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22.07.2015

Nachfolge per Genossenschaft

Wenn das Team den Betrieb übernimmt

Fritz Bohmann übergibt seinen Baubetrieb an die Mitarbeiter – die dafür eine Genossenschaft gegründet haben. Wie funktioniert das mit so vielen neuen Chefs?

Nachfolge als Genossenschaft
Nachfolge als Genossenschaft - Nachfolge per Genossenschaft bedeutet: Alle gehen ins Risiko.
Nachfolge per Genossenschaft bedeutet: Alle gehen ins Risiko.
Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

Jeder sechste Mittelständler will seinen Betrieb bis zum Jahr 2017 übergeben oder verkaufen. Die Chancen sind durchwachsen: Immer weniger Kinder wollen in den Betrieb der Eltern einsteigen. Ein Verkauf scheitert häufig am Preis – und der Finanzkraft des Käufers. Bleibt noch die Möglichkeit, einen Mitarbeiter als Nachfolger aufzubauen, doch kaum einer mag seinen relativ sicheren Arbeitsplatz gegen die riskantere Unternehmerrolle tauschen.

Diese Probleme hat Bauunternehmer Fritz Bohmann aus Rastede nicht. Seine Fribo GmbH übernehmen die Mitarbeiter gemeinsam, Stück für Stück. Und so funktioniert es: Einige langjährige Mitarbeiter haben 2012 die Fribo Mitarbeiter-Genossenschaft gegründet. Die Genossenschaft wiederum ist Hauptgesellschafter der neu gegründeten Fribo Team GmbH. Maschinen, Werkzeug, Fuhrpark, Büros und Immobilie – all das mietet die neue von der alten GmbH. Die Mitarbeiter haben die neue GmbH komplett übernommen, ebenso die Kunden und Aufträge

Wer macht mit und wer wird Chef?
Mittlerweile sind 16 der 70 Mitarbeiter Mitglied der Genossenschaft. Zwei von ihnen bilden den Vorstand: Helga Plaßmeyer und Jan-Dirk Meyer. Sie ist Kauffrau, er ist Geselle im Bauhandwerk. Und Unternehmensgründer Fritz Bohmann? Der heute 68-Jährige hatte nicht nur die Idee, er ist auch selbst Mitglied der Genossenschaft und hat dort Kapital investiert. Zudem teilt er sich die Geschäftsführung der neuen GmbH mit Helga Plaßmeyer. Vorerst. „Unser Ziel ist es, dass ich 2017 ausscheide“, berichtet Bohmann. Bis dahin werde die Genossenschaft nach und nach seine Anteile übernehmen.

Bis dahin werde auch die Zahl der Genossen weiter wachsen, sagt Plaßmeyer. Das geht nicht von heute auf morgen, denn dieses Angebot bekommen nur Mitarbeiter, die schon mindestens zehn Jahre im Unternehmen sind. „Uns sind Vertrauen und Stabilität wichtig, also haben wir die Grenze bei zehn Jahren gesetzt“, sagt die Kauffrau. Und wollen die Mitarbeiter das auch? Nicht jeder, räumt Plaßmeyer ein, aber viele: „Wir werden oft schon ein Jahr vorher von den Kollegen angesprochen, bevor sie ihr Zehnjähriges feiern.“

Viele Fragen sind zu beantworten. Wer hilft?

Viele Fragen sind zu beantworten. Wer hilft?

Gemeinsam verantwortlich
Fribo Team
Gemeinsam verantwortlich - Jan-Dirk Meyer (links) und Helga Plaßmeyer bilden den Vorstand der Genossenschaft, Plaßmeyer und Fritz Bohmann führen die Geschäfte der GmbH.
Jan-Dirk Meyer (links) und Helga Plaßmeyer bilden den Vorstand der Genossenschaft, Plaßmeyer und Fritz Bohmann führen die Geschäfte der GmbH.
Foto: jw

 „Die Mitarbeiter waren von Anfang an von der Genossenschaftsidee begeistert“, berichtet Meyer. Was auch an der geprägten Unternehmenskultur liegen dürfte. „Ich habe mich immer mit den Mitarbeitern abgesprochen und sie in wichtige Entscheidungen einbezogen“, berichtet Bohmann. Für ihn ist das selbstverständlich: „Die Mitarbeiter sind diejenigen, die mit den neuen Maschinen arbeiten und sich bei den Aufträgen absprechen müssen.“ Eine große Herausforderung in dem Unternehmen, denn Fribo vereint sieben Gewerke unter einem Dach: Bau, Tischlerei, Zimmerei, Elektro, SHK, Maler und Gartenbau.

Und so hat Bohmann 2008 auch seine Genossenschaftsidee nicht einfach verkündet. „Ich habe erst einmal die Mitarbeiter nach ihrer Meinung gefragt, die schon fast genauso lange dabei sind wie ich.“ Die Resonanz war gut, warf aber viele Fragen auf: Woher kommt das Kapital? Wer hat welche Rechte und welche Pflichten? Wer haftet womit? Wie wird das alles vertraglich geregelt? Eine Menge Fragen, für deren Beantwortung sich die Fribo-Mitarbeiter fast vier Jahre Zeit nahmen: Kein Überraschung für den Chef. „Ich wusste damals schon, dass man eine Nachfolge mindestens fünf Jahre vorher auf den Weg bringen muss“, berichtet er. Kompetente Unterstützung fanden er und seine Mitstreiter auf diesem Weg beim Genossenschaftsverband Weser-Ems und bei ihrer Hausbank, der Raiffeisenbank Rastede. „Es ist wirklich toll, wie viel Zeit sich alle dafür genommen haben“, betont Bohmann.

