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Reparatur-Kultur

Ein Herz für Defekte

Wegwerfen? Nein danke! Lars Gauster pflegt Reparatur-Kultur! Damit hat er sich einen Namen gemacht. Sogar die Kunden dürfen mit anpacken.

 - Lars Gauster bei der Reparatur eines alten Kassettendecks.
Lars Gauster bei der Reparatur eines alten Kassettendecks.
Foto: Gille

Eine kleine Werkstatt am Westufer der Alten Jeetzel in Dannenberg. Lars Gauster sitzt an seinem Werktisch und begutachtet den Schaden an einem PC-­Soundsystem, das in Einzelteilen vor ihm liegt. Er liest die kümmerlichen Überreste eines defekten An-Aus-Schalters auf.

„Dieser Plastik-Taster war vielleicht für 500 Anwendungen ausgelegt“, sagt Gauster. Das billige Knöpfchen hat seinen Dienst quittiert – ärgerlich, denn der Rest des Boxensystems arbeitet noch tadellos.

Kein Problem für Lars Gauster. Der Chef des Elektronikdienstleisters Gauster Haus greift zum Lötkolben, löst die Kontakte des ruinierten Tasters von der Platine und setzt an der Stelle einen hochwertigen Metallschalter ein. „Der hält die nächsten 100 Jahre.“

 -  Diese Box hat einen neuen Schalter bekommen.
Diese Box hat einen neuen Schalter bekommen.
Foto: Gille

Tausende Reparaturzuschauer
Im Gauster-Haus verkauft der gelernte Informationstechnikermeister vor allem hochwertige TV-, Hifi- und Küchengeräte. Zu großer Bekanntheit aber hat es das Unternehmen mit seinen Reparaturdiensten gebracht: Kunden aus ganz Deutschland schicken Lars Gauster ihre sperrigen Pakete zu, manche Sendung kommt gar aus Norwegen oder Spanien. Inhalt: Küchengeräte, Kaffeevollautomaten, Smartphones, Radios und Verstärker – alles was Elektronik hat.

„Es wird allgemein zu wenig repariert und zu viel weggeworfen“, kritisiert Gauster. Wer davon profitiert, liegt für ihn auf der Hand: Die Hersteller schrauben mit immer billigeren Bauweisen ihre Margen auf Kosten der Kunden hoch. Gauster bekämpft den Wegwerftrend mit seinen Reparaturen mit jedem reparierten Einzelfall und seinen Youtube-Videos, in denen er Defekte und ihre Instandsetzung erklärt. So erreicht er mitunter ein paar Tausend reparaturwillige Zuschauer.

Hier im Video: Reparatur Live mit Lars Gauster


Ran an den Thermomix
Besonders beliebt sind seine Reparaturvideos des populären Küchengeräts Thermomix: „Wir haben Unmengen davon repariert“, sagt der Elektroinformationstechnikermeister. Bei diesen Geräten kann offenbar eine Fehlbedienung zum Defekt führen. „Mal wurde das Mahlwerk falsch eingesetzt oder die Messer vergessen, schon liefen die flüssigen Zutaten ins Geräteinnere auf Motor und Steuerungsplatine“, erklärt Gauster. Seine Lösung: eine Grundreinigung. Die dauert zwei Stunden, alle Teile werden entfettet, manches kommt ins Ultraschallbad. Kosten: 200 Euro. „Der Hersteller hat dafür bis vor Kurzem noch 500 genommen.“

Dass der Betrieb inzwischen den Großteil seines Einkommens mit Reparaturen verdient, ist ein wenig auch dem Zufall geschuldet. Seit 2004 arbeitet Lars Gauster in dem Dannenberger Unternehmen, früher noch unter anderer Firmierung. 2012 übernahm er das Geschäft.

„Damals hatte ich die Reparaturen extrem zurückgefahren“, erklärt der Chef. Er hatte einfach die Lust daran verloren.

 - Lars Gauster wirbt für mehr Reparatur-Kultur
Lars Gauster wirbt für mehr Reparatur-Kultur
Foto: Gille

Zurück zu alten Tugenden
Die Kehrtwende kam mit dem Elbehochwasser 2013. Das hat Dannenberg hart getroffen und so stieg der Reparaturbedarf enorm. „Wir haben angefangen, mit den einfachsten Sachen defekte Dinge wiederherzustellen“, erklärt Gauster. Das Angebot führte er mit kostenlosen Reparaturen einmal im Monat weiter. Zunächst mit drei ehrenamtlichen Helfern.

„Heute sind wir 15 bis 16 Leute.“ Darunter Ingenieure und viele pensionierte Handwerker: Schlosser, Tischler, Bootsbauer. So entstand das Reparatur Café – eine Art soziales Nebenprojekt vom Gauster-Haus. Jeden Monat gibt es einen festen Termin, für den Kunden sich mit ihren defekten Geräten anmelden. Im Reparatur-Café reparieren sie ihre Schätze mit fachkräftiger Unterstützung der Ehrenamtlichen.

 - So ein schönes Altgerät findet man schließlich schwer ein zweites Mal.
So ein schönes Altgerät findet man schließlich schwer ein zweites Mal.
Foto: Gille

Ist das klug – eine Reparaturwerkstatt betreiben und den Kunden gleichzeitig beibringen, wie sie ihre Geräte selbst reparieren? „Die Angebote stehen nicht in Konkurrenz zueinander“, sagt Gauster. „Es ist vielmehr so, dass sich die beiden Bereiche gegenseitig befruchten.“ So vertrauen selbst befreundete Unternehmen den drei Mitarbeitern des Gauster-Hauses ihre Artikel an. Ein Smartphone-Verkäufer setzt auf das Reparatur-Knowhow des Betriebs. „Und manche Kfz-Werkstatt kommt mit defekten Autoradios und Funkfernbedienungen zu uns.“

Der Expertenruf hilft dem Betrieb auch im Verkauf. Auch da wird Gauster seinem Ruf gerecht: Die Ausstellungsstücke seiner Ware hat er selbst auf Herz und Nieren geprüft. Allein auf den guten Namen teurer Markenware verlässt er sich nicht. Dafür hat er schon zu viel Murks gesehen.

Der verdiente Lohn
Was ihn besonders ärgert, sind die schlechten Kundendienste mancher Hersteller, die sich zu Reparaturen nicht mehr berufen fühlen. „Bei einer Markenwaschmaschine riet der Kundendienst unserem Kunden zum Neukauf“, führt Gauster ein Beispiel an. „Schuld war ein Platinendefekt – den haben wir für 40 Euro behoben.“ Das spart nicht nur Geld, es schont auch die Ressourcen.

Die Reaktion der Kunden sei jede Mühe wert. „Mir gibt es einfach ein gutes Gefühl, zu sehen, wie sich die Kunden freuen, wenn wir ihren alten Schatz retten konnten“, sagt Gauster. Er wünscht sich mehr Nachahmer im Handwerk. „Wir sind doch Fachleute“, betont der Chef. Seine Botschaft: „Zeigt, was ihr könnt und fangt wieder an zu reparieren.“
(deg)

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