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Gute Entscheidungen treffen

Das Bauchgefühl irrt selten

Entscheidungen sind nur selten richtig oder falsch – es kommt auf die Perspektive an. Wer auf sein Bauchgefühl hört, liegt jedoch meistens richtig und vermeidet Fehlentscheidungen. Warum? Das erklärt ein Experte.

Viele Menschen verlassen sich bei wichtigen Entscheidungen auf ihr Bauchgefühl ... - ... und liegen damit oft richtig.
... und liegen damit oft richtig.
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Kopf oder Bauch? Oder beides? Wer gute Entscheidungen treffen möchte, sollte sich auf sein Bauchgefühl verlassen können. Aber was ist eigentlich mit Bauchgefühl gemeint und warum liegen wir mit den so genannten „Bauchentscheidungen“ so oft richtig?

„Ein Bauchgefühl oder eine Intuition ist eine Art gefühltes Wissen“, sagt Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Forschungsbereiches „Adaptives Verhalten und Kognition“ am Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Es zeichnet sich durch drei Dinge aus:

  • es taucht rasch im Bewusstsein auf,
  • wir wissen nicht, warum dieses Bauchgefühl plötzlich da ist,
  • es ist stark und lenkt viele Entscheidungen in unserem Leben.
Die Ergebnisse von intuitiven Entscheidungen sind laut Gigerenzer oft genauso gut wie rationale Entscheidungen. Das Bauchgefühl beruht auf Wissen und auf bereits gesammelten Erfahrungen. Wer in einem Bereich lange gearbeitet hat, kann dort bessere Bauchentscheidungen treffen, als jemand Fachfremdes. Aber: Wer kein Wissen hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen. Er wird vermutlich auch keine intuitive Eingebung bekommen.

Wenn wir zu 100 Prozent mit dem Kopf, also ausschließlich rational entscheiden wollen, müssten wir ja alle Faktoren in Betracht ziehen, die zu dem Thema in Frage kommen. Alles das in eine Entscheidung einzubeziehen würde oft viel zu lange dauern. Zudem ist es mit unserem begrenzten Verstand auch nicht immer möglich. Hinzu kommen Umwelteinflüsse, die niemand vorhersehen und steuern kann.

Ein Beispiel: Ein Betriebsinhaber entscheidet aufgrund der Zahlen und Fakten, die ihm vorliegen, einen bestimmten Kurs zu fahren. Sein Ziel: Die Umsatzzahlen sollen erhöht werden. Der Chef kann aber vermutlich nicht voraussagen, wie sich der Markt entwickelt. Deshalb kann er nicht wissen, ob die Umsätze wirklich steigen.

Das Beispiel zeigt: „Eine Entscheidung basiert meist auf einem guten Halbwissen“, erklärt der Experte. Die Intuition – eine Art unbewusste Intelligenz – kann uns in diesem Fall eine gute Hilfe für eine gute Entscheidung sein.

Jeder kann das Enscheiden mit dem Bauch lernen. Wie, das lesen Sie auf Seite 2.
Intuition ist Trainingssache
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer erklärt, wie man sein Bauchgefühl trainieren kann. - Erfahrungen und Wissen spielen dabei eine große Rolle.
Erfahrungen und Wissen spielen dabei eine große Rolle.
David Ausserhofer

Mit dem Bauch entscheiden, kann jeder lernen und trainieren. Wie? „Indem wir lernen, unserer Intuition und den dahinterstehenden Faustregeln zu vertrauen“, sagt Gigerenzer.

Der Psychologe verweist dabei auf das Grundprinzip der Intuition. Sie setzt sich zusammen aus Faustregeln, die sich über lange Zeit bewährt haben, uns aber nicht immer bewusst sind. Zum Beispiel: „Halte dich an das, was du kennst“, „Mach das, was das letzte Mal erfolgreich war“, „Ein einzig guter Grund reicht“.

Dazu kommen Fähigkeiten, die wir im Laufe des Lebens lernen, wie Nachahmung, Wiedererkennungsgedächtnis usw.

Keine einzelne Faustregel kann jedoch alle Probleme lösen. Deshalb hat sich unser Verstand einen „Werkzeugkasten“ mit Regeln (siehe oben) zugelegt. Wie ein Hammer sich am besten für Nägel und ein Schraubendreher sich am besten für Schrauben eignet, so müssen diese Faustregeln den Erfordernissen angepasst werden.

Um gute Entscheidungen zu treffen, müssen wir wissen, welches Werkzeug wir für welches Problem verwenden. Das ist ein Prozess, den man nicht von heute auf morgen lernen kann.

Schritt für Schritt intuitiv entscheiden
Nicht immer sind Entscheidungen leicht und schnell zu treffen. Deshalb ist Bedenkzeit in vielen Fällen wichtig. Dennoch zögern einige Menschen Entscheidungen unbewusst hinaus, indem sie viele Daten zu dem Thema anhäufen.

Sie trauen sich nicht, eine Entscheidung zu treffen. „Das nennt man auch defensives Entscheiden“, sagt Gigerenzer. Wenn etwas schiefgeht, hat jemand anderes die Entscheidung getroffen.

