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Die Reise ins Leben

Es liegt nicht am Azubi!

Aus jedem schwachen Schüler kann ein guter Azubi werden, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Aber wie kann das in der Praxis funktionieren? Das wollten wir genau wissen – und haben überraschende Antworten erhalten.

Alles schon gelaufen?
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Alles schon gelaufen? - tWer in der Schule Probleme hat, muss als Azubi nicht scheitern, sagt Hirnforscher Gerald Hüther.
tWer in der Schule Probleme hat, muss als Azubi nicht scheitern, sagt Hirnforscher Gerald Hüther.
Foto: BilderBox.com

Denn vielleicht sind nicht die Azubis das Problem. Vielleicht sollte nicht jeder Betrieb ausbilden. Hier das Gespräch mit Gerald Hüther.

Herr Hüther, Sie sagen, dass in jedem Jugendlichen eigentlich ein kleines Genie steckt. Davon ist wenig zu merken im Handwerk: Ausbilder bemängeln schlechte Noten, fehlende Sozialkompetenz …
Gerald Hüther: Eigentlich geht es um etwas viel tiefer Liegendes. Am meisten ärgern sich Handwerker doch darüber, wenn ein Auszubildender zu wenig Interesse zeigt, sich nicht genügend anstrengt, nicht umsichtig genug ist und nicht genügend Verantwortung übernimmt. Also geht es vor allem um die Einstellung und Haltung des Jugendlichen. Mit ungünstigen inneren Einstellungen sind diese Jugendlichen aber nicht auf die Welt gekommen. Wenn sich ein Schüler um einen Ausbildungsplatz bewirbt, dann hat er schon eine ganze Menge Erfahrungen gemacht, die nicht immer so günstig waren. Daraus sind dann diese entsprechenden Einstellungen entstanden. Das ist das Kernproblem.

Also müsste der Handwerker auch noch an der Einstellung des Jugendlichen arbeiten – das ist eine ziemlich große Hypothek für eine dreijährige Ausbildung. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?
Im Gegenteil, dadurch wird vieles leichter: Sobald sich die Einstellung eines Jugendlichen ändert und er sich für etwas begeistert – für seinen Ausbildungsberuf, dann wird er sehr schnell die Theorie und die sozialen Kompetenzen erlernen, die er für diesen Beruf benötigt. Ich kenne eine Reihe Handwerksmeister, denen diese Aufgabe sehr leicht fällt und die darin besser sind als viele Lehrer in den Schulen.

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Aber sind das nicht eher die Einzelfälle? Ausnahme-Handwerker und Ausnahme-Schüler?

"In Schulen zählt oft nur abstrakte Intelligenz"
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Gerald Hüther: Im Handwerk ist gefragt, was in der Schule oft nicht zählt.
Foto: Franziska Hüther

Gerald Hüther: Keineswegs, in jedem Jugendlichen steckt ein echter "Goldklumpen". Wir wissen doch, wie schnell und leicht kleine Kinder lernen: Sie lernen zu krabbeln, zu laufen, zu sprechen .... Sie haben Spaß daran, freuen sich über ihre Erfolge und lernen immer mehr. Doch dieser Schatz der frühen Kindheit wird nach und nach durch andere Erfahrungen in der Schule und vielleicht auch im Elternhaus verschüttet. Aber er ist noch vorhanden, er steckt im Gehirn jedes Menschen. Es kommt darauf an, Zugang zu diesem Schatz zu finden. Wenn ein Handwerker einem Azubi dazu eine Möglichkeit bietet, würde sich im Gehirn noch einmal alles ändern und dieser Schatz würde wieder freigelegt.

