handwerk.com Archiv
Aktuelle Inhalte findest Du unter www.handwerk.com.

Abschlussarbeiten

Drei Handwerker und ihre Lieblingsstücke

Das Gesellenstück ist für viele Handwerker ein wichtiger Teil ihres Werdegangs. Drei Handwerker stellen uns ihre Abschlussarbeiten vor.

Gesellenstück

Gesellenstueck_JanvanRiesenbeck (4)
 - Jan van Riesenbeck – Tischler, Berlin
Jan van Riesenbeck – Tischler, Berlin
Foto: Privat

Jan, dein Tischler-Gesellenstück ist ein echter Allrounder …
Jan van Riesenbeck: Ich wollte ein Möbelstück bauen, in dem ich in erster Linie meinen Plattenspieler und die dazugehörigen Platten unterbringen kann. Gleichzeitig wollte ich aber auch etwas Wandelbares und nicht allzu Klobiges entwerfen und mich durch Materialwahl und Form von anderen Hifi- und DJ-Möbeln absetzen.

Welche Materialien hast du gewählt?
Jan van Riesenbeck: Mein Gesellenstück soll mich noch lange begleiten und mit mir, beziehungsweise durch meinen Gebrauch, altern. Ich habe mich deshalb für Materialien wie Leder und Kupfer entschieden. Diesen Materialien sieht man die tägliche Nutzung an. So wird das Möbelstück auch im Laufe der Jahre noch weiter von mir geprägt und entfaltet dadurch eine große Individualität.

Das heißt, dein Gesellenstück hat einen festen Platz in deiner Wohnung?
Jan van Riesenbeck: Ja. Um zu garantieren, dass mein Gesellenstück nicht allzu schnell aus der Wohnung fliegt, habe ich die oberen Elemente so konzipiert, dass sie jederzeit ausgetauscht werden können. Zurzeit nutze ich das Möbelstück als Couchtisch und Plattenregal. Allerdings können die Tischelemente aus Räuchereiche und Kupfer zum Beispiel auch durch Sitzkissen ersetzt werden. Dann wird aus dem Tisch eine Bank.

Das Möbelstück hast du im Rahmen deiner Gesellenprüfung im Juni 2014 gefertigt. Würdest du heute etwas anders machen?
Jan van Riesenbeck: Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Schubkasten in der Mitte nochmal einbauen würde, da dieser ursprünglich nur entstanden ist, um die Vorgaben der Prüfung zu erfüllen. Andererseits gefällt mir das Möbel mittlerweile so, wie es ist, sehr gut. Ich würde also wahrscheinlich doch eher nichts ändern.

Arbeitest du heute noch als Tischler?
Jan van Riesenbeck: Teilweise. Ich bin Werkstudent bei einer Möbelfirma in Berlin. Seit Oktober studiere ich allerdings Produktdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und orientiere mich ein wenig weg vom eigentlichen Tischlerhandwerk und hin zu Konzeption und Entwurf.

Inwiefern verändert sich die Tischlerbranche?
Jan van Riesenbeck: So wie die meisten Handwerksbranchen durchlebt auch das Tischlerhandwerk zurzeit einen großen Wandel. Die Arbeit mit Massivholz zum Beispiel macht einen immer geringeren Teil der Produktion aus, da leider nur noch wenige Leute sich solche Möbelstücke leisten können.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Jan van Riesenbeck: Auch im Tischlerhandwerk wird in Zukunft noch mehr auf computergesteuerte Maschine gesetzt werden, als das ohnehin schon der Fall ist. Die große Masse der Tischlerarbeiten wird so immer mehr industrialisiert werden, während es nur noch einige wenige wirklich gute Tischler geben wird, die noch das ursprüngliche Handwerk beherrschen. Sie besetzen damit gewissermaßen eine Luxusnische.

Gesellenstück

Gesellenstück Sebastian Rost
 - Sebastian Rost – Stuckateur, Berlin
Sebastian Rost – Stuckateur, Berlin
Foto: Saskia Bauermeister

Könnten Sie Ihr Gesellenstück heute noch herstellen?
Sebastian Rost: Ja, natürlich.

Haben sich die Werkzeuge/ benötigten Fähigkeiten verändert?
Sebastian Rost: Meine Fähigkeiten haben sich weiterentwickelt, es gibt heute traditionelle Werkzeuge, die in der ehemaligen DDR nur schwer oder gar nicht zu beschaffen waren. Silikone zum Abformen sind besser geworden.

