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Ausgebrannt

Handwerker im Hamsterrad

40 Jahre, erfolgreich, von Selbstzweifeln zerfressen: Wie der Handwerksunternehmer Holger Bachsmann am Burnout-Syndrom erkrankt ist.

Kreisverkehr
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Der Name Bachsmann ist frei erfunden, aber der Handwerksmeister hinter diesem Alias ist real. So real wie seine Krankheit: Burnout. „Sie kam schleichend, über Jahre“, sagt der 40-Jährige. Als Unternehmer war er überaus erfolgreich. Er hatte die Firma seines Vaters übernommen, Umsatzrekorde erzielt, neue Mitarbeiter eingestellt. Die Schattenseite: Auf seinen Schultern lastete ein hoher Druck, sein Verantwortungsgefühl mündete in einer Existenzangst, die kontinuierlich größer wurde.

Die Wirtschaftskrise war für ihn ein einziger Tiefschlag, Bachsmann verlor die Verbindung zu seinem eigenen Leben: „Ich habe 100 Stunden in der Woche gearbeitet. Wenn die Kinder mit mir spielen wollten, habe ich am Rechner gesessen und überlegt, wie ich den Betrieb retten könnte.“ Zweifel entstanden. Bin ich noch ein guter Ehemann? Ein guter Chef? Ein guter Vater?

Verantwortungsbewusstsein als Krankheitsursache? Lesen Sie Seite 2.

Typische Ursachen: Verantwortung, Angst, Überlastung

Wenn Bachsmann heute über diese Zeit spricht, ist auch eine Wut spürbar. Er sagt: „Jeder Fehler, den sie in einem kleinen Unternehmen begehen, wird hart bestraft. Sie können nur mit dem eigenen Geld arbeiten. Wenn ein Kunde nicht zahlt, können sie nicht zum Staat gehen und sagen, dass sie Geld benötigen.“ Ist Burnout also eine typische Unternehmerkrankheit?

„Nein“, sagt Professor Wolfgang Seidel, „die Krankheit ist in allen Berufsgruppen vertreten.“ Andererseits seien die Symptome, die Bachsmann beschreibt, typisch für die Krankheit. Der Mediziner und Buchautor: „Wenn Menschen an sich zweifeln, werden sie unsicher. Je unsicherer sie werden, um so mehr zweifeln sie an sich. Das ist ein sich selbstverstärkender Teufelskreis – und dann wird das Selbstwertgefühl als Zentrum der Persönlichkeit erschüttert.“

Verantwortung, Angst, Überlastung – auch die Ursachen, die Bachsmann nennt, seien typisch. Und wenn der Erschöpfungszustand von Burnout-Patienten nicht rechtzeitig behandelt wird, folge die Depression fast zwangsläufig, mahnt Seidel. „Weil sie depressiv wurden und nicht mehr erwerbsfähig waren, haben sich 2011 bereits 71.000 Menschen berenten lassen. Hinter dem Herzinfarkt ist das die zweithäufigste der schweren Erkrankungen.“

Dass ein einfaches "Nein" überlebenswichtig sein kann, lesen Sie auf Seite 3.

Typische Symptome: So erkennen Sie Burnout

An welcher Schnittstelle endet eine heftige Belastung, wann beginnt Burnout? Woran erkennt ein Unternehmer, dass er krank ist? „Die Einsichtsfähigkeit der Betroffenen ist nicht sonderlich ausgeprägt, in der Regel wollen sie ihre Krankheit selbst als letzte wahrhaben“, antwortet Seidel. Der Umkehrschluss: Die Zeichen für ein Burnout-Syndrom sieht zuerst das Umfeld:

Es sei fast hilfreich, dass die Betroffenen häufig gleichzeitig unter organischen Erkrankungen leiden, sagt Seidel. Herzprobleme, Magenschmerzen – mit solchen Symptomen geht jeder zum Arzt ohne sein Prestige zu verlieren. Und fachliche Hilfe ist zwingend notwendig.

Bachsmann hat seine Depression 2009 in einer psychosomatischen Klinik therapieren lassen. „Ich habe gelernt, mich mit meinen Ecken und Kanten zu akzeptieren. Ich muss Menschen nicht mehr alles recht machen. Ich kann Nein sagen. Aber das war ein langer Erkenntnisprozess.“ Sein Wiedereingliederungsplan sieht vor, dass er derzeit fünf Stunden in seiner Firma arbeiten darf: „Ich muss aufpassen, dass ich nicht wieder in die alten Muster verfalle.“

Der Ratgeber "Burnout - Erkennen, verhindern, überwinden" von Professor Wolfgang Seidel ist im Humboldt Verlag erschienen und kostet 12,95 Euro.

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