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Blinder Meister der Holzgestaltung

Handwerk braucht kein Augenlicht

George Wurtzel ist blind – und ein gefragter Holzhandwerker. Wenn er nicht gerade ein Gebäude saniert, baut er Möbelstücke. Doch seine wertvollste Arbeit ist nicht aus Holz, sondern aus Fleisch und Blut.

Grenzenloses Handwerk
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Grenzenloses Handwerk - George Wurtzel zeigt blinden Kindern, dass Handarbeit kein Sehvermögen braucht.
George Wurtzel zeigt blinden Kindern, dass Handarbeit kein Sehvermögen braucht.
Foto: Marilyn Bogerd

George Wurtzel hat in seinem bisherigen Leben nicht viel ausgelassen. Für die USA trat er als Skifahrer zu den Winterparalympics in Norwegen an. Er hat Japan bereist, ein eigenes Geschäft für Holzarbeiten geführt und ist ein Flugzeug geflogen. Im letzten Jahr waren seine Werke über Monate im Detroiter Museum für Zeitgenössische Kunst zu sehen.

Kaum ein Mensch mit zwei gesunden Augen schafft das. George Wurtzel tat es komplett ohne Augenlicht. Noch in Kindestagen nahm ihm eine Erbkrankheit sein Sehvermögen.

Aufgehalten aber hat ihn das nie. Heute arbeitet er noch immer mit Holz. Gerade restauriert Wurtzel eine alte Scheune im US-Bundesstaat Kalifornien und baut sie zur Werkstatt um. Doch das ist auf dem Enchanted Hills Camp für Blinde nicht sein wichtigster Auftrag. Hier ist er vor allem Lehrer.

Er bringt Kindern und Jugendlichen bei, was ihn so erfolgreich durchs Leben gebracht hat. Das klingt erstmal einfach: „Wir benutzen Werkzeuge, fertigen Dinge, lernen Probleme zu lösen und haben Spaß“, erklärt Wurtzel handwerk.com.

Der größte Feind des Erfolgs: Selbstzweifel
Das Schwierige daran: „Menschen, auch blinde Menschen, denken fälschlicherweise oft, Blinde könnten keine Sägen, Nagelpistolen und Schweißgeräte bedienen, weil es zu gefährlich sei“, sagt Wurtzel. Er erarbeitet nun ein Programm, das blinden Menschen zu einer neuen inneren Einstellung verhilft.

Wichtigste Lektion: Setze dir nicht selbst irgendwelche Grenzen. Für Wurtzel ist diese Einstellung ganz natürlich. In seiner Kindheit, als er allmählich blind wurde, kollidierte er auf dem Fahrrad mit dem Briefträger. Der bat Wurtzels Mutter, das Rad wegzuschließen. Sie antwortete, dass sie das schon versucht hätte, der junge George dann aber den Bolzenschneider fand.

„Ich bin blind, aber das definiert mich nicht“, sagt Wurtzel. „Das was ich tue, macht mich zu dem was ich bin.“ Dieses Selbstwertgefühl will der Holzhandwerker auch in seinen Schülern wecken und ihnen beweisen: „Es ist nicht die Blindheit, die einen davon abhält, das zu werden, was man im Leben will.“ Wenn die innere Einstellung stimmt, sind die äußeren Umstände ganz egal.

Letzte Seite: Ein Tag aus dem Leben von George Wurtzel – oder: Wie bringt man einem Blinden bei, einen Holzlöffel zu bauen?

Auf Tuchfühlung
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Auf Tuchfühlung - Bevor sie ihren eigenen Holzlöffel bauen, ertasten die Kinder die Form eines fertigen Löffels.
Bevor sie ihren eigenen Holzlöffel bauen, ertasten die Kinder die Form eines fertigen Löffels.
Foto: Marilyn Bogerd

George Wurtzel ist ein Meister der Holzgestaltung. Er baut Lampen, Tische, kleine Holzkunstwerke. Seine Lieblingskonstruktionstechnik nennt er Puzzle. So konstruiert er Tische, die nur durch Ineinanderstecken sicher zusammenhalten – ganz ohne Schrauben, Nägel, Klebstoff oder andere Hilfsmittel.

Doch jeder Meister fängt mal klein an. Viele von George Wurtzels blinden Schützlingen haben noch keinerlei Erfahrung in der Holzbearbeitung. Bevor sie an die Maschinen dürfen, fangen sie mit einfachen Handwerkzeugen an. Als Erstes lernen sie, wie sie aus einem Holzstück einen Löffel schnitzen.

Mit Hammer, Meißel und Feingefühl
„Wir fangen mit kleinen Holzstücken an und reißen daraus Stücke mit einem Keil und einem Hammer“, erklärt Wurtzel.

Als Nächstes legen die Schüler einen fertigen Holzlöffel auf das Stück. Sie nutzen ihn als Führung für die Rohbearbeitung mit Handsäge und Holzmeißel. So werden sie die groben Stücke los, die der Löffel nicht braucht.

Formgeber
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Formgeber - Mit viel Gefühl werden die letzten Reste überschüssigen Materials abgetragen.
Mit viel Gefühl werden die letzten Reste überschüssigen Materials abgetragen.
Foto: Marilyn Bogerd

Der Rohling wird auf einer Werkbank fixiert und mit Ziehmesser oder Schabhobel geglättet. Mit dem Holzmeißel definieren die Schüler grob die Aushöhlung, die sie mit einem löffelförmigen Meißel vollenden. Der Tastsinn weist den Weg.

Erst dann wird die Rückseite bearbeitet, das Äußere an die innere Wölbung angepasst und zum Schluss der Griff geformt. „Um perfekte Symmetrie schere ich mich dabei nicht“, sagt Wurtzel. „Mir ist es wichtig, dass meine Schüler es genießen, etwas allein mit ihren Händen zu machen.“

Folgeprojekte wählt George Wurtzel nach Interessenslage seiner Lehrlinge aus. Dann werden sie auch lernen, mit Tischkreissägen, Bandsägen und Schleifmaschinen zu arbeiten. Einige werden ihm vielleicht schon bei seinem nächsten Projekt helfen: Die Bestuhlung für ein Amphitheater entwerfen und bauen.

Was immer gerade zu tun ist, zwei Dinge bleiben in Wurtzels Campleben konstant: „Jeder Tag beginnt mit den Vögeln, die mir ein Ständchen bringen und endet am Lagerfeuer mit Gesang“, sagt er. „Ich liebe meinen Job.“

(deg)

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