Warum sollte einem Handwerker in der Ausbildung gelingen, was Pädagogen in zehn Jahren Schule nicht schaffen?
Weil in den Schulen vieles falsch läuft. Dass jemand drei Sprachen lernt, ist dort wichtiger als körperliches Geschick. In Schulen zählt heute vor allem abstrakte Intelligenz. Aber es gibt viele Kinder, die sind so bei sich, dass sie nicht bereit sind, sich mit abstrakten Dingen zu beschäftigen, mit Dingen, die sie nicht anfassen können. Solche Kinder sind nicht weniger begabt, nur anders. Doch ihre Begabung wird nicht gefördert und nicht wertgeschätzt. Stattdessen üben Schulen und Gesellschaft ständig nur Druck auf sie aus und reden ihnen ein, dass sie nichts können, dass sie für alles Mögliche zu dumm sind. Diese Erfahrungen führen dann zu einer Einstellung und Haltung, mit der diese Jugendlichen in der Ausbildung dann als unmotiviert und unfähig gelten.

Was könnte eine Ausbildung im Handwerk daran noch ändern?
Im Handwerk ist körperliches Geschick gefragt, also genau das, was in der Schule keine Rolle spielt. Jugendliche, die in der Schule an dem ständigen Druck und den abstrakten Inhalten scheitern, könnten in einer handwerklichen Ausbildung richtig aufblühen.

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Oft werden schwache Schüler im Handwerk auch zu schwachen Azubis, auch wenn körperliches Geschick gefragt ist.

Ist der Zug nach der Schule schon abgefahren?
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Ist der Zug nach der Schule schon abgefahren? - Kein Problem, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther: Die Fähigkeit zu lernen verlieren wir nicht!
Kein Problem, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther: Die Fähigkeit zu lernen verlieren wir nicht!
Foto: BilderBox.com

Ist der Zug vielleicht schon abgefahren?
Gerald Hüther: Der Zug ist nie abgefahren. Die Fähigkeit, zu lernen und Spaß daran zu haben, ist angeboren. Erworben sind ungünstige Einstellungen und Haltungen. Und die sind das Ergebnis von Erfahrungen. Ändern sich die Erfahrungen, dann ändern sich auch Einstellung und Haltung. Wenn schwache Schüler zu schwachen Azubis werden, dann liegt es daran, dass sie in der Ausbildung die gleichen schlechten Erfahrungen machen wie in der Schule.

Wie entstehen denn diese ungünstigen inneren Einstellungen und wie lassen sie sich verändern?
Die entstehen durch eigene Erfahrungen und die verarbeitet das Gehirn im Frontallappen. Dort werden bei wichtigen Erfahrungen emotionale und kognitive Netzwerke aktiviert und miteinander verkoppelt, es entsteht ein gekoppeltes Netzwerk. Macht ein Mensch immer wieder ähnliche Erfahrungen, verdichten sich diese gekoppelten Netzwerke und bestimmen das, was wir innere Einstellungen und Haltungen nennen. Eine so entstandene ungünstige Einstellung lässt sich nur dann verändern, wenn der betreffende Azubi Gelegenheit bekommt, eine bessere, eine günstigere Erfahrung zu machen.

Also werden sachliche Erklärungen und klare Arbeitsanweisungen nicht genügen, um aus einem Jugendlichen einen guten Azubi zu machen.
Nein, das reicht nicht aus. Einstellungen und Verhalten ändern sich nicht, wenn man einem Menschen erklärt, was er lernen oder wie er sich verhalten soll. Das sind alles kognitive Appelle. Der Jugendliche versteht sie, aber er ändert sich nicht. Denn diese Appelle aktivieren im Gehirn nur das kognitive Netzwerk. Emotionale Botschaften und Motivationsversuche durch Belohnungen oder Bestrafungen stimulieren nur das emotionale Netzwerk. Der Betrieb müsste dem Jugendlichen andere Erfahrungen bieten als die Schule. Er braucht positive Erfahrungen mit sich selbst, mit dem Chef, den Mitarbeitern und mit der Firma. Dann ändert sich auch seine innere Einstellung und Haltung, und damit auch sein Verhalten.

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Was bedeutet das konkret für einen Handwerksmeister?

