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09.11.2011

Der Tag geht, der Druck kommt

"Vom Leben gefickt"

Burnout im Handwerk: Dass die Politik eine Mitschuld an seiner Krankheit trägt, sagt ein betroffener Unternehmer. Ein ungewöhnlich offenes Interview.

Streichhölzer abgebrannt hoch
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In der vergangenen Woche hatten wir kurz über Holger Bachsmann (Name von der Redaktion geändert) und seine Krankheit berichtet. Hier das komplette Interview mit dem 40-Jährigen.

Angenommen, Sie müssten Ihrer Krankheit eine Überschrift geben, wie würde die lauten?
Bachsmann: Vom Leben gefickt.

Das klingt heftig. So heftig wie die Burnout-Symptome?
Bachsmann: Ja, Sie können nicht mehr, sind kraftlos, müde, am Ende, haben keine Energie, sind einfach leer – Sie sind ausgebrannt. Burnout ist ein Erschöpfungssyndrom. Sie sind erschöpft von ihrem Handeln, Sie lieben nicht mehr, was Sie tun. Sie rennen durch ein Hamsterrad und denken, dass Sie sich nur in einer schwierigen Phase befinden. Dann versuchen Sie, fehlende Glücksgefühle durch andere Glücksgefühle zu betäuben. Alkohol, Drogen, vielleicht sogar noch mehr Arbeit, das sind alles Möglichkeiten – und lauter Trugschlüsse.

Das Johnnie Walker-Syndrom: Der Tag geht, der Druck kommt – lesen Sie Seite 2.

Uhr burnout fünf vor zwölf
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"Ich will Respekt und Wertschätzung"

An welchen Punkt haben Sie die Trugschlüsse als solche erkannt?
Bachsmann: Ich konnte nicht mehr aufstehen, hatte Angst vor Kontakt, war unsicher in meinen Entscheidungen und meinem Auftreten. Das kam schleichend, eigentlich hat sich das über Jahre entwickelt. Ich wollte allen gerecht werden, gleichzeitig war die wirtschaftliche Lage schwierig. Firmen, die mir Geld schuldeten, sind Pleite gegangen. Die Existenz war bedroht. Der Staat wollte Geld. Da gab es dieses Gefühl: Alle zerren an mir. Immer neue Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Bin ich noch ein guter Vater? Ein guter Ehemann? Ein guter Freund? Ein guter Chef? Gibt es genug Arbeit, gibt es Perspektiven? Das ist ein wahnsinniger Druck.

Mussten Sie Leute entlassen?
Bachsmann: Ja. Und bin dafür vom Arbeitsgericht hart bestraft worden. Das gehörte zu den wirklichen Tiefschlägen. Aber insgesamt fehlte mir plötzlich das Lob, die Anerkennung meiner Arbeit. Noch so ein Gefühl: Ich muss geben, immer nur geben, es ist nur Abfluss – und dafür sind wir Menschen eindeutig nicht geschaffen.

Wofür sind wir denn geschaffen?
Bachsmann: Für die Wertschätzung, die wir durch unsere Arbeit bekommen.

Und wie würden Sie denn den Optimalfall Ihres unternehmerischen Lebens beschreiben?
Bachsmann: Das Private und den Beruf kann ich da nicht trennen. Ich will Respekt und Wertschätzung, aber das ist für jede Art von Beziehung wichtig. Ich will morgens aufstehen und den Tag begrüßen können. Positiv. Und ich alleine entscheide, wie gut ein Tag werden kann.

Auf der nächsten Seite: „Manager bekommen eine Abfindung, wenn’s schiefgeht – wir nicht.“

vernetzt social media computer
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"Jeder Fehler wird hart bestraft"

Was hätte anders laufen müssen? Was hätten Sie Ihr Erschöpfungssyndrom verhindern können?
Bachsmann: Ich hätte mich so akzeptieren müssen wie ich bin, mit Ecken und Kanten. Und ich hätte bei meinen Entscheidungen auf mein Bauchgefühl achten müssen. Nicht immer allen Menschen alles recht machen. Das ist ein Lernprozess. Ich bin 2009 in Therapie gegangen, in eine psychosomatische Klinik. Dort habe ich wahnsinnig viel verarbeiten müssen. Und ich bin heute noch mit dieser Phase beschäftigt, weil ich mitten in der Wiedereingliederung in mein Leben befinde.

Sie gehören zu den Handwerksunternehmern, die in Sachen Social Media sehr aktiv sind – ist das vielleicht ein Teil des Problems? Haben Sie auf dieser Ebene zu viel Gas gegeben? Waren Sie auf Dauersendung?
Bachsmann: Nein, das ist Quatsch. Wir benötigen einfach für alles im Leben Spielregeln. Es ist schon richtig, dass man für die Möglichkeiten des Internets eine Ausbildung bräuchte. Alle glauben, dass sie das können, aber viele Menschen verrennen sich und verlieren sich in einer virtuellen Welt. Sie können 1000 Kontakte haben, aber wenn Geburtstag ist, ist keine Sau da. Aber das ist nun wirklich nicht mein Problem.

