Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Gebäudereiniger

Einsatz im Operationssaal

Sie arbeiten im hygienischen Hochsicherheitstrakt, ihre Feinde sind unsichtbar und dadurch extrem gefährlich. Doch das schreckt die Reinigungsteams nicht ab: Sie begegnen diesen Feinden systematisch, in Schutzkleidung und mit tödlich dosierten Mitteln.

In voller Montur: - Antje Körner-Neumann, Karin Müller und handerk.com-Redakteurin Astrid Funck (von rechts)
Antje Körner-Neumann, Karin Müller und handerk.com-Redakteurin Astrid Funck (von rechts)
Foto: Funck

Von Astrid Funck

Einen Operationssaal habe ich bislang nur einmal von innen gesehen – als Patientin. Ich spürte nichts und sah nur gegen einen als Sichtschutz aufgespannten Vorhang. Irgendwann ging jemand mit blutgetränkten Handschuhen an mir vorbei, mehr bekam ich von den Reinigungsarbeiten während und nach der Operation zum Glück nicht mit. Über Krankenhaushygiene und gefährliche Keime habe ich mir damals noch wenig Gedanken gemacht.

Heute ist das anders. Ich bin in die Hannoveraner Sophienklinik gekommen, um bei einer OP-Reinigung zuzusehen. Es ist Abend, der letzte Patient wurde gerade aus dem OP-Trakt geschoben. Am Eingang warten Antje Körner-Neumann und Karin Müller auf mich. Die beiden arbeiten für die Unternehmensgruppe „Deutsche R+S Dienstleistungen“ mit Hauptsitz in Hannover. Sie beschäftigt nach eigenen Angaben rund 3800 Mitarbeiter, die meisten davon im Bereich der Gebäudereinigung. Ein wichtiges Einsatzfeld ist das Gesundheitswesen.

Strenge Hygienevorschriften
Wir betreten den Umkleideraum – enge Gänge mit schmalen Metallschränken, in die wir unsere Sachen hängen. Zwei Ärzte und eine Schwester verabschieden sich in ihrer Straßenkleidung. Wir ziehen unsere bis auf die Unterwäsche aus, streifen uns grüne OP-Anzüge, Häubchen und Plastikschuhe über und legen den Mundschutz an. Äußerlich sind in diesem hygienischen Hochsicherheitstrakt alle gleich.

Karin Müller gehört seit etwa 25 Jahren zur Belegschaft. Als Objektleiterin steuert sie in der Sophienklinik die „Stations- und OP-Teams“. Antje Körner-Neumann ist als Prokuristin unter anderem für Personalentwicklung und Qualitätsmanagement zuständig. Sie spricht viel von der Wertschätzung, die Gebäudereiniger verdienen, die ihnen aber nicht immer entgegengebracht werde. Im Krankenhaus retten sie sogar Menschenleben, indem sie als Desinfektionsprofis gegen Keime vorgehen.

Wie das OP-Reinigungsteam genau in Aktion tritt, erfahren Sie auf Seite 2.

Maik Mahler in Aktion: - Sein Job erfordert ein hohes Maß an Konzentration.
Sein Job erfordert ein hohes Maß an Konzentration.
Foto: Funck
Keiminfektionen in Kliniken an der Tagesordnung

Rund fünf Prozent aller stationären Krankenhauspatienten litten 2011 und 2012 in Deutschland an einer Keiminfektion. Das ergab eine Untersuchung der europäischen Gesundheitsbehörde. Dabei nehme der Anteil der Keime zu, die gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent sind, sagt Peter Walger, Intensivmediziner und Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Durch einen neonbeleuchteten Gang gelangen wir in den Operationssaal und treffen dort auf Maik Mahler, der heute die Abschlussreinigung macht. Auch er trägt Grün und zusätzlich noch dicke Gummihandschuhe, um sich zu schützen.

Gekonnter Umgang mit der unsichtbaren Gefahr
Von Blut diesmal keine Spur, auf dem Boden sind vor allem Jodflecken zu sehen. Die eigentliche Gefahr lauert jedoch im Unsichtbaren. Das Desinfektionsmittel, das den Raum keimfrei machen soll, wurde in einer Dosieranlage angemischt. Die Tücher und Wischbezüge liegen abgedeckt in der Flüssigkeit. Maik Mahler nimmt sich ein Tuch heraus, faltet es gründlich und wischt damit den OP-Tisch ab.

