Gerade im Bereich Steine und Böden kämpft das Bauhandwerk mit Entsorgungsproblemen.
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Engpass Entsorgung

Bauabfall: „Wir steuern auf einen Entsorgungsnotstand zu“

Zu wenig Kapazitäten, zu teuer, Recycling ohne Plan. Das Bauhandwerk ringt mit der Entsorgung von Bauabfällen. Wie dramatisch ist die Lage?

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Hemmschuh Abfallentsorgung: Bundesweit kämpft das Bauhandwerk mit Entsorgungsproblemen, berichtet Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbands Niedersachsen.
  • Er benennt drei Ursachen: die gute Baukonjunktur, die schwindende Deponiezahl sowie die sinkende Recyclingquote im Bau.
  • Wegen scharfer Grenzwerte müssten viele Materialien laut Wächter in teuren Deponien recycelt werden. Doch die recycelten Materialien dürfen häufig gar nicht verbaut werden, sondern verstopfen stattdessen die Deponien.
  • Politisch ist Bewegung im Thema: Eine neue Verordnung ist in Arbeit. Sie könnte das Problem lindern – oder verschärfen.

Die Abfallentsorgung hat sich im Bauhandwerk zum echten Problemfall entwickelt. „Bundesweit sind die Preise für die Entsorgung stark gestiegen“, sagt Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbands Niedersachsen (BVN).

Besonders ausgeprägt seien die Entsorgungsprobleme im Bau bei Böden und Steinen. Der BVN-Geschäftsführer führt die Engpässe vor allen Dingen auf drei Ursachen zurück:

  • Die gute Baukonjunktur, die dafür sorgt, dass gleichzeitig viele Projekte umgesetzt werden.
  • Die seit 2015 schwindende Zahl von Deponien für gering belastete mineralische Abfälle sowie nicht gefährliche Abfälle mit sehr geringem organischen Anteil (Deponieklassen 0 und 1).
  • Eine sinkende Recyclingquote am Bau, durch die immer mehr Reststoffe endgültig auf den Deponien landen.

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Scharfe Grenzwerte erhöhen die Kosten

Hebel, die Entsorgungs-Situation zu entschärfen, sieht Matthias Wächter insbesondere bei der Wiederverwendung von Material. Denn hier habe es eine Fehlentwicklung gegeben, die die Kosten unnötig erhöht und die Transportwege verlängert.

Ein Beispiel: „Sie heben eine Baugrube für ein Einfamilienhaus aus“, sagt Wächter. „Mittlerweile werden die Grenzwerte scharf überwacht, so dass dieser Boden auch bei geringer Schadstoffbelastung als Abfall gilt, was sehr oft der Fall ist. Wenn der Boden auf der Baustelle nicht wiederverwendet werden kann, muss er in einer teuren Deponie zu Recyclingmaterial aufbereitet werden. Eine kostengünstige Entsorgung gibt es fast nicht mehr wegen der Schließung vieler dafür infrage kommender Deponien der Klassen 0 und 1“, erklärt Wächter. Das könne zusätzlich leicht 10.000 Euro allein für die Entsorgung des Aushubs kosten.

Recycling-Material im Bau unerwünscht

Zudem werde der Deponieplatz durch das Recycling noch knapper. Denn öffentliche Auftraggeber schlössen den Einsatz von Recycling-Material auf ihren Baustellen immer öfter aus. „Sie treibt dabei die Sorge vor im Recyclingmaterial verbleibenden Restbelastungen und vor künftigen möglichen Grenzwertverschärfungen“, sagt Wächter. So bleibe das aufbereitete Material in den Deponien – für immer.

Ähnliche Probleme gebe es bei mineralischen Abfällen. „Im Straßenbau wurde zum Beispiel früher der Straßenausbruch vermahlen und dann wieder eingebaut“, berichtet Wächter. „Heute bestehen die Auftraggeber auch hier vorsorglich immer öfter auf dem Einsatz von neuen Rohstoffen.“ Folglich nimmt die Recyclingquote auf den Baustellen ab, während die Menge des in Deponien zu entsorgenden Materials steigt. Durch die abnehmende Recyclingquote bei gleichzeitiger Deponieknappheit steige der Mülltourismus. „Es ist keine Seltenheit, dass nun Tonnen an Material 100 Kilometer zur nächsten freien Sondermülldeponie gefahren werden müssen“, sagt Wächter.

Linderung? Die Politik hat es in der Hand

Ist Linderung in Sicht? Politisch ist laut Matthias Wächter zumindest Bewegung im Thema. Aktuell beraten demnach die Länder noch über eine Mantelverordnung, die eine Neufassung der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung vorsieht. Mit ihr werden auch die Deponieverordnung und die Ersatzbaustoffverordnung geändert.

Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes und die Verbände der einzelnen Länder begleiten den Entscheidungsprozess, indem sie die Entscheidungsträger auf die aktuellen Probleme aufmerksam machen. „Nur wenn die Mantelverordnung mit Augenmaß überarbeitet wird, kann das Baugewerbe die Modernisierung Deutschlands stemmen. Zu scharfe Grenzwerte und knapper Deponieraum führen dagegen unweigerlich in den Entsorgungsnotstand.“

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