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Regeneration

Wie viele Pausen sind genug?

Regeneration während der Arbeitszeit ist sinnvoll. Doch wenn Mitarbeiter extra Pausen einlegen, kann das für den Chef teuer werden. Wo liegt das richtige Maß zwischen Vertrauen und Kontrolle?

Pause, Kaffee
 - Foto: Bilderbox
Foto: Bilderbox

von Birgit Wessel

"Theoretisch können unsere Mitarbeiter unendlich viele Pausen machen", sagt Veit Bowenkamp, Geschäftsführer von Teledoor Isoliertechnik in Melle. Neben den festen Frühstücks- und Mittagspausen steht es den hundert Mitarbeitern frei, sich auch zwischendurch kleine Auszeiten nehmen. Die Basis dafür? – Vertrauen, sagt Bowenkamp.

Bei Teledoor ist damit mehr erlaubt, als das Arbeitszeitgesetz vorsieht: Erst ab einem sechsstündigen Arbeitstag ist eine halbstündige Pause vorgeschrieben. Wer länger als neun Stunden arbeitet, dem steht eine Pause von einer Dreiviertelstunde zu. "Die Ruhezeiten können in Einheiten à 15 Minuten aufgeteilt werden", sagt Jacqueline Greinert. Die Kasseler Fachanwältin für Arbeitsrecht erklärt: "Das Gesetz verpflichtet Arbeitgeber, einen Zeitrahmen vorzugeben, innerhalb dessen die Pausen stattfinden sollen, und dafür Sorge zu tragen, dass die Mitarbeiter die ihnen zustehenden Pausen wirklich nehmen können."

"Die gesetzlichen Pausen sind aus meiner Sicht viel zu wenig", sagt Martina Heisser. Um die Arbeits- und Leistungsfähigkeit sowie die Motivation zu erhalten oder wiederherzustellen, seien circa alle zwei Stunden zehn- bis 15- minütige Pausen notwendig, führt die Trainerin für Personal und Personality aus Montabaur (Rheinland-Pfalz) aus. Bei gleicher Gesamtstundenzahl könne das Arbeitsergebnis nach einem pausenreichen Tag besser sein als nach einem pausenarmen Tag. "Keinem Arbeitgeber nutzen erschlaffte Mitarbeiter", ist Heisser überzeugt.

Wie sollte man die Pausen am besten verbringen?
"Am besten ist eine Kombination aus geistig-seelischer und körperlicher Entspannung“, sagt Heisser. Individuell könne sich das stark unterscheiden: "Der eine geht an der frischen Luft spazieren, die Nächste setzt sich zum Meditieren in eine stille Ecke und der Dritte sucht das Gespräch in der Teeküche." Außerdem werde es in der Regel gut angenommen, wenn Firmen mit professionellen Trainern kooperieren und gymnastische Übungen oder Entspannungmöglichkeiten anbieten.

Ein solches organisiertes Pausenprogramm gibt es bei Teledoor nicht: „Die Mitarbeiter bekommen in den Pausen den Kopf wieder frei, aber jeder entscheidet selbst, ob er einen Kaffee trinkt, sich im Gespräch austauscht oder vor die Tür geht.“ Im Unternehmen weniger liberal gesehen: „Wer eine Raucherpause einlegt, muss ausstempeln.“ Aus Heissers Sicht ist das genau richtig: „Rauchen und Internetsurfen sind Beschäftigungen, die die Regeneration nicht fördern.“

Trotzdem hält Coach Heisser es zunächst für kontraproduktiv, die Mitarbeiter bei Menge und Art ihrer Pausen zu überwachen. Denn Kontrolle baue Druck und Angst auf: „Trauen Sie Ihren Mitarbeitern Verantwortungsbewusstsein zu“, rät sie. Aber was tun, wenn Motivation und Ergebnisse nicht stimmen? Heisser empfiehlt im ersten Schritt ein Gespräch mit dem Mitarbeiter. Denn dahinter könnten auch private Probleme stehen, sagt Heisser.

Diesen Weg ist auch Geschäftsführer Bowenkamp schon gegangen, wenn einzelne Mitarbeiter die betriebliche Regelung allzu frei interpretiert haben: „Nach einem persönlichen Gespräch mit dem jeweiligen Mitarbeiter lief es wieder besser“, sagt Bowenkamp.

Wie Sie vorgehen können, wenn Ihre Mitarbeiter entschieden zu viele Pausen einlegen, lesen Sie auf der zweiten Seite.

Erst abmahnen, dann kündigen

Ihr Recht: Wenn einzelne Mitarbeiter zu viele Pausen einlegen, können Sie dagegen vorgehen.

Voraussetzung: eine betriebliche Regelung. „Gerade bei kleineren Betrieben gibt es hier Nachholbedarf“, weiß Fachanwältin Greinert. Fehlt eine solche Regelung, können Sie sie neu einführen.

Gefahr: Ohne betriebliche Regelung können Gerichtsverfahren zulasten des Arbeitgebers ausgehen. Nämlich dann, wenn der Arbeitnehmer angibt, dass sein Handeln im Betrieb üblich war, und der Chef nichts anderes nachweisen kann.

Abmahnung: Vor der Kündigung kommt die Abmahnung. Dafür reicht ein einmaliger Verstoß gegen die betriebliche Regelung aus. Das Schreiben muss Datum, Uhrzeit und die genaue Beschreibung des Fehlverhaltens enthalten, außerdem den Hinweis, dass bei Wiederholung die Kündigung droht.

Außerordentliche verhaltensbedingte Kündigung: Wenn ein Mitarbeiter seine Arbeitszeit vorsätzlich falsch erfasst, kann der Arbeitgeber eine außerordentliche verhaltensbedingte Kündigung aussprechen. In diesem Fall ist eine Abmahnung nicht erforderlich.