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Winter am persischem Golf

Hämmern am Weltkulturerbe

Wenn der Winter kommt, blüht ein ostfriesischer Steinmetz auf. Mit Hammer und Meißel macht sich Sven Olav Thater auf den Weg zu den heiligsten Stätten und Weltdenkmälern.

Sven Olav Thater
Steinmetz Thater
Sven Olav Thater - Steinmetz Sven Olav Thater bei der Arbeit an einem individuellen Grabstein.
Steinmetz Sven Olav Thater bei der Arbeit an einem individuellen Grabstein.
Foto: Denny Gille

Knatternd geht der Druckluftmeißel auf den roten Remmlinger nieder. Schicht für Schicht trägt Sven Olav Thater von dem großen Sandsteinbrocken ab. Noch ein paar Tage, dann wird er ein aufgewecktes Löwenjunge aus dem Stein geschlagen haben. Die Spezialanfertigung wird Thaters Kunden hoffentlich etwas Trost spenden. Sie soll ein Kindergrab schmücken.

Drei bis vier solcher individuellen Grabsteine fertigt Sven Olav Thater pro Jahr im eigenen Betrieb Steingerecht im ostfriesischen Dorf Friedeburg. Unter den vielen Auftragsarbeiten sind diese Aufträge die Highlights für den Steinmetzmeister. Im Gespräch mit seinen Kunden entwickelt er die Idee für den Stein. Aus Skizzen entsteht ein Tonmodell, daraus ein Gipsabguss. Diese Urform wird schließlich per Hand Punkt für Punkt exakt auf den Grabstein übertragen.

Ruinenpflege am Sandstrand von Katar. Lesen Sie die zweite Seite.

Meißeln gegen den Zahn der Zeit

Ruinen von Al Zubarah
Steingerecht Katar
Ruinen von Al Zubarah - UNESCO-Kulturerbe und Touristenmagnet: die erodierten Ruinen von Al Zubarah, Katar.
UNESCO-Kulturerbe und Touristenmagnet: die erodierten Ruinen von Al Zubarah, Katar.
muscolinos, flickr.com; lizenziert unter CC BY-NC-SA 2.0

Thater orientiert sich bei seinen Arbeiten stark an den traditionellen Methoden der Steinbearbeitung. Gelernt hat der gebürtige Düsseldorfer den Beruf im Betrieb seines Stiefvaters, der als Steinmetzmeister in Hamburg mehrere Filialen betrieb. Mit 17 begann Thater die Lehre. Er nahm das Angebot von seinem Stiefvater an, weil ihm zunächst, wie so oft bei jungen Schulabgängern, die berufliche Orientierung fehlte.

Doch mit seinen Fähigkeiten als Steinmetz wuchs die Begeisterung für den Beruf. Und am größten ist seine Begeisterung, wenn er im Sinne der ursprünglichen Wurzeln seines Berufsstands arbeitet. Und dazu zählen für Thater weniger die Küchenplatten und Grabsteine. „Altes wieder aufzubauen, Denkmäler zu erhalten, die Arbeit unserer Vorfahren fortzuführen – daran hängt mein Herz.“

Ruinenpflege am persischen Golf
Genau das macht der Steinmetzmeister, wenn der Winter naht und das Tagesgeschäft mit den Grabsteinen abebbt, weil auch sie ein Fundament brauchen und sich Frost nicht mit Mörtel und Zement verträgt. Dafür verreist Thater oft für mehrere Wochen, was bei seiner Frau und seinen drei Kindern nicht auf uneingeschränkte Begeisterung stößt.

Im Januar wird der Steinmetzmeister ins viereinhalbtausend Kilometer entfernte Katar reisen. Sein Ziel: die frisch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Ruinen von Al Zubarah. Die Ruinen sind Überreste einer vier Quadratkilometer großen Küstensiedlung am Persischen Golf. Zurzeit werden sie unter Leitung der Universität Kopenhagen restauriert. Zumindest so weit, dass das Gebiet als Ruine erhalten bleibt und nicht gänzlich vom Wüstensand abgetragen und verschluckt wird.

Für die Arbeiten hat Thater selbstständige Steinmetzmeister aus Magdeburg, Quedlinburg und Berlin um sich versammelt. Sie sind Teil eines europaweiten Kollegen-Netzwerks, das in 28 Jahren Berufserfahrung gewachsen ist. Mit einigen arbeitet Sven Thater häufiger zusammen. Auch bei seinem ersten Einsatz außerhalb Europas.

Tür an Tür mit Jesus Christus. Lesen Sie Seite drei.

Die Mutter aller Kirchen

Grabeskirche Jerusalem
Steingerecht Jerusalem
Grabeskirche Jerusalem - Blick von der Grabeskirche auf die Altstadt von Jerusalem.
Blick von der Grabeskirche auf die Altstadt von Jerusalem.
Foto: Sven Olav Thater

2012 reiste der Steinmetzmeister nach Jerusalem, um für die Griechisch-Orthodoxe Kirche einen Teil der Grabeskirche zu restaurieren. Die Kirche gilt als Ort der Kreuzigung und des Grabes Jesu. Das macht sie für die Christen zur „Mutter aller Kirchen“.

 „So ein Auftrag ist erst mal schwer zu fassen“, sagt Thater. 30 Wochen - verteilt über einen Zeitraum von 15 Monaten - dauerte der Job. Thater und sein Team wohnten direkt neben der Grabeskirche im Klosterbereich der Griechisch-Orthodoxen Auftraggeber.

Während die Steinmetze auf ihren Gerüsten arbeiteten, drängten sich unter ihnen täglich zu Tausenden die Pilger aus der ganzen Welt Richtung Grabeskapelle. An Atmosphäre sei dieser Arbeitsplatz nicht zu toppen.

Die Arbeit selbst entpuppte sich schnell als abenteuerlich. “Man kann es ein wenig damit vergleichen, als wenn man auf einer Insel arbeitet. Was man nicht dabei hat, hat man nicht und bekommt es auch nirgendwo. Es gibt dort keinen Fachhandel“, sagt Thater. Vor jedem neuen Bauabschnitt mussten die Steinmetze vor der Reise planen, was sie benötigen und es per Container nach Israel verschiffen.

Ölberg in Jerusalem
Thater Steingerecht Jerusalem
Ölberg in Jerusalem - Thater bei der Arbeit am Steinlager auf dem Ölberg in Jerusalem.
Thater bei der Arbeit am Steinlager auf dem Ölberg in Jerusalem.
Foto: Sven Olav Thater

Das Landleben und die große Welt
An Jerusalem, sagt Thater, hat er ein wenig sein Herz verloren. Genau darin besteht für ihn die größte Gefahr am vielen Reisen. „Deswegen muss man aufpassen, dass man sich nicht zu lang in der Weltgeschichte herumtreibt.“

Und wann immer er wieder in der Heimat ist, schätzt er das Landleben mit seiner Familie. Nach vielen Jahren in der Großstadt Hamburg zieht Sven Thater jetzt die ostfriesische Ruhe dem Stadtleben vor. „Ein halber Tag in der großen Stadt reicht mir jetzt schon“, sagt er. „Und gern ein paar Wochen im Jahr die große Welt.“

(deg)

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