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Studienabbrecher als Fachkräfte

Im Schnellverfahren zum Meisterbrief

In eineinhalb Jahren zum Gesellenbrief; in zweieinhalb Jahren zum Meister: Im Schnellverfahren sollen jetzt Studienabbrecher die Fachkräftelücke in Handwerksbetrieben schließen. Kann das funktionieren?

Studienabbrecher sollen Führungspositionen im Handwerk übernehmen:
Studienabbrecher
Studienabbrecher sollen Führungspositionen im Handwerk übernehmen: - Mit einer verkürzten Ausbildung und einem Meisterbrief nach 2,5 Jahren.
Mit einer verkürzten Ausbildung und einem Meisterbrief nach 2,5 Jahren.
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In einem Modellprojekt werden Studienabbrecher gezielt angesprochen: Durch verkürzte Ausbildungszeiten und Aufstiegsmöglichkeiten sollen sie Lust auf das Handwerk bekommen.

Masterplan für Studienabbrecher
Einen konkreten Vorstoß hat beispielsweise die Kreishandwerkerschaft Vechta in Niedersachsen gemacht. Sie will Studienabbrecher mit verkürzter Ausbildungszeit zu einer Lehre im Handwerk motivieren.

Nach dem sogenannten „Masterplan“ soll die Ausbildung, die normalerweise drei Jahre dauert, auf eineinhalb Jahre verkürzt werden. Direkt im Anschluss können Teilnehmer des Programms einen Meisterkurs nachlegen.

Meisterbrief nach 2,5 Jahren
Wenn alles gut läuft, hätten die Azubis nach nur zweieinhalb Jahren ihren Meisterbrief in der Tasche. Auf diese Weise könnten auch ältere Betriebsinhaber ihre ei­genen ­Nachfolger ausbilden. „Das Fachkräfteproblem bremst die wirtschaftliche Entwicklung der Betriebe aus“, sagt Dieter Mertens, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta.

Mit dem bundesweit bisher einmaligen Modellprojekt will er „strukturiert Studienabbrecher ansprechen“. Denn diese Zielgruppe habe schon weit mehr Erfahrung als ein Azubi, der direkt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung im Handwerk beginnt, betont Mertens.

Studienabbrecher sollen nach der Ausbildung gezielt Verantwortung übernehmen – etwa in Führungspositionen, oder als potenzielle Betriebsnachfolger. Die finden zahlreiche Handwerksbetriebe nämlich nicht.

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Studienabbrecher eingestellt – und hat große Erwartungen.

Führungskräfte selbst ausbilden?

Schon lange hat Rainer Burhorst nach einem geeigneten Azubi gesucht. „Wir haben seit Jahren mehr Lehrstellen, als wir besetzen können. Und gute Azubis brauchen wir immer“, sagt der Elektrotechnikermeister aus Niedersachsen. Durch den Kontakt zur Kreishandwerkerschaft hat jetzt ein Studienabbrecher bei ihm einen Ausbildungsvertrag unterschrieben.

Der 32-jährige Unternehmer ist begeistert. Und er ist gespannt, was das Projekt in der Praxis bringt. Ab Februar fängt der 26-jährige André Ording bei ihm an.

Zufällig wohnt er im Nachbarort Lohne. In dem Dinklager Betrieb mit zehn Mitarbeitern wird er zum Elektroniker, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik ausgebildet. Denn er wollte etwas mit erneuerbaren Energien machen.

Handwerk punktet mit Praxisorientierung
Wieso hat Ording sein Bauingenieur-Studium in Berlin beendet? „Es war mir zu theoretisch“, sagt er.

In zwei, anstatt dreieinhalb Jahren soll er den Gesellenbrief in der Tasche haben. „Wenn er noch einen Meister hinterher macht, könnte er in vier bis fünf Jahren hier Führungsaufgaben übernehmen“, sagt Burhorst.

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Akademisierung zulasten der Betriebe.

"Erst mal was Sinnvolles machen"

Über die Studienabbrecher sagt Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH): „Diese Leute gieren nach einem Erfolgserlebnis! Eine Ausbildung im Handwerk kann das schnell vermitteln.“ Er sieht die hohe Zahl der Studienabbrecher an Hochschulen als Alarmsignal.

Gerade für Spitzenpositionen brauche das Handwerk immer mehr junge Menschen mit Abitur oder Studium: „Uns Handwerkern fehlt gut vorgebildeter Nachwuchs, die Hochschulen hingegen werden überlaufen“, sagt Kentzler. Da hat André Ording wohl die richtige Entscheidung getroffen.

Ihre Meinung: Würden Sie Studienabbrecher ausbilden? Denken Sie, dass man in dermaßen verkürzter Zeit ein Handwerk wirklich lernen kann? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung! Schreiben Sie uns!

(ja)

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