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13.11.2014

Integration gegen Fachkräftemangel

Handwerk wirbt um Flüchtlinge

Können Flüchtlinge gute Auszubildende für das Handwerk abgeben? Klar, wenn man es richtig angeht. München und Oberbayern zeigen jetzt, wie das funktionieren kann.

Zu Besuch bei Heizung Obermeier
Ausbildung Afghanistan Heizung Obermeier
Zu Besuch bei Heizung Obermeier  - Abdullah Mohammadi und Said Haschimi zeigen Kammerpräsident Georg Schlagbauer (links) und Wirtschaftsreferatsleiter Josef Schmid (Stadt München) ihre Fortschritte in der Sanitärtechnik.
Abdullah Mohammadi und Said Haschimi zeigen Kammerpräsident Georg Schlagbauer (links) und Wirtschaftsreferatsleiter Josef Schmid (Stadt München) ihre Fortschritte in der Sanitärtechnik.
Foto: SHK Innung München

Die neuen Auszubildenden beim Sanitärbetrieb Heizung Obermeier in München sind 17 und 20. So weit, so gewöhnlich. Doch Said und Abdullah lebten bis vor ein paar Jahren im kriegsgebeutelten Afghanistan. Der eine verlor im Krieg den Vater, der andere beide Elternteile. Als jugendliche Flüchtlinge fanden sie schließlich allein nach Deutschland. In Bayern haben sie ihren Schulabschluss gemacht und Deutsch gelernt. Abdullah ist nun im zweiten Lehrjahr im SHK-Betrieb, Said ist seit zwei Monaten in der Ausbildung.

„Die beiden sind sehr aufgeschlossene, lernwillige und sympathische junge Menschen. Sie werden sicher ihren Weg gehen“, sagt Christoph Karmann von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Er ist neben den Ausbildungsberatern der Kammer der spezielle Ansprechpartner der beiden Auszubildenden und ihres Betriebes. Außerdem soll er dafür sorgen, dass bald noch mehr Flüchtlinge das Handwerk unterstützen. Als neuer Ausbildungsakquisiteur der Kammer wirbt Karmann gezielt Flüchtlinge für eine handwerkliche Ausbildung an. Ähnlich gezielt geht die Kammer seit einiger Zeit auch auf deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund zu.

„Die jungen Flüchtlinge sind schon eine längere Zeit in Deutschland. Sie haben Sprachkenntnisse erworben und machen gerade ein Berufsvorbereitungsjahr“, erzählt Karmann. Was ihnen noch fehlt, ist das Wissen, wie die betriebliche Ausbildung in Deutschland funktioniert und welche Berufe es überhaupt gibt.

Hier kommt der Ausbildungsakquisiteur ins Spiel. Christoph Karmann besucht Schulen und andere Einrichtungen, klärt die Jugendlichen über das Handwerk auf und vermittelt Praktikumsplätze, die möglichst zu einer Ausbildung im Praktikumsbetrieb führen sollen.

Seite 2: Gelockertes Bleiberecht. Worauf Betriebe hoffen dürfen.

Gelockerte Gesetzgebung

Integration gegen Fachkräftemangel
Flüchtlinge Asyl Schatten Mauer
Integration gegen Fachkräftemangel - 2013 gab es in Deutschland 110.000 Anträge auf Asyl. Das bringt auch Chancen für das Handwerk.
2013 gab es in Deutschland 110.000 Anträge auf Asyl. Das bringt auch Chancen für das Handwerk.
Foto: david19771 - Fotolia.com

„Wir unterstützen auch die Betriebe bei der Aufnahme junger Flüchtlinge als Auszubildende“, sagt der Ausbildungsakquisiteur. Vor allem in Fragen der Aufenthaltsbestimmung ist der Aufklärungsbedarf hier sehr hoch. Grundsätzlich besteht nämlich die Gefahr, dass Flüchtlinge wieder in ihr Herkunftsland abgeschoben werden – ein Risiko für den Betrieb, der Zeit und Geld in die Ausbildung investiert.