Was ist Ihr Problem?
Bachsmann: Ich bin aus anderen Gründen nicht im realen Leben angekommen. Ich habe 100 Stunden in der Woche gearbeitet. In der Spitze hatte ich eine Sieben-Tage-Woche. Wenn die Kinder mit mir spielen wollten, habe ich am Rechner gesessen und überlegt, wie ich den Betrieb retten könnte. Wo sind die Umsätze? Wo die Strategien? Wie komme ich nach vorne? Jeder Fehler, den sie in einem Familienunternehmen begehen, wird hart bestraft. Sie können nur mit dem eigenen Geld arbeiten. Wenn ein Kunde nicht zahlt, kann ich nicht zum Staat gehen und sagen, dass ich Geld benötige. Wir sind die tragende Säule der Wirtschaft, trotzdem wird der Mittelstand belächelt.

„Heute sage ich bewusst und stolz: Nein!“ Lesen Sie die nächsten und letzten Teil des Interviews.

Uhr in Flammen
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"Kann zum Tode führen. Wie Krebs."

Also müsste Ihre Überschrift "Von der Politik gefickt" lauten?
Bachsmann: Ja, in gewisser Weise stimmt das. Wir müssen ständig neue Steuern zahlen. Und ich bekomme auch – anders als bei Managern großer Unternehmen – keine Abfindung, wenn ich aus dem Unternehmen aussteige. Mein Druck der Existenzangst ist Monat für Monat gestiegen.

Was hat denn der Holger Bachsmann des Jahres 2011 verändert?
Bachsmann: Ich habe verstanden, was meine Aufgabe auf dieser Welt ist. Ich bin Geschäftsmann, darf entscheiden und muss die Konsequenzen aushalten. Jeder Mensch hat eine Aufgabe. Ich muss bei mir selbst ankommen und mich selbst schätzen, bevor ich bei anderen punkten kann. Die absolute Akzeptanz der eigenen Person: Auf sich hören, auf den Bauch hören, nicht alles mitmachen, den eigenen Weg finden.

Und wahrscheinlich Nein sagen können.
Bachsmann: Das ist extrem wichtig. Früher habe ich nie Nein gesagt, heute sage ich bewusst und stolz Nein. Doppelt unterstrichen. Authentisch und ehrlich.

Und wann haben Sie das letzte Mal ein "Nein" gesagt, das authentisch war und das weh getan hat?
Denkfehler, ein ehrliches Nein tut nie weh. Vor wenigen Tagen wollte ein Kunde über einen Preis verhandeln. Da habe ich gesagt: ‚Das ist mein Preis, er liegt auf dem Tisch, wenn Sie darüber verhandeln wollen, was meine Arbeit ist, stehe ich auf, sage vielen Dank und gebe Ihnen die Hand. Mein Preis ist Bachsmann und er steht auf dem Papier.‘ Ein Tag später kam die Frage, ob er denn vielleicht 2 Prozent Skonto bekommen könne, wenn er 50 Prozent anzahlen würde. Darüber kann man natürlich verhandeln, aber mein Preis steht. Den Preis rechne ich für jeden Kunden individuell aus, da muss ich keinen Nachlass geben. Das musste ich lernen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie denn im Jahre 2011?
Bachsmann: Fünf Stunden täglich, das ist Teil meiner Wiedereingliederung nach der Therapie. Ich muss mein Leben neu lernen. Wenn Sie 40 Jahre rechtsherum gelaufen sind und plötzlich sollen Sie linksherum laufen, geht das nicht ohne klare Strukturen und Vorgaben. Sonst fallen Sie immer wieder ins alte Muster, das schaffen Sie nicht alleine, das schaffen Sie nur mit hervorragender Begleitung.

Es ist aber schon auffällig, dass Sie ohnehin auf sehr hoher Flamme brennen.
Bachsmann: Und? Das ist meine Person, ja, so bin ich. Das ist auch nicht schlimm, ich muss nur lernen, das alltagstauglich zu leben. Und glauben Sie mir, die hohe Flamme war weg, da war nichts mehr.

Das klingt alles so, als wenn Sie mit der Krankheit noch länger leben müssen.
Bachsmann: Mein Leben lang. Das ist eine schwere Erkrankung, wie Krebs. Kann zum Tode führen. Wie bei Robert Enke: Nicht als Selbstmord, sondern als suizidaler Nebeneffekt einer Erkrankung. Als Nebenwirkung.

Wie schwierig war denn Ihr öffentliches Bekenntnis zu den depressiven Anteilen Ihrer Persönlichkeit?
Sehr schwierig. Das ist einfach schwierig für mittelständische Unternehmer. Der Betroffene hat Angst, dass er belächelt wird. Er sitzt in dieser Position, weil er stark ist wie ein Panzer, weil er über alles hinweg fährt. Jetzt muss man wieder unterscheiden: Wenn man als Führungskraft in einem riesigen Unternehmen angestellt ist und nicht mit dem eigenem Kapital spielt, sind die Konsequenzen nicht so katastrophal wie in einem Familienunternehmen. Als kleiner Unternehmer tanzen Sie mit einer riesigen Verantwortung durchs Leben.

(sfk)

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