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"Ich bilde nicht mehr aus!"

Zwei gestandene Handwerksmeister, zwei gegensätzliche Ansichten über Deutschlands Auszubildende. Den Anfang macht Hans-Joachim Szalka. Er sagt: "Ich bilde nicht mehr aus."

Zwei gestandene Handwerksmeister, zwei gegensätzliche Ansichten über Deutschlands Auszubildende. Den Anfang macht Hans-Joachim Szalka. Er sagt: "Ich bilde nicht mehr aus."

von Heiner Siefken

Die erste Frage kommentiert Hans-Joachim Szalka (Foto) mit einem Kopfschütteln. "Ob es leicht ist, motivierte Lehrlinge zu finden? Die Suche ist zum Albtraum geworden. Ich bilde nicht mehr aus", sagt der 55-Jährige. Dann lehnt er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, neigt den Kopf ein wenig zur Seite und wirft einen Blick durch das Fenster, das sein Büro von seiner Werkstatt trennt. Auf einer Hebebühne ist ein Fiat Punto zu sehen, ein Unfallwagen. "Wer so ein Auto reparieren will, der muss was auf dem Kasten haben, da geht es um Mechanik und Elektronik. Ich behaupte, dass sich das Bildungsniveau von Haupt- und Realschülern in den zurückliegenden Jahren derart verschlechtert hat, dass fast alle Lehrlinge damit überfordert wären."

Die CSH Szalka GmbH hat 1981 ihren ersten Lehrling in Hannover ausgebildet. "Der Junge war klasse, das war ein Spaß. Aber der Spaß hat sich in Ärger verwandelt, von Jahr zu Jahr mehr." Früher habe folgender Merksatz gegolten: "Wenn einer in der Theorie schwach ist, aber handwerklich stark, dann kriegen wir das schon hin." Diese Zeiten seien lange vorbei. Beherrscht ein Schüler nicht einmal die Bruchrechnung und kaum das Einmaleins, dann ist er für die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker schlicht nicht geeignet." Und was potenzielle Bewerber Szalka derzeit in Eignungstests zumuten, sei wirklich haarsträubend.

Doch wo bleibt die gesellschaftliche Verantwortung für den Nachwuchs? Woher sollen die Fachkräfte kommen, wenn keiner mehr ausbildet? Auf diese Argumente hat Szalka förmlich gewartet, das ist ihm anzumerken. Für die Entgegnung muss er jedenfalls nicht lange nachdenken. Noch während er sich die Fragen anhört, macht er sich gelangweilt mit einem Kugelschreiber eine Notiz auf einem Blatt Papier, das auf seinem Schreibtisch liegt. Dann stellt er die Gegenfrage: "Warum soll ich als kleiner Handwerksmeister ausbügeln, was die Schule und die Bildungspolitik in den vergangenen Jahren vergeigt haben?"

Nächste Frage: Was hat Szalka vorhin eigentlich notiert? Der Handwerkmeister grinst: "Nur ein Wort: Ausbildungsvergütung. Ein Azubi kostet mich im ersten Lehrjahr 460 Euro plus Kosten für Grundlehrgänge plus Lohnnebenkosten. Da kommen locker 900 bis 1000 Euro zusammen, und das ist zuviel." Auch im Jahre 2006 sei es eine nüchterne Notwendigkeit, ein betriebswirtschaftliches Muss, dass ein Ausbilder spätestens im dritten Lehrjahr mit seinem Auszubildenden Geld verdienen kann. "Aber davon sind wir weit entfernt. Es tut mir leid, aber als Unternehmer denke ich in erster Linie betriebswirtschaftlich und erst in zweiter Linie ideologisch."

Der Kunde hat ein Recht auf schlaue Leute

An der Wand hinter Szalka hängen zahlreiche Urkunden. Die meisten dokumentieren Fortbildungsveranstaltungen und Lehrgänge, die seine Mitarbeiter besucht haben. Szalka deutet hinter sich und sagt: "Es ist ja nicht so, dass mir die Ausbildung meiner Leute egal wäre. Im Gegenteil, ich bin dem Kunden verpflichtet, ich muss sein Vertrauen rechtfertigen. Der Kunde erwartet und darf erwarten, dass ich schlaue Leute beschäftige."

Die Bürotür wird geöffnet, ein Mitarbeiter steckt den Kopf herein. "Gibt?s noch was, Chef?" Szalka schüttelt den Kopf: "Nein, alles in Ordnung, mach? man Feierabend." Als die Tür wieder geschlossen ist, sagt er: "Gute Leute sind unbezahlbar. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis wir wieder gute Leute ausbilden können."

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