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Auge verletzt: Kleiner Unfall – dramatische Folgen

In seiner ersten Woche bei einem Bauunternehmen hat sich ein syrischer Flüchtling schwer verletzt. Der Fall zeigt auch, welche Verantwortung ein Chef hat.

Alle Infos

Auf einen Blick:

  • Statistik: Tausendfach werden jährlich Augen in der Baubranche verletzt.

  • Notfall: Wiesbadener Augenchirurg operiert jungen Flüchtling.

  • Verantwortung: Für das Tragen von Schutzbrillen darf es keine Ausnahmen geben.

von Heiner Siefken

Er ist Feinmechaniker, er arbeitet im Millimeterbereich unter dem Mikroskop. Sein Name: Dr. Jochen Wahl. Seine Position: Leiter der Glaukom- und Hornhautchirurgie der Augenklinik Wiesbaden. Seine „Kunden“: Immer wieder Bauhandwerker, die keine Schutzbrille getragen haben.

Deutschlands Augenärzte haben insgesamt reichlich Arbeit, das zeigt der Blick in die Statistik. Allein die Berufsgenossenschaft Bau zählte 2016 fast 3.500 meldepflichtige Arbeitsunfälle, bei denen Augen verletzt wurden. Meldepflichtig sind lediglich Unfälle, die eine Arbeitsunfähigkeit von drei Tagen „oder den Tod“ zur Folge haben. Im selben Zeitraum registrierte die BG BAU beinahe 34.000 nicht meldepflichtige Augenverletzungen. Das heißt: Die Betroffenen hatten Glück und konnten schnell behandelt werden.

Schlimmer Unfall nach nur einer Woche auf dem Bau

Pech hatte ein junger Mann, den Wahl Ende April operieren musste. Der Syrer hatte erst seit einer Woche für ein Bauunternehmen gearbeitet. Er sollte die Fliesen eines alten Badezimmers abklopfen, unter den Hammerschlägen löste sich ein Splitter und durchschlug die Hornhaut eines Auges. Trotz der schnellen Operation, mit dem verletzten Auge wird er „wahrscheinlich nie wieder gut sehen können“, sagt Wahl.

Der Fall des syrischen Bauhandwerkers ist typisch, mehr als die Hälfte aller meldepflichtigen Unfälle haben ähnliche Ursachen. Experten wie Wahl sprechen von der „Hammer und Meißel-Verletzung“. Schon einfache Brillen mit Seitenschutz könnten die Unfälle verhindern. Wahl: „Ein Chef darf da keine Ausnahmen zulassen.“ Zumal auch die Folgeerkrankungen einen komplizierten Verlauf haben könnten: Steigender Augendruck, Schmerzen, langwierige Behandlungen durch den Augenarzt – nach Augenverletzungen könnten die Mitarbeiter für lange Zeit ausfallen.

Wenn chemische Stoffe – etwa Reinigungsmittel, Kalk oder Klebstoffe – die Augen verätzen, werden die Zellen der Hornhaut im Auge zerstört. Innerhalb kurzer Zeit trübt sich die Hornhaut ein, schon kleine Verätzungen mindern die Sehkraft. Im Extremfall können die Betroffenen erblinden. Für den Schutz vor solchen Verletzungen gibt es rundum geschlossene Schutzbrillen mit der Kennzeichnung „F“.

Bei „tiefen Verletzungen“ sind die Augen oft komplett verloren

Dass beide Augen verletzt werden, kommt „extrem selten“ vor, sagt Wahl. Doch für die Betroffenen sei das Leben von einer Sekunde auf die nächste zerstört.

Der junge syrische Bauhandwerker hatte noch Glück im Unglück. Zwar musste Wahl ein Stück der Iris entfernen, zwar hat die Linse durch den Schlag eine Trübung. Aber: „Wenn ein Fremdkörper die Linse durchschlägt, die Verletzung also tiefer ist, ist ein Auge oft komplett verloren.“

Wenn Wahl durch die Stadt geht, sieht er regelmäßig Arbeiter, die ohne Schutzbrille „flexen“. Kürzlich hat er einen jungen Bauhandwerker darauf angesprochen. Die Reaktion: „Das geht sie nichts an.“ Was allerdings nur so lange stimmt, bis Wahl wieder sein handwerkliches Talent unter dem Mikroskop beweisen muss.