Azubis ernst nehmen!
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Azubis ernst nehmen! - Das ist der erste Schritt zur erfolgreichen Ausbildung
Das ist der erste Schritt zur erfolgreichen Ausbildung
Foto: BilderBox.com

Gerald Hüther: Er müsste sich auf die Perspektive des Jugendlichen einlassen. Ein Jugendlicher will sich gesehen fühlen und ernst genommen werden. Er will nicht erzogen und wie ein Objekt behandelt werden. Als Objekt werden Jugendliche in der Schule behandelt: Dort sind sie Schüler, die nur für ein bestimmtes Ziel in die Schule gehen – sie sollen das Lernziel erreichen. Das ist das Einzige, was dort zählt.

Aber der Ausbildungsbetrieb hat doch auch Ziele: Der Azubi ist für den Meister die Fachkraft von morgen, das ist der Zweck der Ausbildung.
Natürlich geht es bei der Ausbildung auch um die künftige Fachkraft. Doch wenn das im Vordergrund steht und der Azubi dem Chef als Mensch eigentlich egal ist, dann spürt der Jugendliche das sehr genau. Dann ist er in der Ausbildung wieder nur Objekt. Das bestätigt seine Erfahrungen aus der Schule und dann wird sich seine Einstellung auch nicht ändern. Das gelingt eben nur, wenn der Meister anders an die Sache herangeht, wenn er dem Auszubildenden Mut macht, ihm etwas zutraut, ihn ernst nimmt.

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Dann kann also jeder Meister aus jedem Schüler einen guten Azubi machen?

Gerald Hüther: Ganz so einfach ist es nicht. Wenn ich jemanden ausbilden und diesen "Goldklumpen" freilegen will, muss ich denjenigen ein bisschen mögen – und eben nicht nur als Arbeitskraft sehen. Es muss etwas geben, was ich an ihm mag. Ich muss nicht alles an dem Jugendlichen mögen, aber irgendetwas. Vielleicht züchtet er Tauben oder liebt Jazz oder bastelt in seiner Freizeit begeistert an einer Modellbahn. Irgendetwas sollte ich jedenfalls an ihm mögen, irgendetwas an ihm sollte mich interessieren. Das ist der Teil, dem ich Talente und Begabungen zutraue und das ist der Teil von dem Jugendlichen, den ich nicht nur einstelle, sondern auch innerlich "einladen" kann. Dann lade ich nämlich diesen Taubenzüchter dazu ein, ein Werkstück zu bearbeiten oder eine Wand zu streichen, und nicht die künftige Fachkraft. Wenn ich jemanden so "einlade", dann fühlt er sich gesehen und nicht mehr als Objekt behandelt. Dann kommt der ganze Lehrling von alleine hinterher. Jemanden, den ich nicht mag, kann ich nicht innerlich dazu einladen, sich auf mich, den Betrieb und die Ausbildung einzulassen.

Also hängt sehr viel von der Einstellung des Meisters ab?
Klar, deshalb sollte sich ein Meister sehr ernsthaft fragen, ob er überhaupt Lust hat, einen Azubi einzustellen und sich auf ihn einzulassen. Wenn er keine Lust dazu hat, dann wird er keinen guten Mitarbeiter bekommen, sondern bestenfalls einen dressierten Affen. Als Zweites muss er sich fragen, ob er wirklich einen Lehrling ermutigen kann und will. Denn der Lehrling braucht die Ermutigung, andere Erfahrungen zu machen. Dazu brauche ich als Ausbilder selbst den Mut, mich dieser Aufgabe zu stellen. Und ich muss der Überzeugung sein, dass es geht, dass dieser Lehrling ein anderer werden kann. Wenn ich selbst skeptisch bin, dann kann ich ihn auch nicht ermutigen.

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Doch nicht jede Aufgabe für Azubis kommt bei denen gut an.

