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Sanierungsmythen

Fassadendämmung als fatale Falle?

Wunderwaffe der energetischen Sanierung oder ein Konzept zur Geldverbrennung? Die Mythen um die Wärmedämmung kennen beide Extreme. Zwei Experten rücken sie ins richtige Licht.

Schön bunt - Verpufft die Energie, die in die Fassadendämmung gesteckt wird?
Verpufft die Energie, die in die Fassadendämmung gesteckt wird?
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Wenn Welt online gegen die energetische Sanierung wettert, darf sich die Seite größter Aufmerksamkeit und Anerkennung sicher sein. Tausende Facebook-Empfehlungen erhielten die Schriftstücke, die zwischen Herbst und Frühjahr erschienen. Besonders kühn argumentierte das Portal im Artikel „Wärmedämmung kann Heizkosten in die Höhe treiben“. Gleich mehrere Studien werden dort angeführt, die beweisen sollen, dass die Außendämmung der Fassade den Energieverbrauch erhöht.

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Extreme Wärmeverluste in 50er Jahre-Gebäuden
Da geht was. - Aber das auch auf den Geldbeutel.
Aber das auch auf den Geldbeutel.
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Das Fraunhofer Institut für Bauphysik, kurz IBP, ist Urheber einer der zitierten Studien. Es weist die Aussagen zurück. Im Artikel heißt es, bereits 1985 habe das IBP festgestellt, „dass die Verwendung von Dämmstoffen den Heizenergieverbrauch nicht senkt, sondern im Vergleich zu Massivwänden vielmehr in die Höhe treibt“.

Doch wurde das überhaupt nicht untersucht: „In der Studie ging es darum, Unterschiede im Energieeintrag durch verschieden gefärbte Fassaden zu ermitteln“, sagt Janis Eitner, Sprecher des Fraunhofer IBP. Dafür verglich das Institut massives ungedämmtes Mauerwerk mit einer dünnen, gedämmten Wand. Beide Wände wurden absichtlich so konzipiert, dass sie bei gleicher Farbgebung gleich viel Wärme durchlassen.

Die Wissenschaftler vom Institut für Bauphysik raten generell zur energetischen Sanierung. Vor allem ältere Bestandsbauten, insbesondere Gebäude aus den 50er Jahren, seien von starken Wärmeverlusten betroffen. „Alte Außenwände, wie sie insbesondere nach dem 2. Weltkrieg aber auch schon zuvor gebaut wurden, verursachen Wärmeverluste in der Größenordnung von 140 Kilowatt pro Quadratmeter und Jahr“, sagt IBP-Institutsleiter Gerd Hauser.

Was aber auch stimmt: Der Effekt der Außendämmung kann „dramatisch gering“ sein.

Simple Mauerwerkssteine als Dämm-Alternative
Was bringt die Ersparnis? - Die Effekte der Sanierung können
Die Effekte der Sanierung können "dramatisch gering" ausfallen.
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Jährlich entspricht das laut IBP pro Quadratmeter einem Verbrauch von 14 Liter Heizöl. Hier könne die Dämmung den Energieverlust um 80 Prozent senken. Doch es braucht nicht immer eine Dämmung, sagt das IBP. Auch Mauerwerkssteine mit sehr geringer Wärmeleitfähigkeit können genügen.

Die Wärmedämmung funktioniert. Aber ist sie wirklich die stärkste Kraft bei der energetischen Sanierung? Nein, sagt Jens Peter Fehrenberg, Architekt und Professor an der Hochschule Hildesheim (HAWK). Er rät zur Vorsicht: „Die Außendämmung verringert den Energieverbrauch dramatisch geringer als behauptet. Bestenfalls die ersten Zentimeter reduzieren rechnerisch den Energieverlust.“

Fehrenberg wurde erstmals 1992 damit konfrontiert, dass eine Außendämmung an einer Massivwand nicht den oft versprochenen Effekt hat. Er verglich die Heizkostenentwicklung von drei baugleichen Häusern, die von einer gemeinsamen Zentrale aus beheizt wurden.

Resultat der Aktion: Werbung und Realität klaffen weit auseinander – lesen Sie die nächste Seite.

Amortisationszeit kann extrem lang sein
Ein weiter Weg. - Bis sich die Fassadendämmung auszahlt, kann vor den Sanierern eine lange Strecke liegen.
Bis sich die Fassadendämmung auszahlt, kann vor den Sanierern eine lange Strecke liegen.
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Eines der Häuser erhielt eine zusätzliche Dämmung, dann wurden die Heizkosten weiterverfolgt. „Dort hatte es überhaupt keine Verbesserung gegeben“, sagt der Architekt. Er verglich daraufhin Heizkosten und Energieverbrauchsdaten weiterer gedämmter Häuser mit den errechneten Werten auf Basis der verwendeten Fenster, Wandstärken und Dämmstoffe. „Die Einsparung gegenüber einer fehlenden Dämmung lagen bei sieben bis zehn Prozent“, sagt Fehrenberg. Beworben aber wird die Dämmung häufig mit Einsparpotenzialen von 70 Prozent.

Der Architekt erklärt die schlechte Bilanz mit der Entkopplung der Fassade von der Umweltwärme. Sonnenlicht, das auf die Dämmung trifft, dringt nicht bis zum Mauerwerk vor. Im Winter schützt die Dämmung zwar das Haus vor dem Auskühlen, im Frühjahr allerdings muss es wesentlich länger beheizt werden, als eine ungedämmte Fassade. Das hebe den Kälteschutz teilweise wieder auf.

„Wer nur zum Zweck der energetischen Sanierung die Fassade erneuert, muss oft mit 50 Jahren Amortisationszeit rechnen“, sagt Fehrenberg. Es gibt allerdings Wände, bei denen eine Dämmung auch laut seiner Einschätzung sinnvoll ist. Bei Massivbauten sind das vorrangig Gebäude aus den 50er Jahren. „Diese Nachkriegsbauten haben meist sehr dünne Massivwände mit nur 25 Zentimeter Dicke.“

Viel Sinn macht die Dämmung außerdem im Haus – auf dem Dachboden und unter der Kellerdecke. „Entscheidend ist eine fundierte Analyse durch einen Energieberater“, sagt Fehrenberg. Vor einer Fassadendämmung wird der zu einer neuen Heizungsanlage oder besseren Fenstern raten.

von Denny Gille

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