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Handwerk auf des Teufels Fährte

Bergwerke: Handwerk auf des Teufels Fährte

Ohne das handwerkliche Geschick von Elektrikern, Tischlern und Schlossern wäre ein Bergwerksmuseum schnell dem Untergang geweiht.

Es ist stockfinster. Sorgsam prüft Ralf Siegemund jeden Schritt, den er vor den anderen setzt. Den einzigen Orientierungspunkt liefert die kleine Lampe, die an seinem gelben Helm befestigt ist. Trotz der Dunkelheit kommt der 32-Jährige zügig voran. Er ist es gewohnt: Schließlich ist der Schlosser bereits seit Jahren im Museumsbergwerk Rammelsberg bei Goslar im Harz beschäftigt. Entsprechend häufig war der Handwerker schon in der Finsternis unter Tage unterwegs.

Heute soll er unter anderem eine Druckluftleitung in einem für den Museumsbetrieb erschlossenen Teil des Stollenlabyrinths kontrollieren. Im Zwielicht der Besucherstollen bewegt sich der 32-Jährige mit schlafwandlerischer Sicherheit. Jedesmal, wenn er stehen bleibt, um die Wangen (Wände) sowie den First (Decke) des Stollens auf ihre Stabilität zu kontrollieren, umschließt ihn sofort absolute Ruhe. Das einzige, was hier gut 700 Meter unterhalb des Waldbodens des Rammelsberges außer seinem eigenen Atem zu hören ist, ist das beständige Tropfen des Wassers. Das ist hier wirklich überall, raunt der Handwerker in die Stille. Und genau das ist es auch, was für ihn, wie auch für seine Kollegen, die Arbeit nie ausgehen lässt. Nicht nur, dass die Nässe praktisch jedes Material angreift. Auch die Auswaschungen des immer noch erzhaltigen Gesteins erschwert die Instandhaltung der Stollen. Läßt man hier eine Schraube liegen, ist sie morgen schon doppelt so dick, sagt Siegemund. So viel Material werde Tag für Tag aus den Tiefen des Berges gespült.

Druckluft steuert die Maschinen

Wenig später erreicht der Handwerker seinen ungewöhnlichen Einsatzort, der nur schwach durch einige Grubenlampen erleuchtet wird. Mitten durch den Gang verlaufen die Gleise der Grubenbahn. Rechts und links zweigen kleinere Vortriebe ab, in denen die technische Entwicklung des Erzabbaus dokumentiert wird. Das Besondere: Alle Maschinen von der vergleichsweise simplen Handbohrmaschine bis hin zum automatischen Bohrwagen sind voll funktionsfähig. Dafür ist allerdings ausreichend Druckluft erforderlich. Entweicht diese unkontrolliert durch ein Leck im weit verzweigten Leitungsnetz, können die rumpelnden Maschinen den Museumsbesuchern nicht vorgeführt werden.

Bis Ende der achtziger Jahre wurde am Rammelsberg Erz zu Tage gefördert, sagt Jürgen Meier, technischer Direktor des Museumsbergwerks, in seinem gemütlichen Büro. Der Rammelsberg war das größte zusammenhängende Buntmetallerzvorkommen der Welt. Insgesamt wurden rund 27 Millionen Tonnen Erz aus dem Berg geholt. Das Gestein enthält vorwiegend Zinkblende, silberhaltigen Bleiglanz, Kupferkies, Pyrit und Schwerspat. Unter Tage führt diese Materialvielfalt dazu, dass sich entlang der Stollenwände ein unglaublich buntes Farbenspiel niederschlägt.

Geschichten und Geschichte des Rammelsberges

Über die Entdeckung des Erzvorkommens ranken sich zahlreiche Sagen. Danach scharrte das Pferd von Jäger Ramm dem späteren Namensgeber des Berges im Wald mit Hufen, während sein Besitzer im Dickicht Wild verfolgte. Als der Jäger in Diensten Kaiser Ottos II. zurückkehrte, hatte das edle Tier den Anfang einer Erzader freigelegt. Andere Geschichten künden davon, dass der Teufel selbst im Rammelsberg sein ganz in Silber gefasstes Reich gehabt haben soll. Glaubt man den Sagen, reicht die Geschichte des Bergwerks mehr als 1000 Jahre zurück.

Der Fund dreier bronzener Schmuckscheiben Mitte der achtziger Jahre straft diese Geschichte allerdings Lügen, sagt Meier und schmunzelt wissend. Die Analyse der Schmuckstücke lässt nach seinen Worten den Schluss zu, dass schon gut 1000 Jahre vor Christus damit begonnen wurde, die Schätze des Berges abzubauen. Damit habe der Bergbau bei Goslar bereits eine gut 3000-jährige Tradition, betont Meier. Für seine architektonische Bedeutung und den Einfluss auf die industrielle Entwicklung wurde das Bergwerk 1992 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Unten im Berg hat Siegemund mittlerweile seinen Kollegen Gerhard Fedder getroffen. Fedder ist Elektriker und bereits seit 1969 unter Tage im Einsatz. Früher war ich im Erzbergwerk Bad Grund beschäftigt. Heute kümmert er sich um die elektrische Anlage des Bergwerksmuseums. Keine ganz leichte Aufgabe erstrecken sich doch allein die unterirdischen Stromleitungen auf weit mehr als zehn Kilometer Strecke.

