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25.05.2016

Drohende Insolvenz

„Ich bin alleine, wie gelähmt“

Ein Interview über lähmende Angst, Schuldendruck – und über Selbstmorde im Handwerk.

Migräne
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Foto: ©Rynio Productions – Fotolia.com

Viele Berufe, ein Experte: Martin Bode ist Chef eines Malerbetriebs in Everode, einem Ort in der Nähe von Hildesheim. Er ist zugelassener Auktionator. Und er bewertet für Insolvenzverwalter das Anlagevermögen von Betrieben. Das Gespräch mit ihm führt in eine verzweifelte Welt.

Herr Bode, welchen Kardinalfehler begehen Chefs, deren Betrieb in der Krise steckt?
Bode: Wenn die Betriebe eher reagieren und eher in die Beratung gehen würden, könnte vielen geholfen werden. Oft verlieren die Inhaber vorher noch die letzte Lebensversichung, die letzte Rentenabsicherung. Wenn alles verpfändet und das letzte Kapitel überschrieben ist, wie wollen sie denn dann noch eine Sanierung auf die Beine stellen?

Wenn eine Insolvenz umvermeidlich ist, ist das wahrscheinlich ein heftiger Schlag.
Bode: Das Hauptproblem ist das Umfeld. Ich habe 200 Freunde, gehe auf schicke Feste, alles ist schön. Gleichzeitig weiß ich, dass der Betrieb den Bach runtergeht, ich spüre den Druck der Schulden, ich bin alleine, wie gelähmt. Dann wird die Insolvenz öffentlich. Plötzlich ruft keiner mehr an, beim Kegeln werde ich komisch angeguckt.

Das Problem ist tatsächlich diese lähmende Angst vor dem Insolvenzantrag, oder?
Bode: Die Schritte müssen früh genug eingeleitet werden. Es ist noch genug Kapital da, ich stelle den Betrieb um, ich kann weitermachen – diesen Punkt verpassen viele Betriebsinhaber. Sie verpassen ihn, weil der Druck sie lähmt. Selbstmorde sind da keine Seltenheit.

Keine Seltenheit?
Bode: Ich sitze hinterher mit den Erben zusammen, mit der Ehefrau, mit der Mutter, das ist deprimierend. Kürzlich bin ich die Unterlagen rückwirkend durchgegangen. Ich komme für die vergangenen 18 Monate auf 52 Fälle. Fast alle haben sich vor der Insolvenz umgebracht, im Verfahren waren es zwei. Viele der Betriebe wären zu retten gewesen, die Menschen wären zu retten gewesen.

Der Druck muss ungeheuerlich sein.
Bode: Ich selbst bin 2008 um viel Geld erleichtert worden. Damals habe ich eine Brief-Phobie entwickelt. Wenn der Postwagen vorfuhr und der Mann griff oben rechts in die Ablage, wusste ich schon, dass mir wieder ein Einschreiben ins Haus flatterte. Gleichzeitig müssen sie in jeder Minute eine Entscheidung treffen. Da heißt es ackern. Im Januar 2009 habe ich alle Gläubiger angerufen, den Finanzbeamten, einfach alle. Ich kannte jeden Gerichtsvollzieher, jeden Vollstrecker von der Krankenkasse. Dann habe ich mit den Beteiligten einen Zahlungsplan vereinbart und bis 2011 alles zurückgezahlt.

Und wenn Sie nicht gehandelt hätten?
Bode: Dann wäre ich untergegangen. Das wichtigste ist wirklich, dass sich die Leute früh genug Hilfe holen.

Nun erzählen Betriebsinhaber auch üble Geschichten über Insolvenzverwalter.
Bode: Mag sein, aber es gibt Verwalter, die extrem gut sanieren. Da macht die Arbeit richtig Spaß. Im vergangenen Jahr hatten wir eine große Zimmerei, die Ende Januar in die Insolvenz ging, im November konnten wir sie schon aus der Insolvenz freigeben, da war der Betrieb saniert. Und er hatte lediglich 5 Arbeitsplätze weniger.

