Irgendwann braucht fast jeder eine Brille. Doch nicht jede Brille taugt etwas. Sind die Optiker schuld?von Jörg Wiebking
Rund zwei Drittel aller Deutschen sind Brillenträger. Doch richtig gut sehen können viele trotz ihrer Brille nicht, glaubt Wolfgang Müller, Augenoptikermeister aus Bad Essen. "Die Zahl der Beschwerden nimmt zu, vor allem bei hochwertigen Brillen", berichtet der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige. Schuld seien oft die Optiker selbst: "Viele Betriebe vernachlässigen völlig die Fortbildung" und könnten folglich moderne Materialien und Geräte nicht richtig einsetzen. "Früher hatte ich zwei Beschwerden im Jahr, jetzt sind es zwei im Monat", berichtet Müller. Das sei jedoch nur die Spitze des Eisbergs, denn es beschweren sich vor allem jene "Kunden, die 800 oder 1000 Euro für ihre Brille ausgeben". Das Gros der Brillenträger akzeptiere stillschweigend Probleme beim, etwa am Arbeitsplatz oder am Steuer.
Die Augenoptiker spielen bei dieser Entwicklung eine wesentliche Rolle, sagt Müller. Schwachstellen gebe es überall: bei der Bedarfsanalyse, beim Bestimmen der Brillenwerte und beim Anpassen der fertigen Brille. Und immer wieder beim Know-how. „In unserer Branche wird das Wissen innerhalb von fünf Jahren umgewälzt. Wer sich in diesem Zeitraum nicht weiterbildet, hat erhebliche Wissenslücken.“ Darum fordert Müller von seinen Kollegen mehr Einsatz bei der Fortbildung. „Qualifikation zahlt sich aus, denn mit diesen Zertifikaten lässt sich ausgezeichnet werben.“
Angebote zur Fortbildung von Augenoptikern gibt es jedenfalls genug: „Unsere fachwissenschaftlichen Vereinigungen bieten viele Fortbildungen an, und die Fortbildungsbereitschaft ist relativ hoch“, betont Thomas Nosch vom Zentralverband der Augenoptiker (ZVA). Allerdings nehme die Bereitschaft, Zeit und Geld zu investieren mit der Betriebsgröße ab, räumt der ZVA-Präsident ein. Doch gerade die kleinen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis 250.00 Euro machen laut ZVA-Statistik fast die Hälfte aller Betriebe aus- eine Folge der Gesundheitsreform, die die Branche nicht nur viel Umsatz gekostet hat. „Da hat manch arbeitsloser Meister den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt“, sagt Nosch.
Ob der Handlungsbedarf in Sachen Fortbildung so groß sei, wie ihn Gutachter Müller sieht, bezweifelt Nosch: Für die allgemeine Zufriedenheit der Kunden spreche der jährliche „Kundenmonitor Deutschland“. In dieser Umfrage zur Kundenzufriedenheit belegen die Optiker seit Jahren den ersten Platz. „Da schätzen die Verbraucher die Optiker als exzellent ein“, freut sich Nosch. Das stimmt, allerdings zeigt der Kundenmonitor auch, dass mehr als 30 Prozent der Optiker-Kunden bereit sind, den Anbieter zu wechseln. Allein in diesem Jahr hat die Absicht, dem Optiker treu zu bleiben, um neun Prozent abgenommen – schlechtere Werte hat nur der Lebensmittelhandel.
Gutachter Müller sieht sich von solchen Zahlen bestätigt. Seinen Kollegen rät er, aus Eigeninitiative mehr in Fortbildung zu investieren. „Sonst droht am Ende irgendwann der Gesetzgeber mit der Pflicht zur Fortbildung – so wie es bei den Ärzten schon der Fall ist.“