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Handwerk Archiv
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Was für ein Film!

Die Handwerker und das Heute Journal

Ein Beitrag des Heute Journals hat für Frust unter Handwerksmeistern gesorgt. Für unbegründeten Frust. Eine Geschichte über eine verzweifelte Suche.

Azubi, verzweift gesucht - Aus lauter Verzweiflung sehen sich Betriebe im Ausland um.
Aus lauter Verzweiflung sehen sich Betriebe im Ausland um.
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Sein Betrieb ist eine Marke in der Region. Wer in Ulm den Namen „Aurnhammer“ hört, der weiß, dass es um einen soliden Betrieb geht. Und das gilt auch für diejenigen, die sich zum Dachdecker ausbilden lassen wollen. Aurnhammer-Chef Chistoph Schendel beschäftigt 32 Mitarbeiter, er ist seit einem Jahr Obermeister der Innung, er sieht „Azubis nicht als billige Arbeitskräfte“. Der Mann kämpft heute gegen den Fachkräftemangel von morgen. Es gibt nur einen Haken: „Weit und breit sind keine Azubis in Sicht – zumindest keine mit vernünftigen Qualifikationen.“

Schendel beschreibt die aktuelle Situation für seine Branche schonunglos offen: „Mittlerweile sind wir die letzte Wahl in der Berufswunschliste. Zu uns kommen so gerade noch die Jugendlichen, die eigentlich Kfz-Mechatroniker werden wollten, aber keine Stelle bekommen haben, weil ihre Zeugnisse unterirdisch mies waren.“ Und das sei „nicht gerade eine gute Voraussetzung für eine positive Ausbildung, das dürfte jedem klar sein“.

Nächste Seite: Unmotivierte Bewerber aus Deutschland? Da muss es doch Alternativen geben!

Gute Idee, falsche Region
Starke Typen - In Spanien werden die 6 Dachdeckermeister fündig, 10 von 18 Jugendlichen hinterlassen einen guten Eindruck.
In Spanien werden die 6 Dachdeckermeister fündig, 10 von 18 Jugendlichen hinterlassen einen guten Eindruck.
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Als Schendel im vergangenen Jahr zum Obermeister der Ulmer Dachdecker gewählt wurde, hat er die Ärmel hochgekrempelt und ist die Ausbildungsmisere offensiv angegangen. Denn da gibt es dieses Programm. MobiPro-EU. Das Kürzel ist etwas lang geraten, fasst allerdings auch 13 Worte zusammen (vor dem Lesen bitte Luft holen): „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa.“

Gute Sache, sollte man meinen. Jugendarbeitslosigkeit ist schließlich nirgendwo ein Spaß, aber in vielen europäischen Ländern eine Katastrophe. Schendels Theorie: „Ein durchschnittlich begabter Jugendlicher aus einem beliebigen europäischen Land ist für einen deutschen Betrieb interessanter, als ein unmotivierter Bewerber aus dem eigenen Land.“

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) koordiniert das Förderprogramm, die ZAV-Dependance in Stuttgart hat sich um Schendel und seine Innungskollegen gekümmert. 6 Innungsbetriebe hatten 12 Stellen ausgeschrieben. Im Februar dieses Jahres sind die Dachdeckermeister nach Spanien geflogen, intensive Gespräche mit den Bewerbern standen an. Dass die Reise – aus Sicht der Chefs – von den ZAV-Verantwortlichen hüben und drüben schlecht vorbereitet war: geschenkt. Dass mit Bilbao aus unerfindlichen Gründen eine Region von der ZAV ausgewählt wurde, in der die Jugendarbeitslosigkeit weit unter dem spanischen Durchschnitt liegt: geschenkt. Dass von den Betreuern in Spanien 18 Jugendliche ausgewählt wurden und bei einigen in Sekundenschnelle klar war, dass sie nicht für eine Ausbildung in Deutschland infrage kamen: geschenkt.

Doch dann zieht das Heute Journal in einem Beitrag über das Förderprogramm vom Leder. Und das sorgt für echten Frust.

Nächste Seite: Das Heute Journal und Handwerksmeister, die ungläubig ins TV starren.

Hoffnungen geweckt, Hoffnungen zerstört
Ungläubiges Staunen, viele Fragen - Im Heute Journal erfahren die Dachdecker, dass die Förderung angeblich auf Eis gelegt worden sei.
Im Heute Journal erfahren die Dachdecker, dass die Förderung angeblich auf Eis gelegt worden sei.
© lassedesignen - Fotolia.com

Mit den Bewerbern in Spanien hatte Schendel Mitleid: „Da waren junge Männer dabei, die mit einer gewissen Hoffnung in die Gespräche gegangen sind. Es war schon abstrus, dass wir die Hoffnung zerstören mussten. Das hätte nicht passieren dürfen.“ Immerhin: 10 Jugendliche blieben in der engeren Wahl. Das Geld soll beispielsweise für folgende Leistungen fließen:

