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“Den würde ich glatt kaufen”

Nissan eNV200 im Langzeittest

Funktioniert Elektromobilität im Handwerk? Mehr als vier Wochen haben Peter Reichel und sein Chef Jörg Ewald einen Nissan eNV200 getestet. Welche Erfahrungen haben die Dachdecker gemacht?

Gruppenbild mit Wagen:

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 - Die Mannschaft vom Dachdeckerbetrieb von Jörg Ewald (blaues Hemd) war vom eNV200 begeistert.
Die Mannschaft vom Dachdeckerbetrieb von Jörg Ewald (blaues Hemd) war vom eNV200 begeistert.
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Am Ende schwingt ein wenig Wehmut in Peter Reichels Stimme mit. Der Dachdecker aus Hannover war in der zweiten Hälfte des Langzeittests am meisten mit dem kleinen Elektrolieferwagen unterwegs. Aufträge, bei denen keine allzu langen Dachlatten und Leitern gebraucht wurden, waren ebenso das tägliche Los des Handwerkers und des eNV200 wie die Fahrten von Peter Reichels zu Hause in Ahrbergen zum Betrieb und wieder zurück. Jetzt ist es Zeit für ein Fazit. Reichel, sein Chef, Jörg Ewald, und fast das gesamte Team von der Firma Ewald Bedachung nehmen sich dafür Zeit und stehen im Hof des Hannoverschen Handwerksbetriebes um den kleinen weißen Lieferwagen herum.

Kompakte Maße:

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 - Die im Fahrzeugboden verbauten Akkus, schränken den Laderaum nicht ein.
Die im Fahrzeugboden verbauten Akkus, schränken den Laderaum nicht ein.
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Reichweite, Reichweite, Reichweite ...
Beobachtet man die Diskussionen über die Elektromobilität, kommt fast schon reflexartig das Argument der mangelnden Reichweite. Ein Problem für die Dachdeckerfirma? “Nein! Für uns im Betrieb war das überhaupt kein Problem”, sagt Tester Reichel. Im Gegenteil: Die Handwerker haben ihre Kunden fast alle im Großraum Hannover. Im Schnitt sind die Mitarbeiter zwischen 20 und 30 Kilometern am Tag unterwegs. “Damit kommen wir mit der Reichweite des Nissan gut hin”, bestätigt auch Jörg Ewald.

Wie bei den meisten konventionell angetriebenen Fahrzeugen, klaffen aber auch beim Nissan die Hersteller-Angaben zur Reichweite mit den im Test ermittelten Werten auseinander. Der Automobilbauer gibt den Aktionsradius seines Lieferwagens mit 163 Kilometern an. “In der Praxis sind wir eher bei 130 Kilometern gelandet”, stellt Reichel klar.

Wenn die Warnung zu spät kommt ... Lesen Sie weiter auf Seite 2

Warnung kommt zu spät

Leistungsstarker Bordcomputer:

Langzeittest mit Elektro-Lieferwagen
Nissan eNV200
Langzeittest mit Elektro-Lieferwagen - Im zentralen Display zeigt der Nissan Verbrauchswerte, Reichweite und auf Wunsch gleich auch den Weg zur nächsten Ladestation.
Im zentralen Display zeigt der Nissan Verbrauchswerte, Reichweite und auf Wunsch gleich auch den Weg zur nächsten Ladestation.
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Was den Handwerker stört: “Erst bei einer Restreichweite von 23 Kilometern zeigt der Wagen an, dass er bald neuen Strom braucht. Das ist ziemlich knapp. Eine Warnung bei 40 Kilometern wäre besser”, findet Reichel.

Sehr gut gefallen hat ihm dagegen das komfortable Navigationsgerät des eNV200. Das zeigt nämlich nicht nur den Weg zum Kunden an, sondern auf Wunsch auch die kürzeste Strecke zur nächsten Stromtankstelle. Und von denen zeigt der Japaner in der Region Hannover schon überraschend viele an, haben die Handwerker während des Testzeitraums festgestellt.

