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Den Tannenbaum im Blick

Fahrbericht: Elektrisch unterwegs mit dem Nissan Leaf

Mit dem Nissan Leaf hatten meine Kollegen von der Tischler- und Schreinerzeitung “genau” kürzlich das erste reinelektrische Fahrzeug im Testfuhrpark. Da war natürlich auch unsere Neugier geweckt. Also: Schlüssel her. Und ab ging es zum Kurztest.

Elektrisch unterwegs -
Hamacher

Vielleicht wird es Zeit, dass auch ich mal ernsthaft umdenke. Wenn ich rein nach Interesse Autos kaufen könnte, hätte meines - natürlich - einen Boxermotor. Kein anderes Triebwerk läuft mechanisch ausgewogener. Hören Sie sich mal einen gut eingestellten Motor eines (ansonsten eher miesen) Alfa 33 an. Sie könnten ein Sektglas auf den Vergaser stellen, ohne dass das Prickelwasser übermäßig schnell schal wird. So ruhig und vibrationsarm läuft so ein Motor.

Haken an der Technik: Ein wirklich verbrauchsarmes Fahrzeug werden Sie mit dieser an sich genial konstruierten, platzsparenden Antriebstechnik nicht finden. Dass das aber mit Blick auf unsere Umwelt in Zeiten des immer stärker wachsenden Individualverkehrs immer wichtiger wird, liegt auf der Hand. Die Hersteller reagieren auf diese veränderten Anforderungen mit sehr unterschiedlichen Konzepten. Während die einen konventionelle Motoren weiter optimieren, setzen andere auf Elektroantriebe. Einer davon ist Nissan. Mit dem Leaf stellen die Japaner ihr erstes reinelektrisches Serienfahrzeug auf die Straße.

Die Optik
Seien wir ganz offen: Das Auto ist ausgesprochen funktional. Es entspricht in seinen Abmessungen knapp der sogenannten Golfklasse. Warum sich aber die Designer nun unbedingt mit arg aufgesetzten Scheinwerfern und einem bürzelartigen Hinterteil verwirklichen mussten, lassen wir mal als eine der ewigen Diskussionen über gute und weniger gute Gestaltung einfach so im Raum stehen. Solche Design-Extravaganzen mag man, oder eben nicht.

 - Der Leaf bietet mehr als nur eine Rückfahrkamera. Im Multifunktionsdisplay zeigen die verbauten Kameras einen Blick aufs Auto aus der Vogelperspektive.
Der Leaf bietet mehr als nur eine Rückfahrkamera. Im Multifunktionsdisplay zeigen die verbauten Kameras einen Blick aufs Auto aus der Vogelperspektive.
Hamacher

Wirklich gelungen ist die Übersichtlichkeit. Vom Fahrersitz aus hat man den Leaf auf Anhieb gut im Blick. Die kompakten Abmessungen tun ein Übriges, dass sich unser weinroter Testwagen auf den Straßen Hannovers und dessen Umland einfach wohl gefühlt hat. Abends zur Oper? Klasse, der kleine Parkplatz direkt vor der Tür ist wie gemacht für den kleinen Fernostler. Weiter geht es am nächsten Tag zum Einkaufen. Auf dem überfüllten Supermarktparkplatz das gleiche Spiel.

Was beim Einparken richtig gut hilft, ist das geniale Kamerasystem des Leaf. Denn legt man den Rückwärtsgang ein, zeigt das zentrale Display nicht nur den Blick zurück, sondern auch eine Art Rundumsicht. Das ist gerade bei engen Parklücken wirklich genial, da man das Fahrzeug und dessen Umfeld im Display praktisch aus der Vogelperspektive betrachten kann.

Wieso der Elektro-Fahrzeug der Umwelt gefährlich werden kann? Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Die Technik

Und auch sonst ist der Nissan Leaf technisch richtig gut gemacht. Das geht schon mit dem Antrieb los. Der Elektromotor leistet 109 KW und das vollkommen lautlos. Clou: Wie bei einem Elektromotor üblich, steht das gesamte Drehmoment vom Start weg zur Verfügung. Damit sind auch flottere Gangarten in der Innenstadt kein Problem. Zu hören sind dabei nur die Abrollgeräusche der Reifen und bei höheren Geschwindigkeiten der Fahrtwind.

Die Reichweite gibt Nissan mit 199 Kilometern an. Der Testwagen zeigte eine Reichweite von 139 Kilometern an, als ich ihn mit vollen Akkus übernommen habe. Die Wahrheit wird - je nach Fahrweise - irgendwo dazwischen liegen.

Interessant ist die Kostenrechnung. Legt man die durchschnittlichen Strompreise zu Grunde, lassen sich mit dem Nissan für rund 3 Euro 100 Kilometer bestreiten. Das schaffen Serienfahrzeuge mit konventionellen Antrieben nicht. Ausnahme sind hier vielleicht Fahrzeuge wie der XL1 von VW.

Ein Genuss ist das praktisch lautlose Vorankommen. Ich habe mich am Wochenende mit dem Nissan Leaf immer wieder dabei erwischt, wie ich das Radio ausgeschaltet habe und einfach nur genossen habe, voranzukommen, ohne jeden Lärm. Eine Wohltat.

