Für Maschinen, Werkstatträume und Lackiererei haben die Gründer ein gutes Angebot bekommen.
Foto: Denny Gille

Strategie

Gründen mit über 50: „Keine mutige Entscheidung“

Ihr Betrieb lief rund, bis die Kündigung kam. Doch diese Meister gaben nicht auf. Als Gründer legten sie einen Glanzstart hin. Hier verraten sie ihre Strategie.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Die Tischlermeister Rolf Heitmann und Heiko Timmermann waren jahrelang Kollegen in einer Tischlerei. Im Herbst 2018 haben sie sich zusammen selbstständig gemacht.
  • Raketenstart in Ganderkesee: Das Kündigungsschreiben zwang die beiden zum Handeln. Schnell stand fest, dass sie neu gründen würden. Darüber waren auch die Kunden froh.
  • Innerhalb kürzester Zeit haben die Tischler ihr Unternehmen aus dem Boden gestampft. Nachfolgeoption inklusive.

Das Büro: frisch renoviert. Die Werkstatt: voll ausgestattet. Der Kundenstamm: vier Konzerne und viele Kleinkunden. Klingt nach einem gut etablierten Betrieb. Schauen wir auf das Gründungsdatum: 1. September 2018 – bitte, was?! Die Tischlermeister Rolf Heitmann und Heiko Timmermann sind Anfang 50, plötzlich Gründer und zeigen gerade, wie man einen Raketenstart im Handwerk hinlegt. Ihr Unternehmen ist erst ein paar Monate alt, doch davon spürt man nichts. Mit ihrem Auftreten, ihrem Auftragsvorlauf und der soliden Mitarbeiterstärke – drei Meister und ein Geselle –, machen sie den Eindruck, als wären sie schon jahrelang am Markt.

Plötzlich Gründer

Sicher haben sie die Selbstständigkeit dann von langer Hand geplant, oder? Nein. „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich mich selbstständig mache, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, erzählt Heiko Timmermann. Der frischgebackene Unternehmer führt beim H&T Tischlerei Team vor allem das Büro, kümmert sich um Auftragsakquise, Kalkulation, Qualitätssicherung, Vor- und Nachbereitung. Für ihn und Rolf Heitmann kam die Neugründung praktisch aus dem Nichts. Auslöser war eine eher unangenehme Überraschung: Die beiden waren zuvor angestellte Kollegen einer Tischlerei. Im Frühjahr 2018 erhielten sie das Kündigungsschreiben wegen Betriebsaufgabe. „Das hat mich ziemlich getroffen“, berichtet Timmermann. „Ich war so lange in dem Unternehmen, ich hatte es praktisch mit aufgebaut.“

Was sollten die Tischler nun tun – sich einen neuen Betrieb suchen? Aktuell ließe sich leicht ein neuer Arbeitgeber finden, doch Timmermann sah auch das Risiko: „Werden die Zeiten wirtschaftlich schlechter, fliegen doch als erstes die raus, die als letztes gekommen sind.“ Dann mit dem Renteneintritt in Sicht einen neuen Arbeitsplatz zu finden, wäre eine schwierige Aufgabe. „Außerdem sind wir ein gutes Team und wollten weiter zusammenarbeiten“, ergänzt Rolf Heitmann.

Kundenstamm aufbauen, Nachfolge regeln, beraten lassen

Schon als Angestellte haben die Tischlermeister einen sehr engen Kundenkontakt gepflegt, waren in vielen Belangen erster Ansprechpartner der Großkunden. Als ihr alter Betrieb geschlossen hatte, konnten sie ihren ehemaligen Kunden ein praktisch unschlagbares Angebot machen: einen nahtlosen Übergang in der Zusammenarbeit. Die Meister bleiben Ansprechpartner, nur ihr Betrieb heißt anders. Beste Vorzeichen für eine Gründung. Zumal der Sohn von Heiko Timmermann – er macht gerade seine Tischlerlehre – den neuen Betrieb später gerne weiterführen würde. So war die Nachfolge schon zum Gründungszeitpunkt geklärt. Ihr Umfeld hat die neuen Unternehmer so in ihrem Vorhaben bestärkt, dass es nicht einmal verwundert, wenn Timmermann einen für Neugründungen völlig untypischen Satz sagt: „Mutig war unsere Entscheidung nicht.“

In Ganderkesee bei Bremen haben die Gründer den passenden Standort gefunden. Die Werkhalle ist geräumig, komplett mit Maschinen und Lackiererei ausgestattet. „Eigentlich ist das zu groß für uns, aber wir haben ein super Pachtangebot für Halle und Maschinen bekommen“, erzählt Timmermann. Beim Businessplan und anderen Gründerfragen vertrauten die Unternehmer auf die Beratung ihrer Handwerkskammer. „Das hat uns nochmal Sicherheit gegeben.“

Auf keinen Fall enttäuschen

Mitte August nahmen die beiden ihren Resturlaub im Altbetrieb und bereiteten die letzten großen Schritte für die Gründung vor. Vor Ort waren Bürorenovierung und Einrichtung der EDV nebst Umbau der Werkstatträume für die Produktion zu erledigen. Nebenbei bauten sie alles auf, was die Marke von H&T Tischlerei Team braucht: eine Website sowie Logos auf Visitenkarten, Arbeitskleidung und Firmenwagen. Alles sollte pünktlich zur Neugründung fertig sein. Ein notwendiger Kraftakt. Unbedingt wollten die Tischler das Vertrauen der Großkunden in ihre Gründung bestätigen: „Die Kunden sollten auf keinen Fall den Eindruck bekommen, dass wir nachlassen würden“, sagt Rolf Heitmann.

Die Betreuung des größten Kunden übernimmt Heitmann damals wie heute persönlich. Mit ihm vereinbart er neue Aufträge und wickelt sie ab. „Ich mache eigentlich genau das, was ich vorher gemacht habe“, sagt Heitmann. Mit einem entscheidenden Unterschied: „Nach der Arbeit fahre ich nicht nach Hause sondern ins Büro.“ Auch für Heiko Timmermann sind viele Tätigkeiten geblieben, die er aus der alten Tischlerei schon kannte. „Eigentlich war ich schon so eine Art Juniorchef.“ Der Unterschied jetzt: „Ich bin mein eigener Herr – und das ist ein gutes Gefühl auch im Umgang mit den Kunden.“

Ein Team und seine Ziele

In Sachen Unternehmenskultur wollen die beiden Chefs einen anderen Kurs fahren, als sie es als Angestellte gewohnt waren. „Wir wollen unsere Mitarbeiter stärker einbeziehen und die Dinge gemeinsam im Team lösen“, sagt Timmermann. Den Teamgedanken haben sie deswegen auch bewusst in den Firmennamen aufgenommen. Vier Tischler und eine 450-Euro-Unterstützung im Büro zählt der Betrieb aktuell. Für die Chefs vergeht noch keine Woche mit weniger als sieben Arbeitstagen. Sie arbeiten unermüdlich dafür, ihr junges Unternehmen erfolgreich zu machen. Timmermann verrät schon zwei große Zwischenziele für 2019: „Bis März wollen wir schwarze Zahlen schreiben und im Herbst unseren ersten Azubi einstellen.“

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