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20.12.2015

Von Volkswagen lernen

Ehrbar gegen die Wand?

Da gibt es diesen Begriff: der ehrbare Kaufmann. Aber wie ehrbar kann ein Unternehmer in einer Welt sein, die nicht ehrbar ist? An der Antwort können Sie Ihren Betrieb ausrichten

Autsch
Boxer Treffer Gesicht
Autsch - Ehrbarkeit zahlt sich aus, letztlich, aber Schmerzen kann sie schon verursachen.
Ehrbarkeit zahlt sich aus, letztlich, aber Schmerzen kann sie schon verursachen.
fotolia.com - Innovated Captures

Wenn ich zu oft den Begriff „ehrbares Kaufmannstum“ höre, werde ich misstrauisch.
Linsenmaier: Warum, was ist daran auszusetzen?

Weil ich dann denke, dass damit mancher Unternehmer seinen Mangel an Innovation und Kompetenz übertünchen will.
Linsenmaier: Wenn einer den Begriff zu oft an die große Glocke hängt und zu oft wiederholt, dann würden bei mir auch die roten Lampen angehen. Aber wenn ein Unternehmer den Begriff tatsächlich lebt und in Aktivitäten umsetzt, dann darf er das auch kommunizieren.

Aber wie ehrbar kann ich in einer Umgebung sein, die oft nicht ehrbar ist und solche Werte nicht zulässt?
Linsenmaier: Sie haben immer die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Sie können Kunden und Aufträge ablehnen, die nicht Ihren Werten entsprechen. Natürlich hat das einen Preis: Man kommt nicht an jeden vermeintlich lukrativen Auftrag.

Wo fängt Ehrbarkeit für Sie an?
Linsenmaier: Zuerst einmal muss sich ein Unternehmer seiner eigenen Werte bewusst sein. Und er muss für sich grundlegende Fragen beantworten: Was will ich? Und in welchem Konzept will ich mein ehrbares oder ethisches Handeln umsetzen? Die Möglichkeiten sind zahllos. Verkaufe ich ein ökologisches Produkt? Will ich im eigenen Betrieb Energie sparen? Fahre ich ein Gemeinwohlkonzept? Oder will ich die Potenziale meiner Mitarbeiter entfalten?

Im Interview
Jürgen Linsenmaier
Im Interview - Jürgen Linsenmaier nennt sich
Jürgen Linsenmaier nennt sich "Ethik- und Reputationsexperte", er ist Vortragsredner und Autor. Der Titel eines seiner Bücher: „Ihr guter Ruf verkauft! Sonst nichts.“
Foto: privat

Ist das aufs Handwerk übertragbar? Sie beschäftigen sich ja eigentlich eher mit größeren Unternehmen.
Linsenmaier: Ehrbares Handeln ist tatsächlich ein großer Begriff, der mit dem ganz großen gesellschaftlichen Engagement gleichgesetzt wird. Aber ich kann ihn runterbrechen, ich kann mich darum kümmern, dass meine Reputation am Markt gut ist und danach mein Handeln ausrichten. Wenn ich am Donnerstag einem Kunden verspreche, dass er ein Angebot am Montag um 12 Uhr bekommt, dann muss er das pünktlich um 12 Uhr in seinem E-Mail-Postfach haben – und nicht erst drei Tage später. Das sind starke Werte: Ich halte mich an mein Wort, mein Handschlag gilt etwas.

Nun kann ich auch ehrbar gegen die Wand fahren. Wir haben kürzlich über einen Dachdeckermeister berichtet, der seinem Kunden einen Termin zugesagt und eingehalten hat – plötzlich war der Auftraggeber pleite, der Dachdeckermeister hat nur einen Kleckerbetrag aus der Insolvenzmasse bekommen.
Linsenmaier: Das kann immer passieren, das hat mit dem Begriff „ehrbares Kaufmannstum“ nicht zu tun.

