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Neues Mindestlohngesetz in der Praxis

"Gesellen mutieren zur Bürofee"

Die neuen Dokumentationspflichten sind Mehrarbeit für die Betriebe. Aber nicht nur das. Sie sind auch Mehrkosten. Wer soll das bezahlen, fragt ein Handwerksmeister. Und hat auch schon einen Vorschlag.

Dokumentieren statt handwerklich arbeiten: - In vielen Betrieben ist das Realität, seitem das neue Mindestlohngesetz gilt.
In vielen Betrieben ist das Realität, seitem das neue Mindestlohngesetz gilt.
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Die Mitarbeiter der Tischlerei Hinrichs in Ostfriesland führen Stundenbücher und schreiben Auftragszettel. „Mittels der Stundenzettel wird die Rechnung für den Kunden erstellt und die Bücher dienen als Kontrolle der geleisteten Stunden“, berichtet Tischlermeister Rewert Hinrichs. Das alles sei für die Gesellen Aufwand genug.

Warum sie nun trotz festgelegter Arbeits- und Pausenzeiten auch noch zusätzlich aufschreiben sollen, wann die Pause beginnt und endet, ist für ihn nicht nachvollziehbar. „Unsere Gesellen mutieren zur Bürofee“, ärgert er sich.

Zugleich kommt die Frage nach den Kosten auf: Wenn die beim Kunden eine Reparatur ausführen, die länger dauert und sie in die Pausenbereiche kommen, wird das dokumentiert. „Ist diese Aufzeichnungszeit Arbeitszeit? Also bekommt der Kunde das mit auf den Stundenzettel, sonst wäre es ja Pausenzeit - das wird die Kunden sehr erfreuen“, provoziert Hinrichs.

Oder müssen Betriebe den Mitarbeitern mehr zahlen, weil sie in den Pausen dokumentieren müssen und sich nicht erholen können?

Warum Tischlermeister Hinrichs eine Befreiung der Dokumentationspflicht fordert,
lesen Sie auf der nächsten Seite.

"Wir sind nahe an der Belastungsgrenze"
Vor lauter Zettel kein Ende der Arbeit in Sicht? - Die Kontrolle der Stundenzettel kostet zu viel Arbeitszeit für Chefs, sagt Tischlermeister Rewert Hinrichs.
Die Kontrolle der Stundenzettel kostet zu viel Arbeitszeit für Chefs, sagt Tischlermeister Rewert Hinrichs.
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Hinrichs versteht nicht, warum die Bruttolohngrenze für Angestellte so hoch angesetzt wurde (2958 Euro, Anmerkung der Redaktion), ab der die Dokumentationspflicht entfällt: „Wenn ich die Bruttolöhne der Gesellen durch die Schnittarbeitstage eines Monats verrechne, sie bei theoretischen 8,50 Euro je Stunde, täglich 15 Stunden arbeiten müssten, sollte doch jeden erkennen lassen, dass die Grenze zur Befreiung der Dokumentation viel zu hoch liegt“, gibt er zu bedenken.

Viel schlimmer sei, dass seine persönliche tägliche Arbeitszeit oft die 15 Stunden überschreite. Die Kontrolle der Stundenzettel dazugerechnet, sei seine Grenzbelastung erreicht. Sein Fazit: „Nichts ist ärgerlicher als sinnlose Tätigkeiten, einfach nur weil es beschlossen wurde.“

Die Politik habe es mal wieder geschafft, trotz immer wieder „gebetsmühlenartiger Predigten“, die bürokratischen Hürden für das Handwerk zu verringern, da nochmals draufzusatteln.

Seine Forderung: Eine Grenze des Bruttolohns zur Dokumentation von 2000 Euro. Und: einen Antrag zur Befreiung der Dokumentation.

Was halten Sie von der Idee mit der Dokumentationspflichten-Befreiung? Welche Forderungen haben Sie an die Politik, was den Mindestlohn betrifft? Schreiben Sie uns!


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