Wer sich mit Entscheidungen schwer tut, sollte diese Punkte beherzigen:

  • Weniger ist mehr: Komplexe Probleme brauchen nicht immer komplexe Lösungen. Suchen Sie zunächst nach einfachen Lösungen.
  • Setzen Sie sich eine Deadline: Eine Bedenkzeit von einer Woche bei wirklich bedeutenden Entscheidungen für einen Betrieb ist angemessen.
  • Trainieren Sie Bauchentscheidungen an Kleinigkeiten. So können Sie ein Gespür dafür bekommen und lernen, den Bauchentscheidungen zu vertrauen.
  • Mehr Mut zu falschen Entscheidungen: Trauen Sie sich, Fehler zu machen und stehen Sie dazu. Alle Beteiligten können daraus lernen und nächstes Mal anders entscheiden.
Das Handwerk hört gern auf seinen Bauch
Manager geben oft nicht zu, dass sie bei gewichtigen Entscheidungen auf ihr Bauchgefühl gehört haben. Warum? Weil von vielen Seiten aus eine rationale Begründung verlangt wird. Weil man Bauchentscheidungen nicht rational begründen kann, werden sie oft nicht akzeptiert.

Dennoch: „Je höher Manager in der Hierarchie angesiedelt sind, desto öfter nutzen sie das Bauchgefühl“, weiß Gigerenzer. Aber wenn sie Entscheidungen gegenüber Dritten rechtfertigen müssen, würden sie laut seiner Untersuchung Intuition verschweigen und rationale Gründe nachschieben. Der Grund: Zu viele Unternehmen haben keine Toleranz für Fehler.

In Familienunternehmen sieht das anders aus. Sie haben eine andere Unternehmenskultur. Deshalb haben alle Beteiligten weniger Probleme mit dem Bauchgefühl. Bei Fehlern ist die Gefahr der Entlassung geringer. Man spricht offen über Fehler, um aus ihnen zu lernen. Auch deshalb, weil die Wege kürzer sind und es weniger Hierarchien gibt.

Bauchentscheidungen sind im Handwerk absolut alltäglich. Denn: Familienbetriebe sollen so aufgestellt werden, dass sie guten Gewissens an die nächste Generation übergeben werden können. Das Vertrauen auf Intuition anstatt defensives Absichern, ist laut Gigerenzer der große Vorteil von Familienunternehmen.

Nächste Seite: Anja Behr vertraut seit Jahren auf ihr Bauchgefühl. Warum, verrät die Unternehmerfrau hier.
"Unser Betrieb lebt von Bauchentscheidungen"
Im Handwerksbetrieb von Anja Behr fallen täglich viele Bauchentscheidungen. - Die Unternehmerfrau hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Die Unternehmerfrau hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Jahn

„Aus jahrelanger Erfahrung treffen wir jeden Tag ganz viele Bauchentscheidungen. Vor allem, wenn es um kurzfristige Entscheidungen geht“, sagt Anja Behr. Sie ist 2. Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk im Arbeitskreis Harbung. Seit über 20 Jahren arbeitet sie im Betrieb ihres Mannes mit – bei Behr und Sohn in Jesteburg.

"Kommt ein neues Themengebiet ins Spiel, lassen wir uns mehr Zeit und holen erstmal ausreichend Informationen ein. Dann brauchen wir eine solide Basis, auf der wir entscheiden können, sagt sie. Fachwissen und eine gute Ausbildung sind im Handwerk und in unserer Branche generell unabdingbar, wenn wir erfolgreich sein wollen.

Klar sind nicht alle Entscheidungen, die wir aus dem Bauch heraus treffen, auch richtig. Aber Fehler werden überall gemacht. Aus ihnen können wir nur lernen und es beim nächsten Mal besser machen!

Was den Einsatz von Personal und die Auswahl von Mitarbeitern anbelangt, setze ich oft mein Bauchgefühl ein. Ich frage mich zum Beispiel: Wen schicke ich zu der Baustelle, wen zu dem Kunden? Das ist nicht ganz unwichtig in unserem Betrieb.

Ich glaube, dass unsere Firma im Laufe der Jahre schon den Bach hinuntergegangen wäre, wenn mein Mann bei vielen Entscheidungen nicht auf sein Bauchgefühl gehört hätte. Gepaart mit gesundem Menschenverstand ist ein gutes Bauchgefühl für die Unternehmensführung sehr wichtig, finde ich. Das bringt manchmal mehr, als nackte Fakten oder Dokumentationen.

Bei großen wegweisenden Entscheidungen – wenn es zum Beispiel darum geht, neue Geschäftsbereiche zu gründen oder alte zu schließen – müssen wir als Unternehmer schon abwägen und darüber schlafen. Außerdem tauschen wir uns regelmäßig mit Kollegen aus. Ich hole viele Informationen aus meinem UFH-Netzwerk ein. Das hilft manchmal auch bei Entscheidungen weiter."

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