„Das Tuch muss flach aufliegen, damit die Desinfektion gelingt“, erklärt Karin Müller. Geknüllte Tücher sind daher streng verboten. Und auch das Trockenreiben und Polieren ist tabu. „Alles muss nass gereinigt werden, damit die Desinfektion trocknen und die Keime abtöten kann.“ Maik Mahler nimmt die Bezüge des OP-Tisches ab und fährt ihn mit der Fernbedienung nach oben, um auch die Unterseite reinigen zu können.

Mir wird klar, wie viel Konzentration ihm dieser Job abverlangt und wie viel Verantwortung dabei auf ihm lastet. Jeder vergessene Fleck, jeder ausgelassene Winkel kann zur Gefahr werden. Am Schluss muss alles wieder genau an seinem Platz sein. Als Hilfsmittel dienen Skizzen und Fotos.

Hand in Hand: Lesen Sie auf Seite 3, wie Reinigungskräfte und Klinikpersonal zusammenarbeiten.

Bloß nichts vergessen: - Das Desinfektionsmittel muss lückenlos wirken können.
Das Desinfektionsmittel muss lückenlos wirken können.
Foto: Funck
Eine Frage des gegenseitigen Respekts

Vor der abendlichen Endreinigung findet nach jeder Operation eine Zwischenreinigung statt. Das Gröbste entfernen die Klinikmitarbeiter während und nach der Operation: größere Mengen Blut, Knochenreste und Injektionsnadeln etwa. Die Nadeln dürfen nicht unverpackt in den Abfallbehältern landen, damit die Reinigungskräfte sich nicht verletzten. „Das ist vorgeschrieben, aber auch eine Frage der Rücksichtnahme und des gegenseitigen Respekts“, sagt Karin Müller.

Um ein besseres Miteinander von Klinikmitarbeitern und Reinigungspersonal zu erreichen, hat die Stiftung Viamedica das Projekt „Hand in Hand“ gestartet. Sie bietet den Kliniken ein dreitägiges Schulungspaket zu den Themen Hygiene, strukturierte Reinigungsabläufe und Qualitätsmanagement an. Referentin für Qualitätsmanagement ist Antje Körner-Neumann, die das Projekt mit vorangetrieben hat. „Gerade in Extremsituationen, die schnelles Handeln erfordern, sollen dadurch weniger Fehler passieren“, sagt die 53-Jährige.

"Raumfahrtanzüge" bei Ebola
Maik Mahler und die anderen Mitarbeiter aus den OP- und Stations-Teams werden bei der Deutschen R+S Dienstleistungen regelmäßig geschult, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Für einen Ebola-Patienten zum Beispiel: „Da tragen wir dann mehr oder weniger Raumfahrtanzüge“, sagt Karin Müller.

Nach etwa einer Stunde verabschiede ich mich von Maik Mahler. Für die Endreinigung wird er bis zum späten Abend im OP-Trakt bleiben. Er wird noch einmal seine Liste durchgehen und schauen, ob er auch nichts vergessen hat. Danach wird er hoffentlich ruhig schlafen. Ich weiß jetzt, dass Menschen wie er in den Krankenhäusern Entscheidendes leisten und dass ohne sie niemand vor den Keimen sicher wäre.

Ebenfalls interessant:

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Archiv

Planung billig, Baupatient tot

Ein Fahrstuhl, der für Patientenbetten zu schmal ist. Eine Lüftungsanlage, die Keime in den Operationssaal pustet. Was alles passieren kann, wenn die Bauplanung mit dem Rotstift geschrieben wird, zeigt sich einmal mehr bei einem Krankenhausanbau in Lübeck.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Selbsterfahrungstrip

Das Alterungsexperiment

Ein Damenmaßschneider und zwei Produktdesignerinnen haben einen neuartigen Anzug entwickelt. Wer hineinsteigt, altert auf einen Schlag um mehrere Jahrzehnte. Der Anzug hilft dabei, sich in die Lage von älteren Kunden zu versetzen.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Archiv

Schockierendes Argument

Warum sollten Kunden einen Handwerker beauftragen und nicht selbst zur Kreissäge greifen? Ein drastisches Argument für den Profi kommt aus der plastischen Handchirurgie.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Wir haben noch mehr für Sie!

Praktische Tipps zur Betriebsführung und Erfahrungsberichte von Kollegen gibt es dienstags und donnerstags auch direkt ins Postfach: nützlich, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.