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12.06.2012

Brüller

Der Fussball, die GEZ und die Innungen

GEZ, Fußball, Mitgliederschwund bei den Innungen: Was diese drei Themen miteinander verbindet, weiß Handwerksmeister Richard Schildgen.

Kicker Fußball
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Ein Thema auf Deutschlandreise: Zuerst der Befindlichkeitsbericht aus der Kreishandwerkerschaft des Kreises Harburg. Und jetzt hat sich die Süddeutsche Zeitung (SZ) das Handwerkerleben im bayerischen Erding vorgeknöpft. Die deprimierende Überschrift: "Solidarität mit der Innung bröckelt."

Die Erdinger Bäcker und Metzger sind laut SZ gut organisiert, deutlich anders sehe die Situation bei Friseuren, Schreinern oder Zimmerern aus. Den Zimmerermeister Thomas H. zitiert das Blatt so: "Die Beiträge sind mir zu hoch – und die Innung tut sowieso zu wenig."

Handwerk.com-Leser betrachten die Innungswelt positiver. Allen voran Richard Schildgen, der Kölner Elektrotechnikmeister hat uns den Brüller des Tages geschickt.

Wer guckt schon vom Winde verweht auf einem 3,5 Zoll-Monitor? Lesen Sie Seite 2.

schildgen portrait
 - Elektrotechnikmeister Schildgen
Elektrotechnikmeister Schildgen
Foto: Siefken
Innungsmitglied – kein verwerfliches Wort

Richard Schildgen schreibt: "Ich kann nicht verstehen, warum es Kollegen gibt, die nicht 'organisiert' sind. Hört sich erst einmal an, als wäre das etwas Verwerfliches, ist es aber nicht. Eine Fußballmannschaft ist ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die, wenn alle mitarbeiten, auch erfolgreich sind. Wer kann von sich behaupten, alles alleine erreicht zu haben? Bitte melden!"

Im Thema GEZ sieht Schildgen ein Beispiel dafür, wie wichtig ein hoher Organisationsgrad der Betriebe ist: "Wenn die Innungen mehr Mitglieder hätten, würde auch ihr Einfluss steigen. Dann hätten sich vielleicht die Elektroinstallateure nicht von der GEZ 'vergewaltigen' lassen, weil sie im Besitz eines 'Rundfunkempfängers' waren und dafür GEZ-Gebühren zahlen mussten (ein Antennenmessgerät erfüllt zwar die Kriterien eines Rundfunkempfängers, doch wer guckt auf schon einem 3,5-Zoll-Monitor auf einem Giebel sitzend 'Vom Winde verweht?')." Gute Frage.

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Aufwärts
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Positive Entwicklung: Mitgliederzuwachs in Dresden

Frank Schöne ist Geschäftsführer der Dresdner SHK-Innung. Er zeigt auf, wie Innungen auch im Jahre 2012 zu neuen Mitgliedern kommen können: "Es liest sich brutal, was Sie da schreiben. Aber unsere Innung beweist, dass es anders geht. In Zeiten stagnierender oder stetig sinkender Mitgliederzahlen hat unsere Innung einen Mitgliederzuwachs von über 50 Fachbetrieben. Damit ist die Mitgliederzahl auf knapp 200 angewachsen."

Wie konnte das passieren? Schönes Erfolgsfaktoren (vielleicht eine Art Zielvorgabe für andere Innungen): Aktive Mitgliederwerbung bei den Handwerksbetrieben vor Ort. Kooperation mit Industrie und Handel. Rahmenverträge, Bonusvereinbarungen, Schulungsmaßnahmen. Präsentationen in der Berufsschule. Beratung durch zwei Anwaltskanzleien, Werbung, Teilnahme an Messen, Betreuung der Betriebe durch die Geschäftsstelle. Die Lehrlingsausbildung. Und nicht zuletzt die monatliche Innungsinformation zu aktuellen Themen und Trends für Handwerksmeister.

Der Innungsbeitrag hat sich bezahlt gemacht – zwei Beispiele aus der Praxis.

Augen
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Echte Hilfe für Quereinsteiger

Sabine Newrzella ist Unternehmerfrau in der Kölner Bäckerei und Konditorei Newrzella. Ihre Meinung: "Auch in Köln purzelt die Zahl der Innungsmitglieder, leider häufig durch Betriebsschließungen. Ich arbeite erst seit einigen Jahren im Handwerksbetrieb meines Mannes mit und kam als branchenfremde Quereinsteigerin ins Unternehmen. Hätte ich nicht so viel und ganz besonders kompetente Untertützung durch die Bäckerinnung Köln erfahren, wüsste ich nicht, wo ich heute mit meinem Wissensstand wäre."

Zum Thema Innungsbeiträge schreibt Newrzella: "Es werden alle erforderlichen Dinge weit über das normale Maß hinaus betreut. Das investierte Geld in den Innungsbeitrag hat sich mehr als nur bezahlt gemacht."

Die Frankfurter Dachdeckermeisterin Melanie Bernhardt ergänzt: "Auch hier in Frankfurt gibt es das Problem der schrumpfenden Innungsmitgliederzahlen. Ich denke, oft liegt es daran, dass jüngere Handwerkskollegen die Innungen als nicht zeitgemäß empfinden."

Dabei bringe die Mitgliedschaft in einer Innung viele Vorteile mit sich, meint Bernhardt: "Der Austausch mit den Kollegen, Seminare, Weiterbildungsmöglichkeiten – das sind alles wichtige Bestandteile unserer Arbeit im Betrieb."

Das Schlusswort haben zwei Innungs-Obermeister – lesen Sie die letzte Seite.

Streichhölzer quer
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Die Kritiker mit einbinden

Jürgen Jobmann ist Obermeister der Maler- und Lackiererinnung Rhein-Main. Seine Meinung: "Tatsächlich gibt es einen Mitgliederschwund. Ausbluten würde ich dazu sagen, wenn alle unzufrieden wären und sich anderweitige Unterstützung suchen würden. Jeder, der seine Innung kritisiert, ist eigentlich aufgerufen, mit anzupacken."

Das kann Klaus Bartsch unterschreiben. Der Obermeister der Kölner Zahntechniker-Innung erinnert zudem daran, dass nicht allein Innungen über Mitgliederschwund klagen: "Das ist vielmehr eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, die viele Organisationen trifft." Worin sieht Bartsch die Ursachen? "Vielleicht in der Individualisierung der Gesellschaft. Aber gerade in einer Zeit, in der vieles tatsächlich komplizierter wird, kommt es darauf an, einig und geschlossen aufzutreten. Es ist bedauerlich, dass Interessengruppen wie Innungen heute zu wenig als politisches Instrument wahrgenommen werden."

Sehen Sie die Innungswelt ähnlich positiv? Oder was nervt Sie an den Innungen in Ihrer Region? Wir sind gespannt, schreiben Sie uns!

Die kompletten Leserbriefe finden Sie hier.

Weitere Informationen zum Thema:


(sfk)

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