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Dokumentationspflichten in der Praxis

Mindestlohn: Betriebe stoßen an ihre Grenzen

Bundeskanzlerin Merkel will das neue Mindestlohngesetz zugunsten kleiner Betriebe entschärfen – vielleicht. Was Kollegen aus dem Handwerk in der Praxis nervt, lesen Sie hier.

Von verärgert, bis ratlos:
Frau verägert Bürokratie Zettelwirtschaft Mindestlohn
Von verärgert, bis ratlos: - Viele Betriebe sind mit dem neuen Gesetz nicht einverstanden und haben jede Menge Zettel auf dem Tisch.
Viele Betriebe sind mit dem neuen Gesetz nicht einverstanden und haben jede Menge Zettel auf dem Tisch.
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Seit Januar ist das Mindestlohngesetz in Kraft, schon kündigt die Kanzlerin eine Überprüfung an. Sie werde darauf achten, „eine dauerhaft bürokratische Belastung für Kleinunternehmen zu vermeiden“, sagte sie. Was genau verändert werden soll, werden die nächsten Wochen zeigen.

Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat bereits Nachbesserungen gefordert. „Wir brauchen eine Befreiung der Dokumentationspflichten zumindest ab einem verstetigten Bruttomonatsgehalt von 2200 Euro“, sagte ZDH-Präsident Peter Wollseifer.

"Unausgegorene Vorschriften"
Seit Jahresbeginn hat Petra Wolff mehr Zettel auf dem Schreibtisch denn je. Die Fleischermeisterin aus Northeim fertigt den Dienstplan und die dazugehörigen Listen nun doppelt an. „Die Aufzeichnungspflichten sind absolut unausgegorene Vorschriften“, sagt sie. Wöchentlich müsse sie nun kontrollieren, ob jeder der 18 Mitarbeiter alles korrekt aufgezeichnet hat.

Füllt vor Arbeitsbeginn ohnehin schon viele Zettel aus:
Petra Wolff
Füllt vor Arbeitsbeginn ohnehin schon viele Zettel aus: - Fleischermeisterin Petra Wolff aus Northeim.
Fleischermeisterin Petra Wolff aus Northeim.
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Überstunden müssen separat vermerkt werden. Ärgerlich für die Unternehmerin: „Normalerweise war es zum Beispiel bei den Herren in der Produktion so, dass sie mehr arbeiten, wenn mehr zu tun ist. Und wenn weniger anfällt, können sie eben eher gehen. Das wird mit dem neuen Gesetz schwierig. Außerdem gucken mich die Mitarbeiter verdutzt an, was diese Zettelwirtschaft soll“, erläutert Wolff.

In Fleischereien gebe es ausreichend Bürokratie. Die neuen Vorschriften sind ein Packen obendrauf. „Letztendlich bleibt alles bei mir als Chefin hängen. Und ich habe beispielsweise weniger Zeit für die strategische Ausrichtung des Betriebs. Das ist jammerschade!“

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viel Ärger mit den Dokumentationspflichten.

"Das macht keinen Sinn"

Über bergeweise Akten verärgert sind viele Betriebe.
Akten Ärger quer
Über bergeweise Akten verärgert sind viele Betriebe. - Sie haben durch die Dokumentationspflichten einen Haufen Mehrarbeit.
Sie haben durch die Dokumentationspflichten einen Haufen Mehrarbeit.
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Obwohl die Dachdecker schon seit einigen Jahren einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn haben, ist die Firma Bock Industriebedachungen noch kein Fan der Dokumentationspflichten geworden. „Es ist einfach nervig für die Mitarbeiter auf der Baustelle, ständig die Zettel mit sich zu tragen und alles genau zu dokumentieren“, sagt Cornelia Bock. Die Dachdecker beklagten sich und im Büro sei die Kontrolle ein großer Mehraufwand.

Der Betrieb beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter. „Wenn ich die Zettel kontrolliere und Fehler feststelle, dauert es lange, bis ich die Leute per Telefon erreicht habe“, sagt sie.

Seit dem neuen Gesetz müssen auch die Bürokräfte, Mini-Jobber und Reinigungskräfte ihre Arbeitszeiten dokumentieren. „Ich könnte meine Zeit wirklich besser nutzen, als mich um die Zettelwirtschaft zu kümmern“, sagt Cornelia Bock. Ändern könne sie nichts an den Vorschriften, aber sollte der Zoll vorbeischauen, will sie auch alle Unterlagen ordnungsgemäß vorweisen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum in einigen Betrieben alles im "grünen Bereich" ist.

"Alles ist eingespielt"

Sieht das neue Mindestlohngesetz nicht als Hürde:
Petra Wehenkel Dachdeckerei Mairose
Sieht das neue Mindestlohngesetz nicht als Hürde: - Petra Wehenkel von der Dachdeckerei Mairose in Holzminden
Petra Wehenkel von der Dachdeckerei Mairose in Holzminden
Jahn


In der Dachdeckerei Mairose im niedersächsischen Holzminden sieht es anders aus. „Hier ändert sich nicht wirklich viel“, sagt Petra Wehenkel. Wir haben in der Branche schon seit Jahren einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn, der weit über den 8,50 Euro liegt. Unsere Mitarbeiter sind an das Dokumentieren gewöhnt und das klappt auch gut“, ergänzt die Unternehmerfrau.

Der Betrieb mit acht Mitarbeitern beschäftige auch keine Aushilfen, so dass die Neuerungen für die 450-Euro-Kräfte sie nicht betreffen.

"Reibungsloser Ablauf dank elektronischer Erfassung"
Auch im ostfriesischen Uplengen verbreitet das Gesetz wenig Aufregung. Die Bäckerei Hoppmann nutzt seit fast zehn Jahren ein elektronisches Zeiterfassungssystem für die Aufzeichnung der Arbeitsstunden aller Mitarbeiter – ob Teil- oder Vollzeitkräfte. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Bäckermeister Daniel Hoppmann. Mit Blick auf die 400 Mitarbeiter und 29 Filialen sei das auch sinnvoll.

Die Verkäuferinnen haben einen sogenannten Touch Key an ihrem Schlüsselbund und können sich an jeder Kasse anmelden. Für die Mitarbeiter in der Produktion läuft das ähnlich. Die Arbeitsstunden gehen dann gebündelt in der Lohnbuchhaltung ein.

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(ja)

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