Bei Bedarf kann die Genossenschaft immer noch auf diesen Rat zurückgreifen. Doch inzwischen läuft vieles von selbst: Die Entscheidungen im Tagesgeschäft treffen Plaßmeyer und Bohmann. Die Interessen der Genossenschaft vertreten Plaßmeyer und Meyer. Und bei den vierteljährlichen Mitgliederversammlungen haben alle drei jeweils nur eine Stimme, genau wie alle anderen Genossen.

Neue Rolle, neue Erfahrungen: Wie ist das so für alle Beteiligten?

Neue Rolle, neue Erfahrungen: Wie ist das so für alle Beteiligten?

Und wie geht es den Verantwortlichen jetzt damit – mit den neuen Aufgaben und Rollen? Am Anfang seien die Kollegen ihm gegenüber „etwas misstrauisch“ gewesen, ob sich etwas im Verhältnis untereinander ändert, berichtet Meyer. Doch das habe sich schnell eingespielt: „Auf der Baustelle bin ich nicht der Vorstand, sondern ein Kollege.“ Da könne er nicht plötzlich Entscheidungen der Geschäftsführung ändern, das sei nicht seine Aufgabe.

Solche Entscheidungen trifft im Alltag Helga Plaßmeyer und auch sie ist mit ihrer neuen Rolle zufrieden. „Ich wollte schon lange gerne mehr Verantwortung übernehmen“, berichtet sie. Etwas habe sich aber schon geändert:  „Ich musste lernen, als Führungskraft im Sinne der Fribo-Team GmbH und der Genossenschaft wichtige Entscheidungen abzuwägen, zu beurteilen und hieraus gegebenenfalls die Konsequenzen umzusetzen.“ Doch auch daran habe sich das Team gewöhnt. „Weil wir nicht einfach so entscheiden, sondern gute Argumente haben – und für andere Argumente offen sind.

Und was sagt Fritz Bohmann nach drei Jahren als Co-Chef? „Es war genau richtig, etwas Besseres hätte uns allen nicht passieren können.“ Davon ist er umso mehr überzeugt, als er sich noch sehr gut an das Jahr 2008 erinnern kann, die Zeit vor der Idee mit der Genossenschaft. Damals habe er noch über einen Verkauf nachgedacht – und dabei eine seltsame Erfahrung gemacht: „Die Käufer haben sich nicht für Ertragslage, Kundenkreis oder Bilanzen interessiert – die wollten nur unsere Mitarbeiter kennenlernen und bei der Arbeit beobachten.“ Bohmanns Vermutung: Die Besucher wollten das 70-Mann-Unternehmen nicht fortführen, sondern waren auf der Suche nach engagierten Mitarbeitern.

Wer eignet sich für das Genossenschaftsmodell? 3 Fragen an den Experten

„Die Größe spielt keine Rolle“

"Nachfolge sichern und Mitarbeiter binden"
Harald Lesch
Harald Lesch berät Genossenschaften in der Gründung.
Foto: Genossenschaftsverband Weser-Ems

Drei Fragen an Harald Lesch, Leiter der Gründungsberatung beim Genossenschaftsverband Weser-Ems in Oldenburg.

Herr Lesch, wie weit verbreitet ist die Nachfolgeregelung als Genossenschaft?
Noch kommt dies nicht häufig vor. Aber angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels wird dies durchaus eine interessante Alternative werden, um zugleich die Nachfolge zu sichern und Mitarbeiter zu binden.

Gibt es eine Faustregel, ab welcher Unternehmensgröße die Nachfolge per Genossenschaft infrage kommt?
Die Größe spielt keine Rolle. Eine Genossenschaft kann mit drei Mitgliedern gegründet werden. Aber es gibt ein paar andere Erfolgsfaktoren: Es muss einen guten Zusammenhalt im Unternehmen geben und eine Begeisterung für das Genossenschaftsmodell vorhanden sein. Und hilfreich ist in jedem Fall eine Unternehmenskultur, in der der bisherige Chef nicht alles alleine, sondern mit seinem Führungsteam entschieden hat.

Und welche Rolle spielen die Finanzen? Nicht jeder Mitarbeiter kann und will sein Vermögen in die Firma stecken.
Natürlich muss jedes Mitglied eine Einlage einbringen, aber die Höhe der Anteile kann in der Satzung geregelt und auch kleinteilig gestaltet werden. Zudem kann mit der Hausbank wie bei jeder Gründung über eine erforderliche Kreditfinanzierung gesprochen werden. Entscheidend dafür ist sicherlich eine gute wirtschaftliche Ausgangsbasis des Unternehmens. Es muss eine echte Zukunftsperspektive haben. Vorteilhaft ist ebenso, wenn der bisherige Firmeninhaber für eine Übergangszeit einen Teil seines Kapitals in die Genossenschaft einbringt.

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(jw)

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