Foto: Denny Gille

Holzhelden

Ärger um Fahrzeugwerbung: „Die Leute haben sich totgelacht“

Sexismusvorwurf?! Die Fahrzeugwerbung von Michael Haller bekam kuriose Aufmerksamkeit aus unerwarteter Richtung. Was droht bei Post vom Werberat?

Auf einen Blick:

  • Gute Werbung erregt Aufmerksamkeit. Das hat Holztechniker Michael Haller mit seiner Fahrzeugwerbung erreicht und in vier Jahren viel positives Feedback bekommen.
  • Doch einer Person in seinem Ort stieß die Fahrzeugwerbung sauer auf. Es folgte nicht nur eine Unterhaltung über den Messenger des Betriebs, sondern bald auch Post vom Werberat aus Berlin.
  • Der Werberat lies die Sache bald auf sich beruhen. Für Michael Haller bedeutete die kuriose Geschichte vor allem Mehrarbeit. Wenigstens konnte er seine Facebook-Fans damit erheitern: „Auf Facebook haben sich alle nur totgelacht“, berichtet Haller.
  • Das droht schlimmstenfalls bei Post vom Werberat: eine Rüge, die von Zeitungsredaktionen aufgegriffen werden kann.

Gute Werbung zu machen ist eine Kunst. Aufmerksamkeit soll sie erregen – und das nicht nur zum Selbstzweck: Sie bringt das beworbene Unternehmen in den Kopf des Betrachters und bleibt ihm im Gedächtnis.

Dem Tischler und Holztechniker Michael Haller ist so eine Werbung gelungen. Auf seinem Firmenfahrzeug fährt er mit ihr regelmäßig durch das niedersächsische Nienburg. „Steh ich an der Ampel, hupen die Leute schon mal und winken freundlich. Ich sehe Pärchen darüber lachen und habe aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis viel gutes Feedback dazu bekommen“, berichtet der Chef der Tischlerei Michael Haller.

Nackte Tatsachen: Was darf Werbung?

Rügen vom Werberat, Debatten um Sexismus – da drängt sich die Frage auf: Was darf Werbung rechtlich? Erstaunlich viel, weiß dieser Medienrechtler.
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Der Tischler, der auch Türen tauscht

Die Werbung zeigt eine selbstbewusste ältere Dame, die mahnend den Zeigefinger hebt und einen zweigeteilten Schriftzug: „Wir tauschen auch Ihre alte … Tür!“ Vier Jahre lang hatte der Unternehmer mit dieser Fahrzeugwerbung keinerlei Probleme. Bis er über seinen Messenger eine Nachricht von einer Person aus Nienburg erhielt.

„Sie schrieb sinngemäß, was mir einfallen würde, so eine sexistische und herabwürdigende Werbung zu schalten“, berichtet Haller. Der Tischler sah das anders. Er beantwortete freundlich mehrere Nachrichten der Nienburgerin, ohne sich dabei auf eine Diskussion um seine Fahrzeugwerbung einzulassen.

Post vom Deutschen Werberat

Dann herrschte Funkstille – scheinbar: Einige Wochen später erhielt Haller einen Brief aus Berlin. Beim Deutschen Werberat, der Selbstkontrolleinrichtung der Werbewirtschaft, war eine Beschwerde über seine Fahrzeugwerbung eingegangen. Der Werberat bat ihn Stellung zu beziehen und mitzuteilen, ob der Tischler seine Werbung weiter verwenden wolle. „Entfernen wollte ich sie unter gar keinen Umständen“, erklärt Haller.

Stattdessen hat er dem Rat seine Werbung und die bisherigen Erfahrungen damit noch einmal genauer erklärt. „Dass die Werbung ein bisschen provokant ist bedeutet doch nicht, dass wir ältere Mitmenschen herabwürdigen wollen“, sagt Haller. „Dreiviertel meiner Kunden sind älteres Baujahr, ich arbeite außerdem viel für Pflegeheime – und es gab noch nie ein schlechtes Wort über meine Werbung.“

Die Mittel des Werberats

Was kann schlimmstenfalls passieren, wenn es ein Unternehmen mit dem Werberat zu tun bekommt? Ein Rechtsstreit, Strafzahlungen oder ähnlich harte Sanktionen? Nein. „Kommerzielle Werbung fällt zu 100 Prozent unter die Meinungsfreiheit“, erklärt der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Daniel Kötz.

Dem Unternehmen droht allenfalls ein Imageschaden. Die Rüge ist das mächtigste Mittel des Werberats. In seinem FAQ heißt es dazu: „Die Redaktionen der Massenmedien erhalten eine Mitteilung über die Rüge, die sich dann in der Berichterstattung und Kommentierung der Presse widerspiegelt.“

Nach Abstimmung im Gremium: keine Beanstandung

Doch soweit kam es im Fall von Michael Haller nicht. Ein Gremium des Werberats stimmte schließlich über seine Werbung ab und kam zu dem Schluss, sie nicht zu beanstanden. Hochärgerlich findet der Unternehmer die Sache dennoch. „Manchmal frage ich mich, ob die Leute nichts besseres zu tun haben, als uns kleinen Handwerksbetrieben mit solchen Aktionen das Leben schwer zu machen“, sagt der Unternehmer.

So wie er sehen es auch Kunden und Kollegen, mit denen Haller die Geschichte auf der Facebookseite seiner Tischlerei geteilt hat. Ergebnis: 245 Likes und jede Menge Zuspruch in 68 Kommentaren. „Auf Facebook haben sich alle nur totgelacht“, fasst der Tischler zusammen.

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