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Kommunikation mit Hindernissen

Gehörloser Lehrling – wie geht das denn?

Malermeister Cemal Ates hat einen gehörlosen Lehrling eingestellt. Aber Gebärdensprache kann der Chef nicht. Wie die Arbeit mit dem Nachwuchs trotzdem funktioniert? Wir haben nachgefragt.

Gute Frage:
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Gute Frage: - Die Kommunikation zwischen Kollegen und dem gehörlosen Azubi funktioniert per SMS und mit Zettel und Stift.
Die Kommunikation zwischen Kollegen und dem gehörlosen Azubi funktioniert per SMS und mit Zettel und Stift.
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Die Frage nach der täglichen Kommunikation mit seinem Azubi Belal beantwortet der Berliner Malermeister so: schwierig! Die Kontakte seien extrem abgekürzt, beschränkten sich auf ganz klare Arbeitsanweisungen wie "Decke streichen".

Der Chef kann keine Gebärdensprache
Wie der behinderte Lehrling mit den Gesellen und dem Chef kommuniziert? Auf jeden Fall nicht in Gebärdensprache. "Ich habe zwar das Alphabet und einige Zeichen von Belal bekommen. Aber die Zeit, wirklich etwas einzuüben, hatte ich nocht nicht."

Immerhin ist Belal jetzt schon im 2. Lehrjahr. Die Kommunikation mit ihm funktioniert vorwiegend "über SMS oder einfach mit Zettel und Stift". In der täglichen Arbeit im Betrieb und auf der Baustelle funktioniere das gut. Manchmal machen ihm die Kollegen die Arbeit mehrmals vor. Dann guckt er es sich ab und macht es genauso. Das klappt.

Schwerer wird es, wenn der Chef ihm noch was hinterherrufen will, wie er es normalerweise tun würde: "Das geht natürlich nicht. Da muss man sich gewaltig umstellen, notfalls hinterherrennen. Immer alles Wichtige im Blick haben und gebündelt herüberbringen – das ist das Rezept", sagt Ates.

Auch Termine bei Kunden sind manchmal nicht Ohne: "Der Geselle muss immer einen Blick auf Belal haben. Besonders, wenn Gefahren lauern. Da müssen beide sehr aufmerksam sein", berichtet der Chef.

Noch eine Hürde: Manche Fachbegriffe gibt es in der Gebärdensprache nicht. Wie Belal sie trotzdem versteht, lesen Sie auf Seite 2.

Die Gebärdensprache stößt im Handwerk an ihre Grenzen

Azubi Belal bei der Arbeit:
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Azubi Belal bei der Arbeit: -
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In der Berufschule begleitet den Maler-Lehrling eine Gebärdendolmetscherin, anders würde Belal sich dort nicht verständigen können.

"Wir wollen, dass Belal versteht, warum er bestimmte Dinge macht und wie sie funktionieren", sagt Ates. Deshalb muss er für schwierige Projekte auch einen Dolmetscher beauftragen. Beispiel: Was ein Fenster ist, weiß der Azubi. Aber "Flügelfenster" oder "Oberlicht" sind schwer zu verstehen. Die Kosten legt der Meister zunächst aus, bekommt er über eine Förderung vom Integrationsamt aber wieder.

Doch auch der Dolmetscher kann nicht alles lösen: Denn Fachbegriffe wie Kohäsion – für den Malerberuf sehr wichtig - gibt es in der Gebärdensprache nicht. Die Lösung heißt hier Umschreiben. Damit haben die Dolmetscher dem Azubi bisher alles erklären können.  

Warum sich Malermeister Ates bewusst für einen behinderten Lehrling entschieden hat, lesen Sie auf Seite 3.

Handwerkliches Geschick versus normale Kommunikation

Malermeister Cemal Ates im Auftrag für den Arbeitskreis Werkkunst Zitadelle Spandau:
Cemal Ates Arbeitskreis Werkkunst Zitadelle Spandau
Malermeister Cemal Ates im Auftrag für den Arbeitskreis Werkkunst Zitadelle Spandau: -
Privat

Schon seit Mitte der 90er-Jahre beschäftigt Ates immer wieder Menschen mit "Handicap", wie er es nennt.

Durch eine Schulpartnerschaft holt er sich junge Menschen für Praktika in den Betrieb: "Mir ist es wichtig, dass sie sehen, was Maler machen. Für den Beruf braucht es einiges Geschick und Gefühl. Wer das nicht hat oder kann, findet es am besten im Praktikum heraus", sagt der Chef von sieben Mitarbeitern.

So war es auch bei Belal. Mehrere Praktika hat er absolviert und sich für den Beruf entschieden. "Er ist unwahrscheinlich engagiert, geschickt und pfiffig, das sind manche Jugendliche ohne Handicap nicht", betont Ates.

Bei anderen Jungendlichen merke er manchmal die Behinderung gar nicht. Denn wenn es sich beispielsweise um eine Lernschwäche handelt, kommt die bei der praktischen Arbeit so gut wie nie vor.

Malermeister Ates will die Ausbildung im Handwerk fördern – wie auch einige seiner Kollegen. Deshalb haben sie sich zu dem „Arbeitskreis Werkkunst“ der Zitadelle Berlin Spandau zusammengeschlossen. Neun Malermeister tauschen sich dort zum Thema Ausbildung permanent aus.

Spezialist in Sachen Azubis mit Handicap ist ohne Frage Ates selbst.

(ja)

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