Und auch sonst hält der Bordcomputer zahlreiche Informationen abrufbereit: Neben der Reichweite zeigt der Bildschirm auch, wieviel Strom gerade aus den im Fahrzeugboden verbauten Akkus in den Elektromotor fließt. Zu sehen ist hier auch, wenn der Strom genau in die andere Richtung fließt. Denn wie bei allen modernen Elektroautos, wandelt auch der eNV200 beim Ausrollen und Bremsen Bewegungsenergie in Strom um. Der Motor wird dann praktisch zum Dynamo. “Der Effekt ist verblüffend”, sagt Tester Reichel. “Die Reichweitenanzeige legt beim Bremsen immer wieder um ein paar Kilometer zu.”


Sportwagenambitionen
Weniger gut für den Aktionsradius, dafür um so spaßiger: “Grandios ist die Durchzugskraft des Motors”, lobt Reichel. Ein wissendes Grinsen umspielt dabei seine Mundwinkel. Vor allem dann, wenn man die zentral im Armaturenbrett verbaute “Eco”-Taste deaktiviert lässt, sprintet der knapp 1,5 Tonnen schwere Transporter los, als wäre er mehr Sport- als Lieferwagen. “Der Elektromotor stellt sein Drehmoment eben sofort zur Verfügung”, analysiert der Tester. Und das ist beachtlich: Satte 254 Nm liefert der 109 PS starke Elektromotor bei Bedarf. Ein stufenloses Automatik-Getriebe reicht die Leistung an die Vorderräder weiter.

Wenn der Spaß zu Ende geht ... Wie sich der Testwagen wieder aufladen ließ, lesen Sie auf der nächsten Seite

Der Innenraum

Aufgeräumt:

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 - Das Cockpit des eNV200 mutet erst etwas futuristisch an. Doch auch als E-Mobil-Neuling findet man sich schnell zurecht.
Das Cockpit des eNV200 mutet erst etwas futuristisch an. Doch auch als E-Mobil-Neuling findet man sich schnell zurecht.
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Viel Lob erntet auch die Innenausstattung des Lieferwagens. “Das ist schon richtig Luxus, was in dem Wagen steckt”, sagt Ewald. “Vor allem, wenn ich das mit unseren eigenen Elektrowagen vergleiche.” In Ewalds Betrieb laufen schon seit fast vier Jahren zwei Eco-Carrier mit (wir haben berichtet). Die stammen von einem kleinen Anbieter im Norden Hannovers, der inzwischen nicht mehr aktiv ist. Im eNV200 finden selbst groß gewachsene Fahrer und Beifahrer ausreichend Platz. Die eingesetzten Materialien wirken hochwertig und dürften auch stärkerer Beanspruchung lange standhalten. Staufächer im Armaturenbrett sowie unter und zwischen den Sitzen bieten viel Raum für die Dinge des täglichen Bedarfs.

Ab an die Steckdose
Alternativ nehmen die Staufächer unter den Sitzen auch die Ladekabel auf. Serienmäßig bringt der eNV200 eines für den Anschluss an Schnellladestationen und eines für die normale 230-Volt-Steckdose mit. “An der haben wir den Wagen immer geladen”, berichtet Reichel. Besonders gut funktioniere das über Nacht. Denn dann habe die Technik genug Zeit. Muss es dagegen schnell gehen, ist eine Schnellladestation die bessere Wahl. Schnellladestationen bieten inzwischen immer mehr Tankstellen und Parkplätze in den Innenstädten. Alternativ bietet Nissan im Zubehörprogramm eine Schnellladestation für die Montage in der heimischen Garage oder im Betrieb.

Im Zweifel einfach an die Steckdose:

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 - Dafür ist eines der beiden beigelegten Ladekabel gedacht. Schneller geht es mit der Schnellladestation.
Dafür ist eines der beiden beigelegten Ladekabel gedacht. Schneller geht es mit der Schnellladestation.
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Reichlich Raum
Was sowohl Jörg Ewald als auch Peter Reichel überrascht hat, ist das Raumangebot des Nissan. “Ich habe den extra neben unseren Multivan gestellt”, sagt Ewald, dessen Betrieb mit viel Pioniergeist beim Thema ökologisches Bauen zu Hause ist. Gerade mal 50 Zentimeter fehlen dem Japaner im Vergleich. Entsprechend geräumig ist das Gepäckabteil des Lieferwagens: Bis zu 4,2 Quadratmeter Ladung können befördert werden. Maximal darf das Ladegut knapp über zwei Meter lang sein. Da der Laderaum an seiner schmalsten Stelle zwischen den Radkästen 1,22 Meter breit ist, finden bis zu zwei Europaletten Platz. Die maximale Zuladung liegt bei 770 Kilogramm.