Doch, der Dachdecker hat überaus ehrbar und zuverlässig gehandelt. Der Kunde war Gastronom, ein Eröffnungstermin stand im Raum, der Handwerksmeister wollte den Kunden nicht hängenlassen, er stand im Wort.
Linsenmaier: Das steht nicht im Widerspruch zum ethischen Handeln, natürlich muss ich erfolgreich wirtschaften. Wenn ich keine Rendite erziele, kann ich in oder mit meinem Unternehmen keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Der Mann hätte sich fragen müssen, ob er das Ausbleiben von Vorauszahlungen verantworten kann.

Da sind wir wieder am Anfang des Gesprächs. Wie kann ich ehrbar sein, wenn mein Umfeld es nicht ist? Oder anders gefragt: Wie finde ich meinen ehrbaren Kunden?
Linsenmaier: Der ehrbare Kunde wird Sie finden. Als ehrbarer Kaufmann bin ich nicht naiv, ich werde immer wieder auf Leute treffen, die nicht ehrbar mit mir umgehen. Aber das muss mich nicht aus der Bahn werfen, weil ich eigene persönliche Werte habe, zu denen ich stehe. Ich habe ein Ziel.

Was für ein Ziel kann das sein?
Linsenmaier: Es gibt das schöne Wort der „Enkeltauglichkeit“. Ich handele nachhaltig, wenn ich Ökonomie, Ökologie und Soziales enkeltauglich umsetze. Wenn ich ethisch und ehrbar handele, habe ich die Vision, dass ich etwas weitergeben möchte, dass ich nachhaltig wirtschafte. Dann gibt es immer Punkte, an denen ich Menschen begegne, denen das egal ist. Es ist eine Entscheidung: Ich möchte auf dieser Welt etwas verändern – auch im Kleinen.

Dann gibt es keinen Unterschied zwischen dem Denken der Privatperson Handwerksmeister und dem Unternehmer in seinem Betrieb?
Linsenmaier: Die Kunden würden merken, wenn ich nicht ehrlich wäre. Wenn ich beispielsweise ein soziales Projekt kommuniziere, darf ich es nach außen tragen – aber das kann ich nur, wenn ich wirklich hinter dem Projekt stehe.

Kennen Sie eigentlich einen anderen Begriff für das Wort „ehrbar“? Treten wir einmal einen Schritt zurück und betrachten den Unternehmer und die Zielgruppe seiner Ehrbarkeit. Ein 60-Jähriger wird das eher nachvollziehen können als der 25-jährige Kunde. Ehrbarkeit klingt schrecklich hausbacken.
Linsenmaier: Stimmt, aber ein anderes Wort habe ich auch noch nicht gefunden. Bei jungen Leuten punkten sie eher mit Begriffen wie Nachhaltigkeit, Ökologie und Ethik. Und gerade unter jüngeren Leuten ist die Gruppe derjenigen ausgeprägt, die Wert auf nachhaltige Dienstleistungen legt, auf die Umweltbilanz eines Produktes. Das ist schon eine starke Bewegung, der Trend ist da. Wenn ein Unternehmer heutzutage langfristig denkt, kommt er am Thema Nachhaltigkeit nicht vorbei, wenn er auch langfristig Gewinne erwirtschaften will. Die Leute wollen in Zukunft noch weiter hinter die Fassade schauen, sie wollen noch mehr wissen, wo und wie ein Produkt entstanden ist. Wenn ein Metzger sein Hackfleisch mit billigem Fleisch streckt und rot einfärbt, wird der Konkurrent gegenüber mittelfristig das Rennen machen.

Dazu müsste der Fleischermeister von gegenüber aber offensiv mit der Qualität und der Reinheit seiner Produkte werben.
Linsenmaier: Ja. Und er muss dabei – auch so ein schrecklicher Begriff – authentisch sein. Er muss seine Werte ehrlich verkaufen. Man kann das nicht spielen. Ich befürchte, bei Volkswagen gab es gewisse Führungspersönlichkeiten, die Nachhaltigkeit gepredigt, aber sie nicht gelebt haben. Dagegen gibt es Handwerksmeister, die seit Jahren nachhaltig arbeiten und es nie an die große Glocke gehängt haben. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Wenn ein Metzger geregelt hat, wie der Bauer die Tiere füttert und wie sie gehalten werden, dann handelt er ehrbar – und darf das auch kommunizieren.

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(Das Gespräch führte Heiner Siefken)

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