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Handwerk Archiv
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Quellenlage kritisch

Der Focus und der Pfusch

Immer wieder bemerkenswert: Medien berichten über Baupfusch – und arbeiten selbst auf einem wackeligen Fundament. Ein lustiges Beispiel ist derzeit auf focus.de zu sehen.

Focus im Fokus -
© ra2 studio - Fotolia.com

Der Titel ist eine Ansage: „Pfusch am Bau – so entlarven Sie miese Handwerker.“ In 5 Minuten und 39 Sekunden zeigt ein Video, dass es sich auszahlen kann, wenn Bauherren Bauberater engagieren. Und dafür gäbe es einen guten Grund, der Sprecher im Video sagt: „Kaum ein Neubau in Deutschland entsteht ohne Mängel.“ Der Beitrag belegt diese Aussage mit dem Verweis auf eine Studie. O-Ton: „Nach einer Analyse des TÜV Rheinland hat jeder Neubau 10 Mängel.“

Nun wäre ein Neubau ohne jeden Mangel fast unnatürlich. Aber raten Sie einmal, aus welchem Jahr die Analyse stammt. Die Antwort: 1998. Damit ist sie 16 Jahre alt und geradezu brandaktuell. Und raten Sie außerdem einmal, zu welchen Schluss die Analyse damals gekommen ist: "Auch der TÜV hilft privaten Bauherrn gegen Baupfusch."

Dass auf deutschen Baustellen gepfuscht wird, ist keine Frage – und Gründe gibt’s dafür reichlich. Aber mit den Zahlen ist das so eine Sache. Zumindest könnte man sich glatt fragen, welche Intention die TÜV-Untersuchung hatte. Und auf welcher Datenbasis sie entstanden war.

Nächste Seite: Ein TÜV-Sprecher ist gelinde gesagt überrascht.

Als Statistik verkaufte Werbung
Datenbasis? Intention? - Es soll ja Studien geben, die Fragen aufwerfen.
Es soll ja Studien geben, die Fragen aufwerfen.
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Dass diese Fragen berechtigt sind, zeigt ein Blick ins handwerk.com-Archiv. 2008 hatte die Prüforganisation Dekra eine Pressemitteilung mit dem Titel “Pfusch am Bau nimmt dramatisch zu” verschickt. Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer sah sich die Untersuchung für uns an und kam zu dem Schluss: “Das ist als Statistik verkaufte Werbung für die Dekra." Ein Auszug des handwerk.com-Textes erschien auch in der Fachzeitschrift „Medium Magazin für Journalisten“. Denn die Zeitungsredaktionen in Deutschland hatten die Verlautbarung allzu unkritisch verbreitet.
 
Aktuell haben wir den TÜV Rheinland gefragt, ob es wirklich die alte Analyse sein kann, die in dem Video zitiert wird. TÜV-Sprecher Frank Ehlert sagt: „Wir sind für diesen Dreh nicht angefragt worden. Ja, die beziehen sich offenbar auf die alte Untersuchung. Wir haben danach keine Untersuchung gemacht, also nichts, was in diese Richtung geht.“ Zu der statistischen Basis könne er nichts sagen, die handelnden Person von damals sind nicht mehr an Bord.“
 
Und was sagt die Tomorrow Focus Media GmbH in München zu dem Beitrag auf ihren Seiten? „In dem konkreten Fall haben wir das Video irrtümlicherweise zum aktuellen Datum veröffentlicht. Um weitere Unklarheiten zu vermeiden, werden wir im Begleittext zum Video vermerken, dass es sich um ein älteres Video handelt“, heißt es aus der Pressestelle. Eine Sprecherin hat bei dem externen Dienstleister „Doit-TV“, der das Video produziert hat, das genaue Datum erfragt: „Das Video ist über sechs Jahre alt, das werden wir heute noch im Videocredit ergänzen.“

Die Mängelquote sei aber "nicht überzeichnet", sagt die Focus-Sprecherin. Im Gegenteil!

Recherchetiefe eines Leitmediums
Kundin kurz vor der Bauabnahme - Hätte sie doch bloß einen Bauberater beauftragt!
Hätte sie doch bloß einen Bauberater beauftragt!
© Mirko Raatz - Fotolia.com

„Der TÜV ist nur ein Randaspekt", schreibt die Focus-Sprecherin weiter, "das genannte Gutachten ist zwar alt, wird aber immer noch in Fachmedien häufig zitiert.“ Tatsächlich? Unsere Nachfrage, in welchem Fachmedium das Gutachten in letzter Zeit zitiert worden sei, hat die Focus-Pressestelle schließlich so beantwortet: „Wir räumen ein, dass das TÜV-Gutachten mittlerweile überholt ist und haben es dank Ihrer Rückmeldung als alt gekennzeichnet.“  Anmerkung der handwerk.com-Redaktion: Relativ klein über dem Video steht nun: "12.08.2014, 12:16 | 05:39 Min. | doit-tv.de (2008)."

Die 1998 festgestellte Quote von 10 Mängeln sei aber nicht überzeichnet, im Gegenteil: In Erhebungen aus den Jahren 2009 und 2013 sei die Zahl der festgestellten Mängel bei Neubauten sogar weiter gestiegen. Als Beleg dafür verweist die Focus-Sprecherin auf einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der sich wiederum auf eine Dekra-Studie (!) beruft. Darin hatten die Prüfer festgestellt, dass die Mängel von einem Jahr auf das andere um (sagenhafte; Anm. d. Red.) 34 Prozent gestiegen seien. Eine weitere Quelle, die die Focus-Sprecherin benennt, ist das Institut für Bauforschung Hannover (IFB). Zitat aus einem focus.de-Artikel aus dem Sommer 2012: „Bei 100 untersuchten Neubauten von Ein- und Zweifamilienhäusern zwischen 2009 und 2011 seien insgesamt 1829 ‚gravierende Baumängel‘ festgestellt worden.“ Und das entspreche „in etwa 18 Mängeln pro Bauvorhaben.“ Hollerie!

Das kann alles richtig sein, man müsste sich die IFB-Studie einmal genauer ansehen. Jetzt könnten wir wieder Statistik-Professor Walter Krämer fragen, was er davon hält, wenn für eine Studie 100 Neubauten untersucht worden sind. Aber das wäre eine neue Geschichte. Und letztlich geht es um eine andere Frage: Wie wichtig sind für ein Leitmedium wie focus.de (oder ist das gar nicht der Anspruch von focus.de?) Begriffe wie „Quellenlage“ oder „Recherchetiefe“ oder „Quellenkritik“ oder „Qualität“? Und da ist das Beispiel „Pfusch am Bau – so entlarven Sie miese Handwerker“ schon ein bisschen – wie soll man sagen – entlarvend, oder?

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