Und was kostet der Spaß? Lesen Sie auch die letzte Seite.

Kosten und Nutzen

Kostenfrage:

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 - Auf den Kilometer bezogen, sticht der Elektrowagen seine konventionell angetriebene Konkurrenz aus. Doch der Anschaffungspreis hat einen deutlichen
Auf den Kilometer bezogen, sticht der Elektrowagen seine konventionell angetriebene Konkurrenz aus. Doch der Anschaffungspreis hat einen deutlichen "e-Zuschlag".
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Und was verbraucht der Wagen dabei? Auch das zeigt der Bordcomputer an: Knapp 16,5 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. Schaut man bei Strompreisportalen wie Verivox, kostet die durchschnittliche Kilowattstunde Gewerbestrom derzeit 21,38 Cent. Damit errechnet sich ein Preis von 3,46 Euro reinem Stromverbrauch pro 100 Kilometer. Zum Vergleich: Konventionell angetriebene Lieferwagen in etwa gleicher Größenordnung verbrauchen heute im Schnitt knapp 6 Liter Diesel. Ein Liter kostet aktuell etwa 1,10 Euro. Auf 100 Kilometer ergibt sich so ein Fahrpreis von knapp 6,40 Euro.

Reduziert man die Kostenbetrachtung rein auf die Verbrauchswerte, müsste man den Elektrowagen zwischen 400.000 und 500.000 Kilometer weit fahren, um die Mehrkosten gegenüber seinem konventionell angetriebenen Pendant rauszuholen. Als Diesel ist der NV200 ab rund 17.300 Euro zu haben. Der Elektrowagen liegt mit gekauften Akkus bei knapp über 30.000 Euro.

Legt man dann noch die etwas höheren Ökostrompreise zugrunde, wird der Weg noch weiter.

Doch die Kosten sind beim Thema Elektromobilität natürlich nur ein Aspekt. Gerade wenn man als Unternehmer, wie Jörg Ewald, im regenerativen Bereich unterwegs ist, können die Mehrkosten allein schon durch Imagegründe oder schlicht das gute Gefühl, selbst aktiv ein Zeichen zu setzen, mehr als wettgemacht werden. Zudem entfällt gegenüber dem konventionell angetriebenen Fahrzeug die Kfz-Steuer, die beim NV200 mit Dieselmotor laut Herstellerangaben bei 229 Euro liegt. Außerdem führt Nissan ins Feld, dass die Wartungskosten beim e-Fahrzeug deutlich geringer sind, da kein Motoröl getauscht werden muss Und das ist ein ziemlicher Kostentreiber.

Zeit für ein Fazit:
Für Peter Reichel steht am Ende des Zeitraums das Urteil fest: “Hätte der Wagen 100 Kilometer mehr Reichweite - dann würde ich mir den als Kombi selbst kaufen.” Abgesehen von der aus seiner Sicht “ziemlich straff ausgelegten Dämpfung” hat ihn der Elektro-Lieferwagen rundum begeistert. “Die Technik ist wirklich ausgereift und der Wagen braucht sich vor keinem Benziner zu verstecken”, lobt der Tester.

Ähnlich zufrieden urteilt auch Handwerksunternehmer Jörg Ewald: “Für uns als Dachdecker ist der Wagen etwas zu klein, selbst wenn wir einen Dachgepäckträger montieren würden. Gäbe es den mit einem längeren Radstand oder hätte Nissan ein etwas größeres Fahrzeug im Angebot, würde ich das glatt für meinen Betrieb kaufen. Den Praxistest hat der Wagen bei uns auf alle Fälle bestanden”, resümiert Ewald. Die Zeit sei ganz einfach reif, umzudenken - Mehrkosten hin oder her.

(ha)

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Schlussbemerkung:

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 - Ungeachtet jeder Reichweitendebatte - Elektromobilität funktioniert, wenn man bereit ist, die Kosten dafür zu tragen.
Ungeachtet jeder Reichweitendebatte - Elektromobilität funktioniert, wenn man bereit ist, die Kosten dafür zu tragen.
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