Einladen, ermutigen, inspirieren!
Ausbildung
Einladen, ermutigen, inspirieren! - Dann stören auch unangenehme Aufgaben nicht mehr.
Dann stören auch unangenehme Aufgaben nicht mehr.
Foto: MEV

In der Praxis haben Ausbilder immer wieder das Problem, Jugendliche zu bestimmten Aufgaben zu bewegen. Es ist eben nicht cool, stundenlang an einem Metallstück zu feilen oder bis zur Schulter in einem verstopften Abflussrohr zu stecken.
Gerald Hüther: Das wäre neben dem Einladen und Ermutigen die dritte Aufgabe des Meisters: Er müsste den Azubi für seinen Beruf begeistern und inspirieren. Um jemanden zu inspirieren, muss man eigentlich ein begeisterter Funkensprüher sein, der andere entzündet und nicht mit Wissen abzufüllen versucht. Jemand, der vermitteln kann, warum dieser Beruf wichtig und sinnvoll ist, und nicht nur erklärt, wie alles funktioniert. Wenn dem Ausbilder das gelingt, werden den Jugendlichen auch verstopfte Abflussrohre nicht mehr stören. Das gehört dann dazu zu diesem Beruf, für den sich der Azubi begeistert.

Das ist ganz schön viel Aufwand für einen Ausbildungsbetrieb. Vor allem wenn der Azubi nach der Abschlussprüfung in die Industrie wechselt.
Wer seine Azubis einlädt, ermutigt und begeistert, hat solche Probleme nicht. Hat ein Jugendlicher so eine Ausbildung erlebt, dann ist er auch innerlich an die Firma gebunden. Beheimatet ist man dort, wo man gesehen wurde und zeigen durfte, was man kann. Das ist der Schatz, den wir heben müssen: Diese Meister-Schüler-Beziehung hilft nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Handwerksbetrieben.

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In vielen Betrieben ist es allerdings Aufgabe der Gesellen, sich um die Azubis zu kümmern.

Keine Chance für Stümper
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Keine Chance für Stümper - Gerald Hüther: Jugendliche brauchen Virtuosen, von denen sie lernen können.
Gerald Hüther: Jugendliche brauchen Virtuosen, von denen sie lernen können.
Foto: Franziska Hüther

Gerald Hüther: In diesen Betrieben sollte der Meister genau darauf achten, welche Gesellen ausbilden: Es ist wichtig, dass die Beziehung zwischen Geselle und Meister stimmt. Wenn der Geselle nicht loyal mit dem Meister verbunden ist, dann wird sich der Auszubildende auch nicht an den Betrieb gebunden fühlen. Aber wenn der Geselle loyal ist, dann überträgt sich das auch auf den Jugendlichen.

Ist das nicht eher eine Aufgabe für große Unternehmen? Große Betriebe haben da doch ganz andere Möglichkeiten.
Das ist keine Frage der Unternehmensgröße, sondern der eigenen Einstellung. Wenn ein Handwerker versucht, mit den Ausbildungsstandards der Industrie mitzuhalten, dann hat er schon verloren. Vor allem deswegen, weil es dort auch eher wie in der Schule zugeht. Damit sollte er gar nicht konkurrieren wollen. Seine Stärke ist die persönliche Beziehung.

Theoretisch klingt das alles gut. Aber funktioniert das auch in der Praxis?
Es gibt viele Gesellen, die sich gerne an ihre Ausbildungszeit erinnern. Die in der Ausbildung glücklich waren, weil sie da das erste Mal in ihrem Leben ernst genommen wurden, weil ihnen etwas zugetraut wurde von jemandem, der kompetent ist. Es ist für Jugendliche wichtig, dass sie einen Meister finden, der kompetent ist, der sich im Leben auskennt, ein Virtuose auf seinem Gebiet ist. Vor solchen Meistern haben Kinder und Jugendliche einen unglaublichen Respekt. Sie können sehr genau erkennen, ob jemand ein Virtuose ist oder ein Stümper. Von Stümpern lassen sich Jugendliche nicht mitnehmen auf die große Reise ins Leben. Das ist vielleicht auch gut so.

Das Interview führte Jörg Wiebking

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Buchtipp zum Thema:
Gerald Hüther, Uli Hauser: Jedes Kind ist hoch begabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder
und was wir aus ihnen machen. Albrecht Knaus Verlag (2012), 192 Seiten, 19,99 Euro.

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