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Kompetenz aus der Keksdose

Betriebsführung mal anders

Der Malermeister Stefan Schmidtwilken hat einen Asylbewerber eingestellt – und ist prompt in den Schlagzeilen gelandet.

Eher Privatmann? Oder eher Unternehmer? - Für den Malermeister Stefan Schmidtwilken ist das kein Unterschied.
Für den Malermeister Stefan Schmidtwilken ist das kein Unterschied.
Foto: Heiner Siefken

Das Foto auf der Fensterbank zeigt seine drei Töchter. Und es zeigt auch: Sein Büro ist eine Art Pufferzone, ein Übergang zwischen zwei Welten. Davor: die öffentliche Welt, das Ladengeschäft, die Farben, die Musterbücher, die Kunden, die Mitarbeiter. Dahinter: die private Welt, die Wohnräume, die Rückzugsmöglichkeit. Stefan Schmidtwilken und seine Frau Veronika leben und arbeiten im selben Haus in Osnabrück. Ist das nicht anstrengend? Ist die Arbeit nicht andauernd präsent? Wenn er solche Fragen beantworten soll, sagt Schmidtwilken erst einmal nichts, er denkt einige Sekunden nach, grinst sein Gegenüber an und zuckt mit den Schultern. Die Lachfalten um seine Augen sind die Antwort: Es gibt kein Problem. Zumindest keines, über das es sich groß zu reden lohnte.

Überhaupt ist der Mann auffallend gut gelaunt. Und fast möchte man fragen: Warum eigentlich? Er hat 16 Mitarbeiter. Verantwortung für 16 Mitarbeiter. Er muss 16 Leute verwalten, für 16 Leute Formulare ausfüllen, sich mit Ämtern und Krankenkassen herumschlagen, 16 Leute organisieren, sie auf Baustellen schicken, für genügend Arbeit sorgen. „Weshalb ich trotzdem gute Laune habe?“ Wieder denkt er zwei Sekunden nach und lacht: „Im nächsten Leben fange ich etwas an, das ich alleine machen kann, das sage ich tatsächlich ab und an. Personalführung kann anstrengend sein, zum Glück ist sie auch interessant.“

Ein neuer Mitarbeiter katapultiert Schmidtwilken in die Schlagzeilen – lesen Sie Seite 2.

Bauchgefühl trifft Politik
Reine Vernunft oder Intuition? - Malermeister Stefan Schmidtwilken hört auf sein
Malermeister Stefan Schmidtwilken hört auf sein "Bauchgefühl".
Foto: Heiner Siefken

Einer der drei Auszubildenden des Malermeisters hat eine überraschende Facette in den Betrieb gebracht: die große Politik. Rückblick. Spätsommer 2015, ein Mitarbeiter der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim klopft vorsichtig an, da sei dieser Flüchtling, ein netter Typ: „Wie wär’s, habt Ihr eine freie Stelle?“ Schmidtwilken hört auf sein „Bauchgefühl“. Eigentlich, sagt er, sei immer das Bauchgefühl der entscheidende Faktor, wenn er neue Leute einstellt. Bei dem jungen Mann aus Somalia muss er nicht lange in sich gehen: „Er passte einfach in unser Team. Und mit seinen 20 Jahren ist er unheimlich selbstständig. Wenn ich ihn mit anderen 20-Jährigen vergleiche, die wir schon ausgebildet haben, ist der Unterschied extrem.“
 
Nur ein Aspekt ist schwierig: Die Entscheidung über den Asylantrag des Auszubildenden zieht sich in die Länge, bundesweit berichten Medien über den Fall. Im November titelt der Weser Kurier: „Ali Sharif wartet auf Antwort.“ Seit mehr als zwei Jahren wartet er. Eine Entscheidung ist immer noch nicht gefallen, der Blick in die Zukunft bleibt unsicher.
 