Die Außenwirkung
Diese Wohltat im Inneren ist aber gleichzeitig eine echte Gefahr für die Umwelt. Denn immer, wenn ich mit einem Elektro- oder einem Hybrid-Auto unterwegs bin, stelle ich fest, das die meisten anderen Verkehrsteilnehmer es nicht gewohnt sind, dass Autos leise unterwegs sind. An Fußgängerüberwegen oder an Ampeln passiert es immer wieder, dass Passanten sich erschrecken, wenn man mit dem Leaf oder anderen Elektrofahrzeugen angefahren kommt.

Daher ist es nachvollziehbar, dass die Autoindustrie immer lauter darüber nachdenkt, Elektro-Fahrzeuge mit Soundmodulen auszurüsten – definitiv wird das aber den Spaß an der Elektromobilität ein Stück weit trüben. Denn, wie gesagt: Lautlos am Abend durch die Stadt zu gleiten oder auch im Verkehrswahnsinn kurz vorm Anpfiff am Sonnabendnachmittag – das hat schon was.

Wieso ein Tannenbaum im Amaturenbrett wächst? Lesen Sie auch die nächste Seite.

Der Baum wächst!


Was beim Nissan wirklich ein nettes Detail ist: Im Display neben der Geschwindigkeitsanzeige wächst ein kleiner digitaler Tannenbaum. Erst habe ich das Symbol überhaupt nicht verstanden. Denn, als ich den Wagen übernommen habe, glich es eher einem Martiniglas als einem Tannenbaum. Aber wie ein echter Baum “wächst” die Anzeige – und das schneller, je gesitteter und damit energiesparender man fährt.

Also: Klimaanlage aus, Radio aus, Eco-Modus an und jetzt nur keine Kavalierstarts mehr. Denn laut Bordbuch soll dann der Baum schnell sprießen. Und richtig. Als ich den Wagen zurück zum Verlag bringe und wirklich ganz gemächlich dahinrolle, setzt sich der stilisierte Tannenbaum Stück für Stück zusammen. Am Ende, als ich den Wagen wieder bei uns auf dem Hof parkte, war im Display im Armaturenbrett tatsächlich so etwas wie ein digitaler Tannenbaum zu sehen. Witzige Sache das – noch dazu mit einem klugen Hintergedanken.

Der Innenraum
Ansonsten präsentiert sich der Innenraum des Testwagens ziemlich hochwertig. Leder ziert das Mobilar. Die Sitze vorn bieten den Fahrleistungen angemessenen Seitenhalt und taugen sicher auch für tägliche Pendelfahrten. Auf der Rückbank haben großgewachsene Menschen (ich bin 1,98 Meter lang) nur noch gerade so genug Platz. Längere Touren wären da nicht so wirklich angenehm. Dafür ist wenigstens die Beinfreiheit ganz ordentlich.

Im Kofferraum finden 370 Liter Gepäck Platz. Ist, wie beim Testwagen, das gut klingende Bose Sound System verbaut, reduziert sich der Platz um 15 Liter – irgendwo muss der satte Bass ja herkommen. Die maximale Zuladung gibt Nissan mit 367 bis 440 Kilo (je nach Ausstattung) an.

Ist die Reichweite ein Totschlag-Argument? Lesen Sie auch die letzte Seite.

Zeit für ein Fazit
 - Mit dem Nissan Leaf ist Autofahren auf einmal etwas Anderes.
Mit dem Nissan Leaf ist Autofahren auf einmal etwas Anderes.
Hamacher

Ja! Die Elektromobilität kann wirklich funktionieren. Das Paket, das Nissan unter dem Namen Leaf (zu Deutsch: Blatt) auf den Markt gebracht hat, ist mehr als ein Feigenblatt. So weit ich das nach den paar Kilometern Testfahrt beurteilen kann, bringen die Japaner ein durch und durch ausgereiftes Fahrzeug an den Start. Wirklich klasse ist das lautlose Fahren. Der Großstadtverkehr ist schon lange laut genug. Da ist es wirklich an der Zeit, umzudenken und neue Wege zu erfahren.

Die Debatte um die Reichweite ist zudem eine, die bei genauerer Betrachtung gewaltig hinkt: Verschiedene Studien zeigen eindeutig, dass weit über 80 Prozent aller täglich zurückgelegten Autofahrten deutlich unter 50 Kilometer lang sind. Daher genügt die Reichweite des Leafs locker für den Alltag – und das egal, ob nun eher die angegebenen 199 oder die im Display angezeigten 139 Kilometer Aktionsradius der Realität entsprechen.

Zu haben ist der Nissan Leaf in der Ausstattungslinie Visia ab 23.790 Euro. Hinzu kommen 79 Euro Batteriemiete im Monat. Der top-ausgestattete Testwagen rollte in der Ausstattungslinie Tekna auf den Hof. Hier beginnen die Preise ab 29.190 Euro. Für die Batterie werden ebenfalls 79 Euro im Monat fällig. Wenn Sie die Batterie ebenfalls Ihr Eigentum nennen wollen, erhöhen sich die Preise auf 29.690 beziehungsweise 35.090 Euro.

Wenn Sie dann noch daheim eine Garage oder einen Carport mit Steckdose haben, könnte der Leaf Ihr Einstieg in die Elektromobilität sein – besonders dann, wenn Sie auf dem Dach Ihres Einstellplatzes auch noch Solar-Zellen installiert haben, mit denen Sie den Wagen auftanken können.

(ha)

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