Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Der perfektionierte Problemfall

Insolvenzordnung: Der perfektionierte Problemfall

Die Insolvenzordnung soll angeschlagenen Unternehmen den Neuanfang erleichtern. Doch mittelständische Betriebe stöhnen über die komplizierten Vorschriften. handwerk.com gibt Tipps, was Betriebsinhaber beachten sollten.

Konjunkturelle Breitseite: Die Baukrise hat den Betrieb des ehemaligen Gifhorner Kreishandwerkmeisters Rolf-Dieter Möhle voll erwischt. Es ist schwierig, Umsatzeinbußen durch neue Aufträge aufzufangen, wenn sich gleich zehn Firmen um jeden Kunden prügeln, sagt Juniorchef Michael Möhle. In den vergangenen Monaten hat er immer wieder über die Gründe für die Talfahrt des Familienunternehmens nachgedacht. Wer habe vor sechs Jahren schon ahnen können, dass sich der Neubau des Firmengebäudes im Nachhinein als Fehlinvestition erweisen sollte? Die Konsequenz der Misere: Im Mai haben die beiden Tischlermeister die betriebswirtschaftliche Notbremse gezogen und sind vor den Insolvenzrichter getreten.

Und dabei waren sie in so guter wie zahlreicher Gesellschaft. Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2002 mit einem Zuwachs von 25,5 Prozent eine neue Höchstmarke erreicht. Demnach stehen den 15 020 Firmenpleiten aus dem 1. Halbjahr 2001 aktuell knapp 19 000 Insolvenzfälle gegenüber.

Die Insolvenzordnung gibt es seit drei Jahren. Das Paragrafenwerk soll verhindern, dass aus Unternehmern Sozialfälle werden, dass sie aus eigener Kraft nicht wieder auf die Beine kommen. Funktioniert der Vorsatz in der Praxis? Das Insolvenzrecht hat uns insofern geholfen, dass der Betrieb Luft bekommen hat. Die Zahlungen an die Banken der Zinsabtrag wird eine Zeitlang ausgesetzt, erklärt Michael Möhle. Gemeinsam mit seinem Vater hat er sich für den Weg der übertragenen Sanierung entschieden. Im Klartext: Der alte Betrieb wird eingestampft. Und ich kaufe jetzt alles zurück, was ich für einen Neuanfang benötige. Ich kaufe sozusagen meinen eigenen Betrieb. Was in der Kurzfassung so einfach klinge, sei in der Realität allerdings extrem kompliziert. Michael Möhle: Wir hatten keinerlei Informationen über den Ablauf. Durch einige Sachen steige ich noch immer nicht durch.

335 Paragrafen füllen die Insolvenzordnung

Wen wunderts? Die Insolvenzordnung besteht aus 335 Paragrafen. Und jeder der Paragrafen enthält weitere Unterpunkte. Die Väter des Insolvenzrechts haben jedes erdenkliche Detail geregelt. Da kriegt jeder mittelständische Unternehmer sofort einen Schock, sagt Hans-Peter Runkel, Vorsitzender des Arbeitskreises der Insolvenzverwalter Deutschland.

Aber nicht nur die Insolvenzordnung, auch die Insolvenzverwalter sind ins Gerede gekommen. Die Paragrafen helfen nur Kirch, Holzmann und Co, also nur den Unternehmen, die sich teure Berater leisten können. Kleine Betriebe sind ihren Verwaltern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sagt Sonja Kirchner, Landesvorsitzende des Vereins für Kreditgeschädigte und in finanzielle Not geratene Menschen in Sachsen-Anhalt. Die Geschichten über Insolvenzverwalter, die im Insolvenzverfahren nur Masse sammeln, um ihre eigene Arbeit zu finanzieren, würden sich häufen. Kirchner fordert radikale Änderungen des aktuellen Insolvenzrechts. Anwälte müssten erfolgsorientiert bezahlt und psychologisch ausgebildet werden. Und: Unternehmer sollten sich ihren Verwalter selbst aussuchen dürfen. In der aktuellen Situation rät die Vereinsvorsitzende den Betrieben sogar dringend davon ab, einen Insolvenzantrag zu stellen: Da geben sie den Kopf gleich mit ab. Kleine Unternehmer sollten lieber versuchen, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen.

