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17.07.2008
KRISENMANAGEMENT
AKTUELL
Die Angst vor dem Berater
pleite_wasser
Die Firma steht am Abgrund, und die Nation schaut vorm Fernseher zu? Wohl eher nicht. Wer wirklich Hilfe braucht, findet sie auch ohne Öffentlichkeit.
Hagen hilft - und bleibt die Ausnahme. Ratschläge vor laufender Kamera bekommen wohl die wenigsten Unternehmer. Und wer wünscht sich das überhaupt? Auf Karen H. (Name von der Redaktion geändert) müssen Sender wie Kabel1 oder RTL jedenfalls verzichten. Der Unternehmerin ist das Thema alles andere als angenehm: "Wir hätten natürlich schon früher einen Berater hinzuziehen müssen, aber das ist alles nicht so einfach", berichtet die Chefin eines norddeutschen Handwerksbetriebs. Denn da ist zum Beispiel die Familie, die den Betrieb immerhin drei Generationen ohne Berater über Wasser gehalten hat. Und der Ehemann, der "ein sehr guter Handwerker" ist, aber jede Nachfrage nach Cash-Flow oder Umsatzerlös gleich als persönliche Beleidigung auffasst. Und so richtig konnte Karen H. die Probleme lange Zeit auch gar nicht fassen: "Wir waren ja hoffnungslos mit unseren Rechnungen hinterher." Viel Arbeit, viel Umsatz, "und trotzdem blieb nichts übrig". Ganz zu schweigen vor der Suche nach dem passenden Berater: Ein paar tausend Euro Honorar können einem angeschlagenen Betrieb leicht den Rest geben, weiß H. Und ob der Rat etwas taugt? "Das steht ja an jeder Ecke einer, der einem Hilfe verspricht, aber wem kann man denn vertrauen?".

Seriöser Rat für kleines Geld
Kein Einzelfall, wie Rainer Kissel von der Handwerkskammer Oldenburg bestätigt: Wer schon Probleme hat, findet nach seiner Erfahrung oft gute Gründe, sich nicht helfen zu lassen. "Meist muss erst die Hausbank oder ein Lieferant die Notbremse ziehen, bevor etwas passiert." Doch zumindest dem schlechten Rat falscher Berater können Handwerker aus dem Weg gehen: Die Kammern bieten eine kostenlose Erstberatung an. "Das dauert nur drei bis vier Stunden und danach können wir schon eine Einschätzung abgeben, ob sich noch etwas machen lässt", berichtet Kissel. Wenn es noch Chancen gibt, reichen die Kammern den Fall dann an den "Runden Tisch" weiter. Dahinter verbergen sich von der KfW finanzierte Krisenberater, die den Betrieb intensiver analysieren und erste Lösungsansätze entwickeln. Völlig kostenlos sei das Ganze trotz Förderung unter dem Strich nicht, räumt Kissel ein: Bis zur Umsetzung müsse ein Betrieb mit durchschnittlich 3500 Euro Kosten rechnen. Doch die Erfolgsquote sei sehr gut. Zumal die Kammern bei der Auswahl der Berater helfen.

Unternehmer müssen mitmachen
Ganz unberechtigt ist die Sorge vorm Berater dennoch nicht. Denn gerade seriöse Helfer machen Arbeit: "Wer schnelle Lösungen und ein fertiges Konzept erwartet, der kann sich die Beratung gleich sparen", sagt Unternehmensberater Peter Gillhaus aus Varel. "Beratung bedeutet Veränderung, die muss der Unternehmer mittragen." Gillhaus setzt vor allem beim Controlling an. Wo es keins gibt, baut er gemeinsam mit dem Unternehmer eines auf. "Bevor man Lösungen erarbeiten kann, muss man die Produktivität und Leistung kontrollieren." Oft gehe es auch um unangenehme persönliche Dinge, "solche, die den eigenen Lebenswandel betreffen". Ein Arbeitgeber könne wohl kaum von seinen Mitarbeitern Lohnkürzungen verlangen, wenn er zum Gespräch im 7er BMW vorfährt. "Wer nicht bereit ist sich zu ändern und Dinge anzupacken, der sollte es lieber gleich lassen", sagt Gillhaus.