Wie lang liegt das Gesellenstück bei Ihnen zurück und was hat sich seit der Zeit verändert in Ihrem Handwerk?
Sebastian Rost: Mein Gesellenstück habe ich vor 30 Jahren angefertigt. Unser Handwerk gibt es schon seit fast 5000 Jahren. Eventuelle Technologiesprünge sind somit immer sehr klein. Handmaschinen (Bohrmaschinen, Rührwerke, Hubzeuge) sind besser geworden Die Gebindegrößen sind kleiner geworden, früher wog zum Beispiel ein Sack Zement 50 kg, heute sind es 25 kg. Der Trockenbau hat sich als eigenständiges Gewerk etabliert, früher hat das der Stuckateur mitgemacht.

Wie haben Sie sich weiterentwickelt?
Sebastian Rost: Ich habe einen größeren Überblick, habe viele Dinge gelernt, die ich damals noch nicht konnte, habe viel mehr Übung und die Fähigkeit entwickelt, sehr effizient zu arbeiten. Ich habe mich weiterqualifiziert, Meister, Restaurator im Handwerk, Dipl.-Ing. Architektur.

Wie hat sich die Technik weiterentwickelt?
Sebastian Rost: Wie schon gesagt, kaum.

Gesellenstück

Gesellenstück Tim Gravert
 -  Tim Gravert – Raumausstatter, Köln
Tim Gravert – Raumausstatter, Köln
Foto: Privat

Tim, dein Gesellenstück würde wunderbar in jede Berliner Hipster-Wohnung passen …
Tim Gravert: Ich habe den Sessel 2007 im Rahmen meiner Gesellenprüfung zum Raumausstatter gepolstert und bezogen. Damals musste ich mir ein Konzept ausdenken, ein Kundenprofil, auf das ich hinarbeiten musste. Das war dann ein junges Pärchen, das einen alten Sessel neu haben wollte. Neben diesem traditionell gepolsterten Damensessel mit Heftung gehörten zu der Prüfung noch Dekorationen und einige andere Sachen. Man gestaltet eine komplette Koje.

Würdest du den Sessel heute nochmal so gestalten?
Tim Gravert: Nein, ich würde eine andere Farbe und einen anderen Stoff nehmen. Der grobmaschige Stoff war mal leicht schimmernd und hat sich damals bei meinem Ausbilder, einem Raumausstatter in der Nähe von Köln, am besten verkauft. Heute würde ich vielleicht Cord nehmen, obwohl das dann wieder mit der Heftung schwierig ist. Auf jeden Fall würde ich nichts Glattes verwenden.

Arbeitest du immer noch als Raumausstatter?
Tim Gravert: Nein, und ich habe nach dem Sessel auch nie mehr gepolstert. Ich bin selbstständiger Handwerker und mache im weitesten Sinne Messe- und Setbau sowie Veranstaltungsdekoration. Das hat sich einfach so ergeben, wie so viele Dinge in meinem Leben.

Inwiefern hast du dich als Handwerker weiterentwickelt?
Tim Gravert: Ich bin vielseitiger geworden und fokussierter. Ich arbeite nicht mehr einfach drauflos, sondern denke mehr darüber nach, was ich machen will. Ich stecke mehr Zeit in die Konstruktion selbst und bin kreativer.

Hat sich die Messebaubranche in den vergangenen Jahren verändert?
Tim Gravert: Die Werkzeuge, mit denen wir arbeiten, werden immer präziser. Meistens habe ich einen Akkuschrauber in der Hand. Da kann ich immer schneller Aufsätze wechseln, immer genauer arbeiten. Generell müssen wir in immer kürzerer Zeit Stände aufbauen. Die bestehen aber auch zunehmend aus Stecksystemen, das heißt, viele Teile kommen vorkonstruiert an und wir stellen sie dann zusammen.

Die Autorin

Barbara Engels
 - Barbara Engels.
Barbara Engels.
Foto: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Würdest du dein Gesellenstück verkaufen? 
Tim Gravert: Nein, das bleibt in meiner Wohnung. Ich hatte den Sessel sogar mal meiner Mutter geschenkt, aber dann musste ich ihn doch wiederhaben. Alle, die in meine Wohnung kommen, sprechen mich auch immer auf den Sessel an.


Die Autorin Barbara Engels ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Journalistin. Ihr Steckenpferd ist die Digitalisierung. Sie hat Volkwirtschaftslehre in Berlin, New York und Barcelona studiert und bei der Handelskammer in Tel Aviv gearbeitet.

Weitere Themen, die Sie interessieren könnten:
Die Bulli-Bauer: Wenn die Luftmatratze nicht mehr reicht ...
ERP-System: Barcodes schaffen den Durchblick
Zweites Standbein: Der E-Shop macht den Unterschied


Tipps, Downloads und News für Ihren Betrieb:der handwerk.com-Newsletter

Abonnieren Sie jetzt den kostenlosen handwerk.com-Newsletter!