Ein Grollen kündigt die Grubenlok an

Im gut beleuchteten Ausstellungsstollen angekommen, machen sich die beiden Männer gleich an ihre Arbeit. Während Fedder die elektrischen Leitungen auf Funktion und Zustand hin überprüft, greift Siegemund zu einem großen Hammer. Plötzlich dringt aus der Tiefe des Berges ein leises Grollen in den Stollen. Beide Handwerker horchen auf. Das Grollen schwillt an und in der Ferne taucht ein Lichtpunkt auf. Wenig später rumpelt eine kleine Grubenlok heran. Damit sind wir hier unter Tage viel unterwegs, erzählt Siegemund. Gerade auch wenn es darum geht, Werkzeuge und Material durch die Schachtanlage zu transportieren, leiste die Grubenbahn wertvolle Dienste. Die Wartung der grünen und gelben akkubetriebenen Lokomotiven und der dazugehörigen Wagen, fällt auch in den Aufgabenbereich des Schlossers. Ein Spezialgebiet von ihm. Schließlich hat er beim Schienenfahrzeughersteller Linke-Hofmann-Busch in Salzgitter seinen Beruf erlernt. Früher, erzählt Siegemund, wurde mit den Grubenbahnen das abgebaute Gestein aus dem Berg geholt und zur Wäsche am Berghang gefahren gut 500 Wagen pro Tag. Heute dienen sie vor allem dazu, Besuchergruppen in die Ausstellungsbereiche zu fahren.

Kaum ist die kleine grüne Lok wieder verschwunden, gehen die beiden Männer wieder ihrer Arbeit nach. Siegemund greift zum Hammer und öffnet mit gezielten Schlägen die Verschraubung des Luftanschlusses an einem großen Bohrwagen. Dieses Fahrzeug diente früher dazu, beim Vortrieb neuer Stollen die Löcher für die Sprengsätze gut zwei Meter tief in den Fels zu bringen. Siegemund nimmt die Leitung ab. Überprüft die Verbindungen und setzt schließlich wieder alles zusammen. Erneut kommt der Hammer zum Einsatz. Nach einem letzten beherzten Schlag ist der Handwerker zufrieden. Er öffnet das Ventil. Druck baut sich auf. Schließlich setzt er die überdimensionale Bohrmaschine in Gang. Binnen Minuten ist der kleine Stollenabzweig in dichten Steinstaub gehüllt. Man kann erahnen, unter welchen Bedingungen dem Berg seine Schätze abgejagt wurden. Dabei lief die Maschine nur wenige Augenblicke.

Andere Welt andere Sprache

Gemeinsam machen sich die beiden wieder auf den Rückweg. Sorgen oder gar Angst, von den Gesteinsmassen verschüttet zu werden, begleitet sie dabei nach eigenen Angaben nicht. Nicht mal ein mulmiges Gefühl mache sich breit, wenn sie morgens in den Berg einfahren. Anfänglich habe ihm lediglich die Bergmannssprache Schwierigkeiten bereitet, räumt Siegemund ein und berichtet von den lieben Kollegen, die sich auf seine Kosten den einen oder anderen Streich erlaubt haben. Dennoch möchte er ebenso wenig wie sein Kollege Fedder, die Arbeit in der Dunkelheit missen. Wie aus einem Munde loben beide vor allem die Vielfalt, die die Arbeit im Bergbaumuseum mit sich bringt. Zwar würden größere Aufträge wie die Erschließung neuer Museumsbereiche an externe Betriebe vergeben. Aber dennoch bleibt für die im Museum beschäftigten Handwerker noch genügend zu tun.

Das Bergwerksmuseum Rammelsberg

Das Museum ist täglich in der Zeit von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Neben der Möglichkeit, sich unter Tage ein Bild von der Arbeit im Berg zu machen, wartet das Museum auch mit einem umfangreichen Fundus an oberirdischen Anlagen auf, die erkundet werden können. So kann beispielsweise im alten Magazin des Bergwerks die Entwicklungsgeschichte des Erzabbaus am Rammelsberg nachvollzogen werden. Zudem ist die an den Berg gebaute Erzaufbereitungsanlage, in der das geförderte Gestein seiner metallenen Schätze entledigt wurde, zur Besichtigung freigegeben.

Unter Tage können verschiedene Führungen gebucht werden. Thematisch sind sie in die Bereiche moderner und historischer Bergbau gegliedert. Die Museumsleitung empfiehlt Besuchern dringend festes Schuhwerk. Zudem sollte vor der Einfahrt in den Berg auf entsprechende Kleidung geachtet werden. Die Temperatur unter Tage schwankt nur wenig um 15 Grad. Außerdem tropft in den Stollen vielfach Wasser aus der Decke.

Anmeldungen und weitere Informationen hält die Museumsleitung unter der Rufnummer (0 53 21) 750 - 0 bereit. Im Internet findet sich das Bergbaumuseum unter der Adresse www.rammelsberg.de.

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Automuseen - Erfahrbare Geschichte

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Jeep Grand Cherokee SRT im Praxistest

Dinge, die Sie absolut nicht brauchen – aber garantiert haben wollen. Folge 55: der Jeep unter den Edel-SUVs.

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Doppelter Praxistest VW Amarok

Premiere auf handwerk.com: Gleich zwei Tests für ein Fahrzeug. VW verspricht, dass der kühne Pick-Up locker zwischen Boulevard und Baustelle pendeln kann. Darum haben wir den Wagen mit Handwerkern und auf High-Heels getestet. Wir sind gespannt, in welcher Umgebung Ihnen der Amarok am besten gefällt.

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