Für Karen H. hat sich der Aufwand gelohnt: Sie hat jetzt wieder den Überblick, der Leerlauf ist weniger geworden, die Rechnungen gehen zügig raus, und auch die Hausbank ist wieder zur Hilfe bereit. "Die Beratung hat uns wirklich etwas gebracht, alleine wäre uns das sicher schwerer gefallen."

Weiterlesen:
  [Die Angst vor dem Berater]
  [Förderung ist nicht alle]


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27.06.2007
KRISENMANAGEMENT
AUS DER PRAXIS
Sanierung nach Plan
Pleite
Jemand geht pleite und führt sein Unternehmen trotzdem weiter. Dank Insolvenzplanverfahren. Noch wird diese Sanierungschance nur von wenigen genutzt.

von Astrid Funck

An Aufträgen habe es ihm nie gemangelt, sagt Ludwig Dierle, Geschäftsführer eines kleinen Bauunternehmens in Offenburg-Windschläg im Schwarzwald. Aber die nachlassende Zahlungsmoral seines Hauptauftraggebers, einer Wohnungsbaugesellschaft, machte ihm schwer zu schaffen. Anfang 2006 musste Dierle Insolvenz anmelden, doch er gab nicht auf. Die Firma hat überlebt, und Dierle ist immer noch ihr Chef.

Er hatte Glück, weil er an einen Insolvenzverwalter geriet, der das Unternehmen fortführen wollte, und weil der Gesetzgeber dafür 1999 mit der Reform des Insolvenzrechts ein Instrument geliefert hat: das Insolvenzplanverfahren. Der Insolvenzplan stellt die Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage des Unternehmens dar und beschreibt, in welchen Schritten es saniert werden soll. Außerdem legen die Beteiligten darin fest, wie die Gläubiger befriedigt werden sollen und ob und wann der Unternehmer von seinen restlichen Schulden befreit wird. Voraussetzung ist, dass die Gläubiger dadurch nicht schlechter gestellt werden als bei einer Auflösung der Firma.

Nach Angaben von Peter Kranzusch, Insolvenzexperte am Institut für Mittelstandsforschung Bonn (ifm), sind viele Insolvenzplanverfahren bereits nach einem Jahr abgeschlossen. Die Unternehmer sind ihrer Schulden ledig, Arbeitsplätze bleiben erhalten. Dass die Quote der plansanierten Unternehmen in Deutschland noch unter einem Prozent vor sich hin dümpelt, liegt Kranzusch zufolge zum einen an den Insolvenzverwaltern, die von den Gerichten bestimmt werden, ohne dass die Schuldner dabei ein Mitspracherecht haben. Viele Insolvenzverwalter hätten weder die Erfahrung noch das Fachwissen, um unter extremem Zeitdruck einen Sanierungsplan aufzustellen. Sie scheuten die Haftungsrisiken und wählten meist den bequemeren Weg: die Zerschlagung des Unternehmens. Hinzu käme, dass die krisengebeutelten Unternehmer vor den Verfahrenskosten und bürokratischen Hürden zurückschreckten. “Zum Beispiel sind hundertseitige Musterpläne entwickelt worden, obwohl sich viele Gläubiger auch mit kürzeren, aber plausiblen Plänen zufrieden geben.”

Mit Abstand am größten ist der Sanierungswille in Sachsen: Dort gibt es nämlich den bundesweit einmaligen Finanzierungsfonds “Krisenbewältigung und Neustart”, aus dem speziell Betriebe gefördert werden, die das Insolvenzplanverfahren durchlaufen. Ein Vorab-Check der Handwerkskammern zeigt, ob das jeweilige Unternehmen die Fördervoraussetzungen erfüllt.

Bei der Ludwig Dierle Bauunternehmung GmbH hat das Planverfahren nur ein halbes Jahr gedauert. Insolvenzverwalter Cornelius Nickert ist mit dem Ergebnis zufrieden. “Das A und O ist die frühzeitige Antragstellung”, betont er. Für Ludwig Dierle geht es nun wieder bergauf: Obwohl er im Zuge der Sanierung drei Stellen streichen musste, hätten die übrigen sechs Mitarbeiter “voll mitgezogen”. Und seine Kunden seien ihm treu geblieben, weil er offen mit ihnen über die Insolvenzgründe geredet habe, sagt der Firmenchef. Sogar weiterempfohlen hätten sie ihn.

Weiterlesen:
  [Sanierung nach Plan]
  [So erhöhen Sie die Rettungschancen:]


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