Wenn Schmidtwilken über den jungen Mann spricht, ist er weniger der Unternehmer mit der auffällig positiven Grundeinstellung. Dann ist er eher der nachdenkliche Vater mit dem Foto seiner (mittlerweile erwachsenen) Kinder auf der Fensterbank: „Mit 16 haben Alis Eltern ihn weggeschickt aus Somalia, sie hatten keine andere Wahl, sie mussten ihn wegschicken, die Milizen hätten sich den Jungen geholt. Mit 16! Nach anderthalb Jahren in der Türkei kam er nach Deutschland.“
 
Am Anfang waren die kulturellen Unterschiede ein Thema, eine Frage stand ganz einfach im Raum: Wie gut kooperiert ein muslimischer Mitarbeiter, der noch nicht lange in Deutschland lebt, mit den Mitarbeiterinnen, die der Betrieb auch auf den Baustellen beschäftigt? Mittlerweile haben sich auch diese Bedenken in Luft aufgelöst. Der neue Auszubildende sei einfach ein freundlicher Mensch, der offen auf Kunden zugehe. Und Letzteres, sagt der Malermeister, sei so ziemlich die wichtigste Fähigkeit, die ein Auszubildender mitbringen müsse.
 
Als Schmidtwilken in Alis Alter war, sei auch er ins kalte Wasser geschmissen worden, sagt der 53-Jährige.

Plötzlich Chef: Schmidtwilkens Erfahrung mit eiskaltem Wasser – lesen Sie die nächste Seite.

Furchtbar schwierige Entscheidung

Weil Schmidtwilkens Vater schwer erkrankt war, musste er von jetzt auf gleich den elterlichen Betrieb übernehmen. Eben noch ein ahnungsloser Maler-Azubi im dritten Lehrjahr in einem anderen Betrieb, sollte er plötzlich Entscheidungen treffen. Ansagen machen. Die Richtung vorgeben. Und in gewisser Weise hat ihn das Schicksal verblüfft, die neue Verantwortung hatte eine positive Seite: Spaß. „Gestalten, Kunden beraten, Entwürfe besprechen, mit anderen Kollegen wie den Elektrotechnikern über die Wirkung des Lichts nachdenken, das ist mein Ding.“

Den eigenen Sohn, fast noch ein Kind, ins Ausland schicken. Das ist eine Entscheidung, die furchtbar schwer fallen muss, sagt Schmidtwilken. Und seien die Unbillen des Unternehmeralltags vor dem Hintergrund solcher Geschichten nicht vergleichsweise lächerlich? Natürlich, auch er habe Ärger mit Kunden, auch er habe schon Geld in den Sand gesetzt oder eine Baustelle vermurkst. „Ich kann so etwas schnell abhaken und die Erfolge betrachten. Aus den Fehlern lernen und nach vorne sehen – einen anderen Weg gibt es für mich nicht.“

Zwei Leitlinien sei er in seinem Unternehmerleben stets gefolgt, sagt der Unternehmer. Eine stamme aus der Meisterschule: „Mehr als 30 Prozent des Umsatzes mit nur einem Kunden kann gefährlich sein.“ Und die zweite? Die, sagt Schmidtwilken, habe er vor Jahren auf einem Zettel in einer Keksdose entdeckt: „Durch die Leidenschaften lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß.“

Jetzt mal ehrlich, wo ist eigentlich der Haken? Es kann doch nicht sein, dass der Chef über gar nichts meckert. „Na, gut.“ Schmidtwilken denkt wieder einige Sekunden nach und grinst sein Gegenüber an. „Ich bin gerne Handwerker, das bedeutet, dass ich gerne mit den Händen arbeite, mal richtig klotzen, Fläche machen und abends sagen können: ‚Sieh Dir an, was ich heute geschafft habe.‘ Ja, das fehlt mir, ich verbringe viel zu viel Zeit im Büro.“ Zuletzt durfte er übrigens „richtig ranklotzen“, als die jüngste seiner Töchter ihr Studium begonnen hat, vor einem halben Jahr hat er ihre „Studentenbude“ gestrichen.

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(sfk)
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