Zu Unrecht als pädophiler Entführer gebrandmarkt.
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Politik und Gesellschaft

Fake News: Hetzkampagne trifft Handwerker

Was für ein Schock: Ein Handwerksunternehmer ist zu Unrecht als pädophiler Entführer gebrandmarkt worden. Eine irre Geschichte aus der Welt des Cybermobbings.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Der Raumausstattermeister Martin Rath gerät in eine Polizeikontrolle. Die Beamten fahnden nach einem Täter, der ein Kind mit einem blauen Transporter entführt haben soll. Auch Raths Sprinter ist blau.
  • In der Facebook-Gruppe Nett-Werk Düsseldorf wird Rath als „mutmaßlicher Täter“ namentlich genannt und übel von Usern beschimpft – eine Hetzkampagne bricht über ihn herein.
  • Rath wirft dem Nett-Werk Düsseldorf vor, dass die Administratoren die Hass-Postings zu spät gelöscht haben.
  • Jetzt fürchtet Rath die Auswirkungen auf sein Geschäft: „Etwas von der Schmutzkampagne könnte an mir hängenbleiben.“

Ende Januar 2017, ein ganz normaler Tag im Leben des Raumausstattermeisters Martin Rath. Sein Ruf im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim ist tadellos, es sind vor allem gewerbliche Großkunden, die ihn beauftragen. Als er sich am Abend in seinen Mercedes Sprinter setzt, ahnt er nicht, dass ein kleines Detail verhängnisvolle Folgen haben wird – die Farbe seines Transporters.

Kurzer Blick zurück: Ein Kind sei von einem Mann in einen „blauen Transporter gezogen“ worden, das behaupten zwei Mädchen gegenüber der Düsseldorfer Polizei. Die Beamten leiten „umfangreiche Ermittlungs- und Fahndungsmaßnahmen“ ein, in Gerresheim werden „diverse Fahrzeuge“ kontrolliert.

Harte Erfahrung: Eine Hetzkampagne bricht über Martin Rath herein

Kurz nach 18 Uhr wird Rath angehalten – sein Sprinter ist blau. Noch während die Polizisten ihn verhören, postet einer der User der Facebook-Gruppe NETT-WERK Düsseldorf: „Die Polizei hat den Van gefunden und den mutmaßlichen Täter, der Kinder angesprochen haben soll, soeben an der Gerricusapotheke in Gerresheim dingfest gemacht. Ich habe mit einem Polizisten gesprochen, der mir das bestätigt hat.“ Der Beitrag wird diverse Male geteilt, die Nachricht ist in der Welt.

Die Situation eskaliert, in weiteren Postings wird Martin Rath namentlich genannt. „Die Leute konnten sich ansehen, welches Auto da kontrolliert wurde, sie wurden ja quasi dazu aufgefordert“, sagt Rath auf Nachfrage von handwerk.com. Die Firmenbeschriftung seines Transporters sei nun einmal eindeutig: „Wir sind bekannt im Stadtteil, sehr bekannt.“ Der 50-jährige Betriebsinhaber wird beschimpft, er erhält Todesdrohungen.

Schwerer Vorwurf: Hat die Facebook-Gruppe die Postings zu spät gelöscht?

Was Rath dem Nett-Werk Düsseldorf vorwirft: „Die Einträge sind irgendwann zwischen 22 Uhr und 22.30 Uhr gelöscht worden, viel zu spät, der Zauber ging ja schon gegen 19 Uhr los.“

Die handwerk.com-Redaktion wollte mit den Initiatoren der Facebook-Gruppe über ihren Anteil an dem Cybermobbing sprechen. Unsere Anfrage wurde so beantwortet: „Zu diesem Thema ist alles gesagt, von den Kollegen von Print und TV schon detailliert beschrieben und berichtet worden. Wir werden zu diesem Thema keine weiteren Stellungnahmen geben.“

Die öffentliche Gruppe hat mehr als 65.000 Mitglieder. Bei einer derart großen Plattform seien 15 bis 20 Moderatoren nötig, sagt Rath. Dass sich lediglich 3 Administratoren um die Facebook-Gruppe kümmern, ist der Internetzeitung rp-online zu entnehmen.

Es sei ungerecht, zu behaupten, er und seine beiden Kolleginnen hätten zu spät reagiert, sagt Nett-Werk Düsseldorf-Gründer Phil Daub. Die Gruppe benötige mehr Administratoren, um „bedenkliche oder sogar strafbare Kommentare“ entfernen zu können, räumt Daub gegenüber rp-online ein. Das setze allerdings eine „Kommerzialisierung“ der Gruppe voraus, und die sei erst in Planung.

Bange Frage: Wird sich die Hetzkampagne auf Raths Umsätze auswirken?

Welche Folgen die Cyber-Hetze für seinen Betrieb haben wird, kann Rath auch Wochen nach dem Rufmord-Schock nicht abschätzen. Noch würden ihm seine gewerblichen Kunden Aufträge in „vernünftigen Größenordnungen“ anvertrauen: „Aber, wer weiß, was in den Köpfen der Entscheider vorgeht? Sie könnten sich fragen, ob ihr Image leidet.“ Ja, es sei denkbar: „Der Fall ist aufgeklärt, aber etwas von der Schmutzkampagne könnte an mir hängenbleiben.“

Das Polizeipräsidium Düsseldorf hat zwischenzeitlich übrigens via Facebook vermeldet: „Bei der Polizei Düsseldorf [wurde] kein Kind als vermisst gemeldet, das der Beschreibung durch die beiden Mädchen entspricht.“ Und: „Auch Privatpersonen müssen in den sozialen Netzwerken die Rechte anderer Menschen respektieren.“ Wer beleidigende, hetzerische und drohende Kommentare verbreite, könne sich strafbar machen.

Wird Rath rechtliche Schritte einleiten? „Da halte ich mich bedeckt“, antwortet der Raumausstattermeister, „ich arbeite mit einer großen Kanzlei zusammen, derzeit wird geprüft, was machbar ist.“

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