauftrag nach dem anderen. Kosten: Mehr als 17.000 Euro. Doch der Abfluss leckte anscheinend weiter. Nach einiger Zeit jedenfalls meldete sich die Firma wieder wegen Reparaturen. „Ich fühle mich betrogen“, sagt Müller.

Mit ihrem Verdacht steht sie nicht alleine da. Bundesweit haben sich Kunden über die vormals in Leipzig ansässige Firma beschwert. Die örtliche Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben in einem Sammelverfahren, dem rund 70 Strafanzeigen zugrunde liegen, wegen des Verdachts des Betrugs und Wuchers. Im Visier haben die Juristen den Ex-Geschäftsführer des Baudienstleisters, Frank N., sowie mehrere Handelsvertreter. Geschädigte seien zumeist Menschen wie Müller: ältere bis hochbetagte, die allein in ihren Häusern wohnen.

Eine Spur, der die Staatsanwälte folgen, führt nach Bergkamen (Nordrhein-Westfalen). Dort residiert am Hafenweg 13-17 die Direct Home Corporation GmbH (DHC). Mit diesem Unternehmen ist der Leipziger Baudienstleister Ende 2006 verschmolzen. Die DHC lobt sich auf ihrer Website als „eines der marktführenden Unternehmen für die Bereiche Modernisierung und Sicherheit im Privatkundensektor“. Die Staatsanwaltschaft in Wuppertal sieht die Firma in einem anderen Licht. Wie der Sprecher der Behörde mitteilt, läuft derzeit wegen eines weiteren Falls ein Ermittlungsverfahren „gegen Verantwortliche“ der DHC.

Schatten auf dem Handwerk

Und das wirft einen langen Schatten auf den Wirtschaftszweig: Die Bergkamener, die mit den Marken Aura, Renoka und Agenta ** am Markt auftreten, gehören selbst zum Handwerk. In der Rolle der Kammer Dortmund ist die DHC seit 2004 eingetragen. Mit der gleichen Anschrift wie die DHC waren bis Mai 2004 die Aura Bauelemente GmbH und danach bis Oktober 2004 die Aura Bauelemente GmbH & Co. KG registriert. Dem Leiter der Rolle, Ulrich Verlemann, klingt der Name Aura Bauelemente noch heute in den Ohren.„In den Jahren bis zur Löschung aus der Rolle haben sich bei uns oft ältere Hausbesitzer oder deren Angehörige nach Aura erkundigt“, erinnert er sich. Die Anrufe seien aus ganz Deutschland gekommen. Sind solche Anfragen üblich? „Ganz und gar nicht“, sagt Verlemann.

Aktenkundig ist die Aura Bauelemente GmbH auch bei der Justiz. 2003 klagte die Staatsanwaltschaft Itzehoe wegen Betrugsverdacht gegen einen Handelsvertreter der Firma „in Kooperation“ mit der ehemaligen Auro Dach- und Fassadensysteme GmbH – Sitz ebenfalls in Bergkamen, Hafenweg 15. Im November 2007 fand vor dem Amtsgericht in Tuttlingen ein Strafverfahren gegen zwei Handelsvertreter statt, denen Wucher vorgeworfen wurde. Beide Prozesse endeten jedoch aufgrund der schwierigen Beweislage mit Freispruch. Anders ein Zivilprozess in Dortmund im November 2003. Das Landgericht verurteilte die Aura Bauelemente GmbH, vertreten durch den damaligen Geschäftsführer Ralf K., wegen unlauterer Telefonwerbung, Verstößen im Zusammenhang mit Haustürgeschäften und Klauseln in den allgemeinen Geschäftsbedingungen.

"Ich habe mich geschämt"

Wie erklärt die DHC die Konflikte mit der Justiz? Geschäftsführer Jan Lippold habe nur spärliche Informationen über Aktivitäten der ehemaligen Aura Bauelemente GmbH, versichert ein Anwalt der DHC. Lippold sei erst seit Mai 2004 Geschäftsführer. Auch habe es vor der Verschmelzung keine Geschäftsbeziehungen zwischen der DHC und der BV Baudienstleistungs GmbH & Co. KG gegeben. Von den Ermittlungen gegen Frank N. habe Lippold erst Mitte 2007 erfahren. N. sei daraufhin abberufen worden. Auf die Frage, wie es sich erklären lässt, dass die Geschäftspraktiken von Renoka und Aura bei Verbrauchern immer wieder Anstoß erregen, antwortet der Anwalt: „Dass sich Kunden beschweren, lässt sich leider nicht verhindern.“ Gelegentlich seien solche Beschwerden auch berechtigt, die DHC bemühe sich dann um Abhilfe.

Heidrun Müller hat sich nirgends beschwert. Warum? „Ich habe mich geschämt und wollte mein Selbstwertgefühl nicht noch mehr belasten.“


* Name von der Redaktion geändert.
** Die Marken Renoka und Agenta gibt es laut Website der Direct Home Corporation inzwischen nicht mehr.

(mfi)


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