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Halb Alien, halb Haus

Ein Leben für ein Meisterwerk

Stellen Sie sich vor, Sie dürften endlich machen was Sie wollen. Und das gegen Bezahlung! Was würden Sie tun? John Vugrin durfte genau das. 20 Jahre hat er sich ausgetobt – und ein Meisterwerk in der Wüste geschaffen.

Zwischen Fels und Geröll
High Desert House Zaun
Zwischen Fels und Geröll - Im High Desert House hat John Vugrin 20 Jahre gearbeitet. Auch der Zaun ist sein Werk.
Im High Desert House hat John Vugrin 20 Jahre gearbeitet. Auch der Zaun ist sein Werk.
Foto: John Vugrin

200 Kilometer westlich von Los Angeles wirkt Kalifornien nicht gerade wie ein Touristenmagnet. Hier, in der sogenannten High Desert, wachsen kaum Pflanzen. Felsen und Geröll bevölkern die Wüstenlandschaft.

Der perfekte Ruheort für ein prähistorisches Schalentier, diese alienhafte Konstruktion, bekannt als: High Desert House. Ein Künstlerpaar hat es in Auftrag gegeben. Die äußere Hülle stammt vom Architekten Ken Kellog.


„Ich bin mehr Handwerker als Designer“
Im Inneren durfte sich John Vugrin voll austoben. Er hat vom Zaun bis zum Badezimmer alles entworfen, was das Haus bewohnbar macht. Und selbst gebaut. Es ist das kreative Lebenswerk eines Mannes, der von sich selbst sagt: „Ich bin mehr Handwerker als Designer.“

Für Vugrin war es ein einmaliges Glück, dass er in diesem Haus beides sein durfte. Dieses Glück bescherte ihm der Zufall. Bereits in seinem Studium baute Vugrin Möbel. Da lernte er Architekt Ken Kellogg kennen, begann mit ihm an Projekten zu arbeiten, in den USA, Japan.

1994 heuerte Kellogg den Allrounder schließlich an, um Verglasung und Türen im High Desert House zu bauen. „An diesen Stellen hatten die Blaupausen nur große weiße Flecken“, erinnert sich Vugrin. Den Bauherren, einem Künstlerpaar namens Doolittle, gefiel seine Arbeit so gut, dass sie ihren Bauleiter feuerten und Vugrin den Innenausbau anvertrauten.

Sie ließen ihm jede Menge Gestaltungsspielraum. Den nutzte John Vugrin voll aus. In seinen Möbeln verschmelzen Kurven, Windungen, Zacken und Reliefe zu surrealen dreidimensionalen Körpern. Sie wirken gleichzeitig organisch und technisch als träfen Meeresbewohner auf eine Alienkultur. „Der Entwicklungsprozess ist ganz anders, als würde ich nur das Projekt eines anderen umsetzen“, erklärt er.

Seite 2: Gekonnt gewagt. So haben Sie Marmor und Stahl noch nie gesehen.

Von Kupferspülen und Marmorlampen

Ungewöhnlich ist auch seine Materialwahl. „Ich liebe es zu experimentieren“, gesteht Vugrin. Für Zaun und Küche verwendete er rostigen Stahl. Aus Kupfer fertigte er Spülbecken und Armaturen. Seine Türbeschläge sind asymmetrische Gebilde aus Metall und Mineralien. Seine Bauherren unterstützten ihn dabei. „Die sagten nur: ‚Wenn du es magst und es sich richtig anfühlt, dann leg los und bau es!‘“

Das tat er. Die ersten acht Jahre entwickelte Vugrin die Inneneinrichtung vor Ort in der kalifornischen Wüste. Dann reiste er nach Europa, lernte neue Techniken und baute weitere Objekte für sein Lebenswerk. Allein sechs Jahre lebte er in Italien, in der Marmormetropole Carrara, um die Techniken der Marmorbearbeitung zu lernen. So entstanden Lampen, Tische und eine ganze Kommode inklusive steinerner Schubladen und Türen.

Wann immer Vugrin nicht weiterwusste, wie er ein Material korrekt in seine Wunschform bringt, wendete er sich an Experten. „Wenn ich etwas wissen muss, suche ich einen sympathischen Profi und stelle ihm eine Million Fragen“, sagt Vugrin.

So wurde er mit der Zeit zum Experten in der Verarbeitung von Glas, Metall, Holz, Mosaiken und Marmor. Einen Favoriten unter den Materialien hat er dabei nicht. „Ich interessiere mich für das Produkt, seine Form und Wirkung, weniger dafür, woraus es gemacht ist.“

Freiraum für den Freigeist. Warum Vugrin einen riesigen Tisch braucht: letzte Seite.

Freiraum für den Freigeist

Allroundtalent
John Vugrin
Allroundtalent - John Vugrin arbeitet mit Marmor, Kupfer, Stahl, Glas - hauptsache die Form stimmt.
John Vugrin arbeitet mit Marmor, Kupfer, Stahl, Glas - hauptsache die Form stimmt.
Foto: John Vugrin

Woraus ein Objekt besteht, mag für Vugrin zweitrangig sein. Umso wichtiger ist ihm die Methode, mit der seine Entwürfe entstehen. Dabei schwingt er den Stift am liebsten mit vollem Körpereinsatz: „Fast alle meine Arbeitszeichnungen mache ich lebensgroß“, erklärt Vugrin.

Dafür hat er einen riesigen Tisch, den er voll ausnutzt. „Diese Methode gibt mir ein echtes Gefühl dafür, welche Wirkung das Objekt haben wird.“ Schließlich ist es ein anderes Gefühl, ein Spielzeugauto in der Hand zu halten, als in einem Auto zu sitzen.

Bevor er seine Entwürfe aber in die Tat umsetzt, müssen sie reifen. Sein Skizzenbuch hat Vugrin daher immer bei sich. „Ich muss wirklich an meinen Ideen arbeiten, sie ändern und immer wieder ein paar Schritte zurückgehen.“


Lektionen gelernt
Trotz aller Sorgfältigkeit, streift John Vugrin durch das High Desert House, sieht er immer wieder Dinge, die er heute anders machen würde. Anfangs mochte er Holz, doch heute weiß er: „In der Wüste ist Holz ein Desaster.“ Im Sommer ist die Luft sehr feucht, im Winter staubtrocken. „So schrumpft es mit der Zeit.“

Eine andere Lektion ist Teil seiner persönlichen Entwicklung. „Die Formen, die ich in meinen jungen Jahren gemacht habe, waren ziemlich wild“, erklärt er. Als er herausfand, welch abgedrehte Gebilde manches Baumaterial darstellen kann, musste er die auch ausprobieren. Heute würde er seine Arbeit zwar im Grunde ähnlich machen, aber abgemildert. Seine Lektion: „Dass du etwas machen kannst, heißt nicht automatisch, dass du es auch machen solltest.“ (Denny Gille)

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