Was zeichnet einen guten Insolvenzverwalter aus?
Bode: Die Herangehensweise. Letztlich geht es um die Frage, ob ein Insolvenzverwalter einen Betrieb ehrlich sanieren und die Arbeitsplätze erhalten will. Aber davon mal ab ist es für alle Beteiligten ein unheimlich gutes Gefühl, wenn sie die Schlussbesprechung haben und die Mitarbeiter lachen sie an.

Und wie kommt der Betriebsinhaber, dem der Boden wegbricht, an einen Insolvenzverwalter, der ihm hilft?
Bode: Gute Frage. Nach dem Insolvenzantrag wird der Verwalter normalerweise frei vergeben, nach Quote. Dann hat es viel mit Glück zu tun. Aber es gibt auch Ausnahmen, nehmen wir einen klassischen Fall. Dachdecker, 3 Mitarbeiter, nach der Steuerprüfung wird ihm klar, er muss handeln. Er hat von einem Insolvenzverwalter gehört, der einem Kollegen geholfen hat. Wenn er bei Gericht einen konkreten Wunsch äußert, wird der Wunsch oft berücksichtigt. Wenn ich vorher klar sagen kann, ich möchte saniert werden, stehen die Chancen gut. Ich persönlich könnte viele gute Insolvenzverwalter nennen, die auch eher kleinen Handwerksbetrieben helfen können.

Was ist aus Ihrer Erfahrung der häufigste Grund für eine Pleite?
Bode: Es ist immer noch so, dass viele kleine Betriebe scheitern, weil sie keine Ahnung von Buchführung haben. Das sind oft Handwerker, vor denen ich den Hut ziehe, die wirklich geschickt sind und mit ihrem Werkzeug Wunder vollbringen. Solche Chefs könnten sich ein eigenständiges Büro suchen, das die Buchführung übernimmt, es gibt da unzählige Dienstleister, auch gute Leute.

Wo versinkt es noch?
Bode: In Knebelverträgen. Es ist kaum zu fassen, wofür Betriebe Geld ausgeben. Ein aktueller Fall: Ein Betrieb schließt einen Vertrag ab über fünf Jahre, in der Werkstatt stehen schicke Maschinen, dann bricht ihm das Geschäft weg, die halbe Belegschaft wechselt zur Konkurrenz. Der Mann kommt aus diesem Flottenvertrag nicht mehr heraus, der muss jeden Monat 1.000 Euro für Maschinen bezahlen, hat aber kaum noch Leute, die die Maschinen bedienen können.

Und das passiert oft?
Bode: Ja. Einer der großen Bohrmaschinenlieferanten arbeitet gerne mit Flottenverträgen, der stellt den Betrieben die tollsten Sachen hin. Oder Wasserspender, auch so ein Thema, ständig sehe ich diese Teile in winzigen Betrieben. Ich kenne einen Ein-Mann-Betrieb, der jeden Monat 6 Gallonen Wasser bekommt. Es ist natürlich stark, so etwas für die Kunden zu haben. Er hat aber maximal 4 Kunden im Monat, die ihn besuchen. Es sind die kleinen Kostenstellen, es läppert sich, da muss ich auf meine Stundenpreise schon mal fünf Euro drauflegen für irgendwelchen Tinnef.

Ihre Arbeit für Insolvenzverwalter dürfte einige Zeit in Anspruch nehmen – wie schaffen Sie es da überhaupt, einen Betrieb zu leiten?
Bode: Ich bin seit 2006 selbstständig und habe von Anfang an den Betrieb so strukturiert, dass meine Leute selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten können. Vom Aufmaß bis zur Abnahme, meine Leute laufen komplett autark. Auch so eine Einsicht: Wenn ich ausfalle, weil ich einen Unfall hatte, muss der Betrieb weiterlaufen können.

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(Das Gespräch führte Heiner Siefken)

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