• Deutschkurs im Heimatland der Jugendlichen
• Sprachkurs in Deutschland
• An- und Abreise zum und vom Praktikum
• Anreise zur Ausbildung
• Und nicht zuletzt: zwei Heimreisen im Jahr

Am Abend des 22. Aprils haben einige der Ulmer Dachdecker das „Heute Journal“ gesehen – und wären fast vom Sofa gekippt. Das Nachrichtenmagazin des ZDF kündigt einen dreiminütigen Beitrag so an: „Junge Leute aus der EU wurden mit dem Jobförderungsprogramm nach Deutschland gelockt. Nun gibt es keine Fördergelder mehr. Gründe hierfür sind vor allem Fehlkalkulierung und schlechte Koordinierung.“ Besonders ein Satz aus dem Beitrag lässt die Dachdecker schlucken: „Was als großzügige Geste gedacht war, liegt auf Eis. Das Geld ist alle, die Hotlines völlig überfordert.“

Alles für die Katz? Der Aufwand? Die Zeit? Die Reisekosten? Die Erwartungen – und zwar in Deutschland und in Spanien? Die Homepage zum Förderprogramm nennt sich „The Job of my Life“. Als sich Schendel dort informieren will, steht dort tatsächlich: „Seit dem 8. April 2014 werden keine neuen Anträge mehr für das Jahr 2014 angenommen.“ Und: „Mitte des Jahres 2014 werden an dieser Stelle weitere Informationen für das Jahr 2015 bekannt gegeben.“

Nächste Seite: Positive Antwort auf eine Presseanfrage von handwerk.com.

Ausbildungsabenteuer kann beginnen
Und der Geldregen fällt doch - Die Finanzmittel werden
Die Finanzmittel werden "nach oben angepasst", das Ausbildungsabenteuer kann beginnen.
© gradt - Fotolia.com

Am 24. April rufen die Dachdecker in der handwerk.com-Redaktion an und schildern ihren Fall. Sofort gehen Presseanfragen an die ZAV und an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf die Reise, denn die Gelder für MobiPro-EU kommen aus Berlin.

Was uns (und die Betriebe) vor allem interessiert hat:

• Das Förderprojekt ist massiv von der Arbeitsagentur und der ZAV beworben worden. Hätte den Beteiligten nicht bewusst sein müssen, dass es 2014 keine durchgehende Förderung geben würde?

Weder die Bundesagentur für Arbeit noch das BMAS hatte mit einem derartigen Interesse an einer Dualen Ausbildung in Deutschland rechnen können, heißt es zunächst in der Antwort. Bis Anfang April 2014 seien mehr als 9.000 Anträge eingegangen.“

Und dann schreibt BMAS-Sprecher Dominik Ehrentraut einen Satz, der die Ulmer Betriebe freuen dürfte: „Alle bis zum 8. April 2014 eingereichten Anträge werden weiterhin von der ZAV bearbeitet und größtenteils bewilligt.“ Und: „Alle jungen Menschen, die sich in einer bewilligten Maßnahme befinden, können bis zum Ende der Förderkette durchgehend gefördert werden. Die bewilligten Förderleistungen sind rechtlich bindend, werden ausgezahlt und die Gelder für alle eventuellen Leistungen im Rahmen der Förderkette sind entsprechend gebunden.“

Für die komplette Laufzeit des Programms von 2013 bis 2018 investiert die deutsche Seite mehr als 400 Millionen Euro, bislang 69 Millionen Euro für 2014. Die handwerk.com-Redaktion würde sich gerne auf die Fahnen schreiben, dass es der öffentliche Druck war, der für ein Happy End gesorgt hat. Aber das Bundeskabinett hatte bereits Mitte März beschlossen, dass der Etat um 140 Mio. Euro aufgestockt wird – also auch weit vor dem Bericht des Heute Journals (es wäre wünschenwert, wenn die Fernsehmacher bei nächster Gelegenheit etwas weniger dick auftragen). Noch in diesem Sommer will das BMAS auf der Basis der bisherigen Erfahrungen eine überarbeitete Förderrichtlinie veröffentlichen.

Nun kann man natürlich fragen, wie den Jugendlichen zumute ist, die bereits in ihrem Heimatland einen Deutschkurs begonnen haben, weil sie gerne nach Deutschland kommen möchten. Die finanziellen Grenzen des Programms dürften für Enttäuschungen sorgen. Aber die Azubis, die sich in Ulm ausbilden lassen wollen, haben ihre Anträge rechtzeitig gestellt, das Ausbildungsabenteuer kann aller Befürchtungen zum Trotz beginnen. Für einen der 6 Dachdeckermeister sogar in doppelter Hinsicht. Andrej Bauer will einen der spanischen Azubis in spe ausbilden. Jetzt hat sich zum ersten Mal seit 3 Jahren "ein junger Mann aus unserer Region beworben und einen guten Eindruck hinterlassen".

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