"Neben den sprachlichen Fähigkeiten der Jugendlichen müssen vor allem die asylrechtlichen Rahmenbedingungen geklärt sein", erklärt Karmann. Laut Münchner Flüchtlingsrat werden vier Aufenthaltsstatus unterschieden, an die für Flüchtlinge unterschiedliche Rechte und Pflichten gekoppelt sind. Der niedrigste Status ist die Duldung, gefolgt von Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und der Niederlassungserlaubnis. Die Kammer hilft den Betrieben dabei, zu ergründen, was der jeweilige Status ihres Wunsch-Auszubildenden für sie bedeutet.

Was sich zurzeit abzeichnet, ist, dass Deutschland den Flüchtlingen mehr Chancen einräumt, hierzulande einer Arbeit nachzugehen. So wurde erst 2013 der Arbeitsmarktzugang erleichtet, schreibt der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Die Zahlen aus München zeigen, dass die Behörden auch Flüchtlingen mit dem niedrigsten Status eine Ausbildung ermöglichen: 2013 wurden Flüchtlingen in München 77 Ausbildungen genehmigt, davon 22 von geduldeten Personen. Es gab keinen negativen Bescheid (Interkultureller Integrationsbericht, Seite 223).

Regierung und Behörden geben also grünes Licht. Und wie kommt das Konzept bei den Betrieben an? „Bei uns haben schon einige Betriebe gezielt nach Flüchtlingen gefragt“, sagt Karmann. 

Mehr zu Akzeptanz und Unterstützung des Projekts erklärt Kammerpräsident Schlagbauer im Interview auf der letzten Seite. 


Was sagen Sie zur Integration von Flüchtlingen im Handwerk? Schnapsidee oder Heilmittel gegen Fachkräftemangel und Vorurteile? Kommentieren Sie hier.

"Wir wollen Flüchtlinge für das Handwerk begeistern"

Macht sich für Flüchtlinge stark.
Georg Schlagbauer
Macht sich für Flüchtlinge stark. - Georg Schlagbauer (CSU) ist Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern sowie Stadtrat der Stadt München.
Georg Schlagbauer (CSU) ist Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern sowie Stadtrat der Stadt München.
Foto: Schuhmann

Vor drei Monaten hat die Handwerkskammer für München und Oberbayern die Akquise von Flüchtlingen für das Handwerk gestartet. Das soll zwei Probleme lindern: 1.700 unbesetzte Lehrstellen im oberbayerischen Handwerk und die mangelnde Integration von Flüchtlingen in der Gesellschaft. Drei Fragen an Georg Schlagbauer, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und Stadtrat der Stadt München.

Wie ist die Resonanz aus anderen Kammern, Betrieben und Politik zu Ihrem Projekt?
Schlagbauer: Im Großraum München gibt es derzeit kaum ein Thema, dass die Menschen so bewegt, wie das Schicksal der Flüchtlinge. Dementsprechend herrscht auch großes Interesse an unserem Projekt. Unsere Aufgabe ist jetzt, die Flüchtlinge für das Handwerk zu begeistern und weitere Unterstützer zu gewinnen. Dazu zählen Politik und Verwaltung; aber auch unsere Mitgliedsbetriebe, die den Flüchtlingen Praktika und Ausbildungsplätze anbieten können.

Mit welcher Unterstützung dürfen Sie rechnen, um Ihr Konzept nachhaltig umzusetzen?
Schlagbauer: Ich habe im Münchner Stadtrat beantragt, Mittel umzuschichten, damit junge, unbegleitete Flüchtlinge, die jünger als 25 Jahre sind, während der gesamten Zeit ihrer handwerklichen Lehre oder ihres Praktikums von geeigneten Personen fachlich und sozialpädagogisch betreut werden können. Außerdem sind wir mit dem Freistaat im Dialog, etwa was den rechtlichen Status der Flüchtlinge betrifft, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen wollen.

Wie kann Betrieben geholfen werden, Flüchtlinge erfolgreich als Auszubildende aufzunehmen?
Schlagbauer: Die jungen Leute müssen in der Lage sein, die Ausbildung auch erfolgreich abzuschließen. Dafür passiert im Vorfeld schon eine ganze Menge, durch Sprachkurse, Schule etc. Für die Betriebe ist zunächst einmal am wichtigsten, dass der rechtliche Status der Jugendlichen geklärt ist und diese nicht während der Ausbildung abgeschoben werden. Außerdem müssen unsere Betriebe unterstützt werden, wenn die Flüchtlinge zum Beispiel in der Berufsschule nicht mitkommen und Nachhilfe brauchen.

(deg)

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