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Solarförderung

"Energiewende in Gefahr"

Ein Minister-Beschluss und seine Folgen: Während Experten noch über die Kürzung der Solarförderung streiten, leiden Betriebe bereits konkret.

Einen Tipp hat Hermann Krüger für die Bundesminister Rösler und Röttgen sofort parat: "Die sollten erst einmal eine Nacht darüber schlafen, ehe sie wichtige Entscheidungen verkünden! So halten wir es bei uns in Ostfriesland." Die Nachricht über die geplante Kürzung der Solarförderung um rund 30 Prozent schon zum 9. März hat den Elektrotechnikunternehmer in Asien erreicht, gerade erst hatte er mit einem Lieferanten eine neue Produktionsstätte besichtigt. Krüger agiert international. Seine Befürchtung: Der Minister-Konsens wird nicht für Handwerksbetriebe, sondern für die Wirtschaft insgesamt üble Folgen haben.

Sonne
 - Attraktive Energiequelle: Die Sonne schreibt keine Rechnungen. Foto: Wessel
Attraktive Energiequelle: Die Sonne schreibt keine Rechnungen. Foto: Wessel

Neben dem klassischen Handwerksbetrieb hat sich Krüger als Großhändler für Solartechnik am Markt positioniert. Außerdem betreibt er einen der größten Solarparks in Ostfriesland. Während seiner aktuellen Asienreise hat er bei seinen chinesischen Geschäftspartnern "wieder einmal nur" Fabrikationsstraßen gesehen, die mit deutschen Maschinen ausgestattet sind. "Gerade in dieser Branche ist ‘Made in Germany‘ ein echtes Qualitätsmerkmal – aber wie lange noch?“, fragt Krüger. Die Politik sei einfach nicht verlässlich: "Schließlich war bisher verabredet, dass die Förderung von Solarstrom erst zum 1. Juli sinken sollte – da wird reichlich Porzellan zerschlagen."

Dass die Fördergelder zusammengestrichen werden, steht lange fest. Doch der Kompromiss, der den einen alten Rösler-Röttgen-Streit schlichtet, hat auch Experten überrascht. Die Vergütungssätze, die 20 Jahre lang an die Betreiber von Solaranlagen gezahlt werden, sinken je nach Größe der Anlage auf 13,50 bis 19,50 Cent. Derzeit liegt die Spannbreite zwischen 17,94 bis 24,43 Cent, früher zum Teil bei 57 Cent.

Was das für die Technologie heißt, lesen Sie auf http://cf01.handwerk.schluetersche.de/solarfoerderung-gekappt/150/3/33234/2#GrenzeerreichtSeite 2.

Grenze erreicht

"Mit den geplanten Kürzungen erreicht die Fotovoltaik die Grenzen der Attraktivität. Die Energiewende und damit der Atomausstieg geraten in Gefahr", sagt ZVEH-Hauptgeschäftsführer Ingolf Jakobi. Die zeitlichen Rahmenbedingungen für die Absenkung würden E-Handwerker hart treffen. Jakobi mahnt an, dass auch Anlagen betroffen sein könnten, die sich aktuell in der Planung oder im Bau befinden: "Die Kürzungsmaßnahmen wirken sich massiv auf deren Wirtschaftlichkeitsberechnungen aus." Ein Hoffnungsschimmer: Aus Berlin ist zu hören, dass die Regierungskoalition über die Übergangsfristen diskutiert.  

Kredit abgelehnt
 - Finanzierung wackelt: Bei bereits fest beauftragten Anlagen können durch die veränderten Fördersätze die gesamte Wirtschaftichkeitsberechnung hinfällig sein. Hier wird noch über eine Verlängerung der Übergangsfristen diskutiert. Foto: BilderBox.com
Finanzierung wackelt: Bei bereits fest beauftragten Anlagen können durch die veränderten Fördersätze die gesamte Wirtschaftichkeitsberechnung hinfällig sein. Hier wird noch über eine Verlängerung der Übergangsfristen diskutiert. Foto: BilderBox.com

Dass sich die Kürzung schon jetzt auswirkt, zeigt der Blick in Hermann Krügers Auftragsbücher: "Erste Kunden haben bereits storniert." Und das dürften keine Einzelfälle bleiben. "Der Zubau wird deutlich zurückgehen", prognostiziert die Sprecherin des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks, Ulrike Heuberger. Wie stark der Einbruch sein wird, vermag sie aber nicht einzuschätzen: "Das wäre Kaffeesatzleserei." Weniger kritisch sieht Elmar Esser die Situation. Der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) glaubt, dass es für den Erfolg der Energiewende "sogar unabdingbar ist, neben der Stromerzeugung endlich auch über das Effizienzpotenzial im Wärmemarkt zu sprechen". Denn: "Unsere Betriebe stehen als die wahren Hersteller von Energieeffizienz in Gebäuden im Heizungskeller."

Ebenso wie Hermann Krüger appelliert aber auch Esser an die Politik, "endlich von einer kontraproduktiven, haushaltsabhängigen Stop-and-go-Förderung abzurücken". Der Markt benötige klare Entscheidungen. Esser: "Verbraucher reagieren viel sensibler als viele politische Entscheidungsträger glauben."

(ha)