Auf die Vorteile der Insolvenzordnung verweist Tilman Bettendorf, Geschäftsführer des Hamburger Wirtschaftsinformationsdienstes Bürgel. Das Insolvenzrecht gebe den Unternehmen die Möglichkeit, den Insolvenzantrag in einem sehr frühen Krisenstadium zu stellen. Früher hätten die Betriebe das Insolvenzverfahren erst beantragen können, wenn die Zahlungsunfähigkeit feststand. Seit 1999 sei dies bereits bei drohender Zahlungsunfähigkeit machbar: In der Regel verfügt auch ein angeschlagenes Unternehmen dann noch über genügend Kapital für ein ordentliches Verfahren. Insolvenzverwalter Runkel fügt hinzu: So wird verhindert, dass sich die Gläubiger per Zwangsvollstreckung die Filetstücke aus dem Betrieb schneiden.

Stichwort: Insolvenzplan

Der Insolvenzplan, den ein Schuldner seinen Gläubigern vorlegt, ähnelt einem außergerichtlichen Vergleich, sagt der Wuppertaler Insolvenzverwalter Hans-Peter Runkel. Verwertung des Schuldnervermögens, Verteilung des Erlöses, Haftung des Schuldners nach Beendigung des Verfahrens in diesen Punkten erlaube das Insolvenzplanverfahren Abweichungen von den Regeln der Insolvenzordnung.

Der Sinn: Den Beteiligten soll die Autonomie für die Bereinigung der Insolvenz und die Enthaftung der Unternehmer gegeben werden. Die beste Lösung soll weitgehend ungehindert durch gesetzliche Vorgaben ausgehandelt werden können. Es gibt Insolvenzpläne, die haben 250 Seiten. Wie soll das ein Laie verstehen. Dicke Pläne verschrecken aber alle Beteiligten. Bestehen Sie auf einen kurzen Insolvenzplan, rät Runkel.

Stichwort: Übertragene Sanierung

Wenn die übertragene Sanierung fachmännisch gehandhabt wird, kann der Betrieb nahtlos auf einen anderen Inhaber übergehen, sagt Insolvenzverwalter Hans-Peter Runkel. Dabei werde genau nach den Verwertungs- und Verteilungsregeln der Insolvenzordnung verfahren. Die Betriebe können fortgeführt und gleichzeitig veräußert werden.

Der Unternehmensträger beispielsweise die GmbH bleibt dabei allerdings nicht erhalten. Das alte Unternehmen wird liquidiert. Die Aktivwerte können einzeln oder en bloc auf ein neues Unternehmen (die Auffanggesellschaft) übertragen werden. Der Erlös fließt den Gläubigern zu. Die Sanierung erfolgt durch das Übertragen der Einzelwerte. Runkel: Einzelkaufleute bekommen die erwünschte Enthaftung allerdings nur über einen Insolvenzplan hin.

Expertentipp zur Insolvenzordnung

Wer jetzt die Bilanzen noch nicht fertig hat, sollte das im Sturmschritt erledigen

von Hans-Peter Runkel

Der Autor ist Insolvenzverwalter in Wuppertal und Vorsitzender des Arbeitskreises der Insolvenzverwalter Deutschland. Er verrät, woran Unternehmer denken sollten, wenn der bittere Fall der Fälle eintritt.

Die Gefahren

Mein dringender Rat: Wenn die Insolvenz unmittelbar bevorsteht, sollten Sie nicht etwa die letzten Gelder (Ich erwarte noch Schecks, habe noch irgendwo 20 000 Euro) nehmen und auf ein Soll-Konto einzahlen. Eröffnen Sie ein neues Konto. Der Grund: Wenn der Insolvenzantrag gestellt wird und alle Konten stehen im Soll, hat es ein vorläufiger Insolvenzverwalter außerordentlich schwer. Was ist mit dem Strom, dem Gas, dem Wasser, dem Telefon? Das muss der Verwalter am ersten Tag im Betrieb sofort klären. Wenn sie kein Geld separiert haben, schließt sich der Betrieb manchmal wie von alleine.

