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Positive Pleite

Die Chefin und die Schaufensterpuppe

Von der Ausbildung über die Betriebsübernahme bis zur Bruchlandung: Der Lebenslauf der Malermeisterin Heike Schauz ist typisch, traurig – und voller schräger Anekdoten.

Heike Schauz Cover
 - Foto: bod.de
Foto: bod.de

Ein Nachmittag des Jahres 2002. Das Faxgerät spuckt ein Schreiben aus, die Nachricht fällt der Chefin "direkt vor die Füße". Die Konten sind gekündigt worden, vermeldet die Hausbank, mit der Heike Schauz "lange Jahre gut zusammengearbeitet hatte". Schluss. Aus. Bereits am nächsten Tag darf sie keine Waren mehr bestellen, innerhalb einer Woche steht ihr Malerbetrieb still: "Ich hinterließ einige große Bauvorhaben, die nicht abgerechnet wurden, obwohl wir fast fertig waren."

Die Todsünde der Rezensionen: Soeben haben wir das Ende des Buches "Kommt der Chef auch noch?" verraten. Aber das ist verzeihbar, die interessanten "Geschichten aus meinem Leben als Malermeisterin" stehen nämlich weiter vorne. Die Autorin Heike Schauz beschreibt ihren Weg als Handwerksunternehmerin. Sie beschreibt einen steinigen Weg.

Üble Mischung: Der Vater ist Alkoholiker und ihr Ausbilder – lesen Sie Seite 2.

Die Übergabe besteht aus einem Satz

Boxhandschuhe
 - Chefin in den frühen 90-erin im Bauhandwerk: Da ist Durchsetzungsvermögen gefragt.
Chefin in den frühen 90-erin im Bauhandwerk: Da ist Durchsetzungsvermögen gefragt.
Foto: BilderBox.com

Jahrgang 1963, geboren als Tochter eines Malermeisters. Der Vater ist Alkoholiker, Choleriker, zu allem Überfluss hört er auch noch dröhnend laut Volksmusik. Zugegeben, diese Persönlichkeitsbeschreibung ist etwas seltsam, aber sie umreißt den Charme von Schauz' Buch. Die Autorin schlägt die dunklen Dinge des Lebens in komische Verpackungen ein. Und Humor wird sie nötig gehabt haben, ihre Ausbildung absolviert sie ausgerechnet im Betrieb des Vaters.

1987: Sie packt die Meisterschule mit Auszeichnung, kehrt bald darauf in den Familienbetrieb zurück. Eines Tages stehen zwei Gesellen vor ihr und sagen: "Heike, Du bist doch jetzt Meisterin und kannst dich selbstständig machen. Entweder du machst das, und wir kommen zu dir, oder wir gehen woanders hin. Das hier halten wir nicht mehr aus." Schauz gründet innerhalb eines Monats ihre eigene Malerfirma: "Mein Vater musste zusehen, wie seine zwei besten Gesellen am gleichen Tag wechselten und direkt bei mir anfingen."

Wenig später übernimmt Schauz einen weiteren Betrieb im schwäbischen Heidenheim, die Übergabe besteht aus einem Satz. Der Vorbesitzer ("der feine Herr E.") zitiert seinen Vorarbeiter ins Büro und sagt: "Das ist ab nächste Woche ihre neue Chefin, die Frau Schauz." Von einem Tag auf den nächsten steht sie mit zehn Gesellen da, mit Massen von Alt-Aufträgen und massenhaft neuen. Ein Chaos.

Nächste Seite: Die neuen Mitarbeiter arbeiten schockierend uneffektiv.

Die Schaufensterpuppe auf dem Baugerüst

Füße Gerüst
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Foto: BilderBox.com

Die Übernahme ist schon deshalb ein Schock, weil Schauz effektives Arbeiten gewohnt ist. Die neuen Mitarbeiter, die sie übernehmen muss, sind viel langsamer als ihre eigenen Gesellen. Auf den Baustellen wird gearbeitet "wie vor 20 Jahren". Auch das bekommt Schauz in den Griff.

Was in ihr vorgeht, wenn sie einem Mitarbeiter (in Spitzenzeiten beschäftigt sie bis zu 25) kündigen muss, beschreibt sie so: "Ich hatte mir zwar ein paar Worte überlegt, doch diese im Auto laut vor sich hinzusprechen und dann einen Mann mit fragenden, bittenden Augen vor sich sitzen zu haben und ihm zu sagen, dass seine Arbeit nicht gut genug sei, ist eine ganz andere Geschichte."

Die Ohnmacht nach Baustellendiebstählen, der offene Farbeimer, der auf den frisch verlegten Fußboden fällt, kaum nachvollziehbare Entscheidungen der Arbeitsgerichte – die kleinen Katastrophen des Alltags sind für Handwerksunternehmer nachvollziehbar. Einmal hat sie tatsächlich eine Schaufensterpuppe als Maler verkleidet und aufs Gerüst gestellt. Der Grund: mal wieder zu wenig Mitarbeiter. Ein Bauleiter sollte denken, dass sie mit Hochdruck und reichlich Leuten einen großen Auftrag über die Bühne bringt: "Abgerechnet habe ich die Stunden der Puppe allerdings nie."

Da wir mit dem Ende des Buches begonnen haben, können wir auch mit dem Anfang enden: Die Anekdoten aus der Berufsschule auf den ersten Seiten kommen etwas banal daher. Und der Titel ist witzig, aber irreführend. Dies ist kein Buch, in dem die Autorin explizit über ihre Leiden als Frau im männerdominierten Bauhandwerk spricht. Nein, dies ist ein Buch über die Höhen und Tiefen eines Cheflebens, und schon deshalb für Betriebsinhaber eine unterhaltsame Lektüre (und eigentlich ein guter Geschenktipp).

Übrigens: Heute arbeitet Schauz als Business-Feng Shui-Expertin und Projekt-Managerin. Sie berät Unternehmen, Hotels und soziale Einrichtungen, will "Feng Shui als Teil des alten Baumeisterwissens" etablieren. Ihre Pleite war letztlich positiv. Sie ist wieder aufgestanden.

Heike Schauz: "Kommt der Chef auch noch?"  Gebundene Ausgabe: 148 Seiten, Verlag: Books on Demand, Juli 2012, ISBN: 978-3844835748.

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(sfk)

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