von Jörg Wiebking
Drei Männer marschieren am helllichten Tag in eine Bäckerei, halten der Verkäuferin ein Messer vor die Nase, nehmen 300 Euro aus der Kasse und flüchten. Kein Einzelfall, rund 4000 Geschäfte werden jedes Jahr bundesweit überfallen. Wer eine Kasse im Laden hat, ist ein potenzielles Opfer, egal ob Bäcker, Fleischer, Friseur oder Juwelier. Zwar geht es oft nur um wenig Geld. Doch was wirtschaftlich zu verkraften ist, kann für die betroffene Mitarbeiter einschneidende Folgen haben: Die Auswirkungen reichen bis zur völligen Arbeitsunfähigkeit.
„Wenn die Beschwerden länger bleiben, gibt es oft ein Vermeidungsverhalten: Die Menschen gehen nicht mehr aus dem Haus, gehen vielleicht nicht mehr zur Arbeit und leiden körperlich unter Symptomen, zum Beispiel unter Schmerzen, Alpträumen und Schlafstörungen“, berichtet Sylvia Schramm vom Zentrum für Psychotraumatologie in Kassel. Solche Störungen könnten mit der Zeit stärker werden, auch andere Probleme wie Depressionen, Nervosität und Konzentrationsmangel und Vergesslichkeit seien nicht ungewöhnlich.
So weit muss es nach einem Raubüberfall nicht kommen, weiß Schramm. „Zwei Drittel der Betroffenen verkraften den Schock aus eigener Kraft und mit Hilfe von Freunden und Angehörigen.“ Doch das braucht seine Zeit, denn „dieses plötzliche und unerwartete Ereignis löst ein Gefühl von Ohnmacht und subjektiver Lebensbedrohung aus“, das nicht so einfach verschwindet. Die Opfer reagieren darauf ganz unterschiedlich: Wut, Angstattacken, Selbstzweifel, Stimmungsschwankungen und Schlafprobleme kämen besonders häufig vor, berichtet die Psychologin.
Arbeitgeber können den Heilungsprozess in dieser Phase unterstützen. „Mitarbeiter leiden oft unter Schuldgefühlen, darum ist es wichtig, ihnen deutlich zu sagen, dass sie keine Verantwortung für dieses Ereignis haben“, betont Schramm. Hilfreich sei es zudem, wenn sich der Arbeitgeber um die Sicherheit der Mitarbeiter kümmert. Allerdings sollten Chefs nicht einfach Sicherheitsmaßnahmen einleiten, sondern die Mitarbeiter fragen, was sie brauchen, um sich sicher zu fühlen. „Oft helfen schon Absprachen über die Arbeitszeit, die es den Betroffenen ermöglichen, schrittweise wieder einzusteigen.“
Verschwinden die Symptome nach vier Wochen nicht, dann sollte der Arbeitgeber allerdings anregen, dass sich betroffene Mitarbeiter um professionelle Hilfe bemühen, rät Schramm. Erste Anlaufstellen könnten regionale Beratungszentren, Traumazentren oder Opferhilfen wie der Weiße Ring sein.
Einen völlig anderen Weg, mit dem Schock umzugehen, hat ein norddeutscher Juwelier gefunden. Auch wenn die Polizei davon ausdrücklich abrät: Christoph P.* wehrt sich bei Überfällen. „Wir wurden bis jetzt sechs Mal überfallen und haben jedes Mal mindestens einen der Täter erwischt“, berichtet der Unternehmer. Er sei zwar nicht bewaffnet und habe auch Selbstverteidigung nicht gelernt, doch „wenn die Wut so groß ist, dann vergesse ich alles und gehe auf die Täter los“.
Vom Rat der Polizei, sich nicht zu wehren und die Forderungen der Täter zu erfüllen (siehe Checkliste) hält er wenig: „Die Sicherheit der Mitarbeiter und Kunden geht natürlich vor, aber wenn die gewährleistet ist, fände ich es psychologisch gefährlich, mich einfach so in die Opferrolle zu begeben. Weil ich mich wehre, kann ich besser damit umgehen.“Auch sein Personal verkrafte die Überfälle erstaunlich gut. „Bis jetzt musste noch niemand zum Psychologen, wir fangen das hier mit einer familiären Atmosphäre auf.“









