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Basteln in Perfektion

Die Miniaturgiganten

Diese Spezialisten bauen aus gewöhnlichen Kunststoffplatten exklusive Bauwerke. Dafür zahlt die Kundschaft gern mal den Preis eines Sportwagens.

Stadion-Entwurf für Sotschi
02 Hannemann Modellbau Sotschi
Stadion-Entwurf für Sotschi - Wettbewerbs-Modell für das neue Olympiastadion im russischen Sotschi.
Wettbewerbs-Modell für das neue Olympiastadion im russischen Sotschi.
Foto: Holger Knauf

Ein Privatjet für ein Kunststoffmodell? Kein Problem. Manchmal reisen die Werke von Hannemann Modellbau sehr exklusiv, um rechtzeitig ihren Zielort zu erreichen. So kam ihr Design-Modell für das Olympiastadion in Sotschi 2009 per Privatflieger nach Russland. Warum? „Ein gutes Modell kann den Unterschied machen, ob ein Architekt den Zuschlag für ein Projekt bekommt oder nicht“, sagt Wolfgang Hannemann, Gründer und Geschäftsführer von Hannemann Modellbau.

Kunststoffkunst für 100.000 Euro
Hannemanns Kunde, ein Architekt, gab das Modell für einen Designwettbewerb des neuen Stadions in Auftrag. Geht der Entwurf als Gewinner aus dem Wettbewerb, wird er in Sotschi gebaut. Doch dafür muss er rechtzeitig ankommen.

Der Bau von Stadien, Museen und Wolkenkratzern gehört zum Alltagsgeschäft von Hannemann Modellbau. Wer die Spezialisten beauftragt, ist schon mal bereit, fünfzig-, sechzig- oder hunderttausend Euro zu investieren. Denn oft sind die Kunststoffbauten der Schlüssel zu Millionenaufträgen. Im Fall des russischen Olympiastadions hat das nicht funktioniert, obwohl es rechtzeitig ankam, bei anderen Projekten − wie der Baltic Arena im polnischen Danzig und dem Stadion für den russischen Fußballverein Spartak Moskau − hingegen schon.

Firmenchef Wolfgang Hannemann
03 Hannemann Wolfgang
Firmenchef Wolfgang Hannemann - Modell mit Funktion: Wolfgang Hannemann zeigt das Innenleben der herausnehmbaren Etage eines Hochhauses.
Modell mit Funktion: Wolfgang Hannemann zeigt das Innenleben der herausnehmbaren Etage eines Hochhauses.
Foto: Denny Gille
2.500 Stunden Arbeit am Modell

Die Auftraggeber des Oldenburger Unternehmens sind Architekten, Projektentwickler und sogar Raumfahrtunternehmen. „Die größte Herausforderung in jedem Projekt ist es, die Wünsche des Kunden zu erkennen und dafür die richtige Lösung zu finden“, erzählt der Firmenchef. In den einfachsten Modellen stecken schon 30 Arbeitsstunden der Modellbauer – bei den komplexesten Werken sind es 2.500 Stunden.

Damit jedes Modell seine Betrachter begeistert, braucht es etwas Außergewöhnliches. „Wir kämpfen gegen die Computervisualisierung. Gegen eine perfekte Bilddarstellung, die bald jeder Architekt selbst anfertigen kann“, sagt Hannemann. Die Waffen der Modellbauer in diesem Kampf gegen das digitale Abbild sind Inszenierungen mit Licht und Bewegung: Mal sorgen leuchtende LED-Bänder für eine beinahe lebensnahe Atmosphäre im Miniaturstadion, mal öffnet eine Hydraulik ganze Kaufhäuser per Knopfdruck, um ihr Innenleben zu präsentieren.

Wie der Modellbau der Raumfahrt hilft, lesen Sie auf Seite 2.

Forschen am Nachbau

Modell im All
04 Hannemann Modellbau ISS
Modell im All - Verbindungsmodul der Raumstation ISS. Per Fotomontage kommt diese Plastikversion ins Weltall.
Verbindungsmodul der Raumstation ISS. Per Fotomontage kommt diese Plastikversion ins Weltall.
Foto: Hannemann

Die Ansprüche an die Funktionalität gipfeln in einigen technischen Modellen, die Hannemann Modellbau für Raumfahrtorganisationen wie ESA und EADS angefertigt hat. Neben Nachbauten der Internationalen Raumstation ISS haben die Modellbauer verschiedene Trägerraketen für diese Auftraggeber angefertigt – einige Großkomponenten davon im Originalmaßstab.

Und manchmal haben die Modelle ganz praktische Aufgaben: Für EADS baute das Unternehmen beispielsweise ein Acrylglasmodell, anhand dessen die Forscher das Fließverhalten von Flüssigkeit unter Schwerelosigkeitsbedingungen untersucht haben. Wolfgang Hannemann scheint für solche Aufgaben prädestiniert zu sein – neben einem Meisterbrief im Modellbau hat der 64-Jährige auch ein Diplom in Luft- und Raumfahrttechnik von der TU München.

Sensible Daten gut gesichert
Kritisch bei solchen Technikmodellen, aber auch bei vielen Architekturprojekten, ist die Wahrung der Firmengeheimnisse der Auftraggeber. „Die dürfen unter keinen Umständen unsere Werkstatt verlassen“, sagt Hannemann. Um die nötige Diskretion gewährleisten zu können, setzt er auf eine hohe technische Sicherheit – die relevanten Computer sind vom Internet abgekoppelt – und auf eine geringe Mitarbeiterstärke. „Mit zehn Leuten ist man gerade noch klein genug“, sagt Hannemann. Etwa fünf unterschiedlich große Aufträge kann der Betrieb in dieser Stärke parallel bearbeiten.

Damit das effizient gelingt, haben sich die Mitarbeiter stark spezialisiert. Das ist nötig, weil die moderne Technik zwar unglaublich leistungsstark, aber ebenso komplex ist und viel Einarbeitungszeit erfordert. Spätestens, wenn die Fassade komplexer Bauwerke mit allen Fugen und Abplatzungen über Standard-Fotografien von einem Laser erfasst, interpretiert und digitalisiert, nachbearbeitet und schließlich mit einer Fräse aus dem Kunststoff geschliffen wird, stoßen selbst Modellbau-Multitalente an ihre Grenzen.

Spezialisten im Einsatz
Hannemann Modellbau hat daher zwei Grafik-Experten am Computer, einer beschäftigt sich vorrangig mit der 3D-Modellierung, der andere mit den CAD-Daten für die Weitergabe an die mechanischen Frästische, den Laserschneider oder 3D-Drucker. Sind die Einzelteile gefertigt, werden sie sorgfältig zusammengesetzt, in der eigenen Lackiererei lackiert und gegebenenfalls um Accessoires wie Menschengruppen, Büro- oder Wohneinrichtungen erweitert.

Und wenn die Detailtreue danach verlangt, 10.000 kleine Sitze mit Klebstoff, Pinsel und Pinzette auf winzige Stadiontribünen zu setzen, packen alle gern mit an. Zur Not bis in die Nacht. Auch diese Leidenschaft gehört zur Kunst des Modellbaus. „Ohne die geht nichts“, sagt Hannemann.

(deg)

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