Der Paragraf 64 des GmbH-Gesetzes regelt den so genannten Drei-Wochen-Zeitraum. Das bedeutet: Ein Unternehmer macht sich schadenersatzpflichtig hinsichtlich aller Zahlungen, die er vornimmt, nachdem er den Insolvenzantrag hätte stellen müssen. Nach Eintritt der Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit darf er nicht länger als drei Wochen mit der Antragstellung warten.

Die Finanzämter kümmern sich sofort nach der Insolvenz um fällige Steuern. Die Fragen der Beamten: Was ist im vergangenen Jahr bezahlt worden? Etwa noch der Arbeitnehmer und ein Teil der Lieferanten? Und was haben wir bekommen? Mein Tipp: Im Fall der Fälle muss der Unternehmer sofort die Umsatzsteuer abführen. Auch wenn die Lieferanten mehr drängen: Wer die Umsatzsteuer nicht pünktlich abführt, ist schon in der Haftung.

Die Mitarbeiter

Überlegen Sie rechtzeitig, wie Sie mit Personalfragen umgehen. Die Insolvenzordnung hat gerade in diesem Punkt erhebliche Vorteile gegenüber der alten Konkursordnung. Es ist leichter geworden sich von Mitarbeitern zu trennen. Aber auch in diesem Fall gilt: Ein Fachmann muss Sie beraten am besten ein Anwalt, der Insolvenzen verwaltet.

Die Zahlen

Wenn Sie negative Entwicklungen spüren (Liquiditätsprobleme), sollten Sie rechtzeitig den Insolvenzfachmann aufsuchen. Die wichtigsten Fragen, die Sie stellen müssen: Könnte ich schon den Antrag stellen? Welche Vorteile bringt das? Könnte ich dann meinen Betrieb retten?

Unabhängig davon, welcher Insolvenzweg für Sie der richtige ist: Sie müssen frühzeitig die Zahlen zusammen haben. Jetzt ist gerade der kritischste Monat des Jahres. Was viele Geschäftsführer nicht wissen: Eine GmbH (häufige Rechtsform von Handwerksbetrieben) muss den Jahresabschluss bis zum 30. Juni eines Jahres unter Dach und Fach haben. Wenn ein Verwalter feststellt, dass der Jahresabschluss nicht fertig ist, stellt er besonders kritische Fragen: Sollte die Wahrheit nicht zu Tage treten? Wurde die Insolvenz verschleppt?

Unternehmer sollten rechtzeitig die Hilfe eines Steuerberaters oder Wirtschaftsprüfers in Anspruch nehmen und sich mit dem Thema Überschuldungsbilanz befassen. So verhindern Sie eine böse Überraschung: Manchmal reicht der Jahresabschluss nicht aus, um zu ermitteln, wie Sie aus insolvenzrechtlicher Sicht dastehen.

Erörtern Sie mit einem Experten die Insolvenzkriterien. Wie werden der Insolvenzrichter und vor allem der Staatsanwalt in Ihrem Fall reagieren, wenn es um die Frage der Verschleppung des Insolvenzantrags geht?

 

Nicht auf Scharlatane hereinfallen

Sie sei zu kompliziert, werfen Kritiker der Insolvenzordnung vor. Tenor: Kein normaler

Unternehmer könne die Details der 335 Paragrafen durchblicken.

Ein erfolgreiches Insolvenz- und Sanierungsverfahren steht und fällt also mit den richtigen Beratern. Doch da gibt es eine Menge Scharlatane, warnt Karl-Heinz Dietert, betriebswirtschaftlicher Berater des Baugewerbeverbandes Niedersachsen. Immer wieder würden Betriebe, die sowieso sterben würden, schnell noch mal abgezockt. Dieterts Tipp: Unternehmer sollten sich zunächst mit den Experten der Kammern und der Verbände unterhalten.

Dass gute Insolvenzberater ihren Preis haben, berichtet der Kölner Insolvenzrichter Dr. Heinz Vallender: Die erledigen ihre Arbeit kaum unter 250 Euro. Pro Stunde, versteht sich. Da kommen bei einem dezidierten Insolvenzplan schnell zwischen 10 000 und 30 000 Euro zusammen. Wenn der Plan ein Unternehmen wieder in die schwarzen Zahlen bringe, sei das natürlich eine sinnvolle Investition.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Nutznießer des Notstands

Nutznießer des Notstands

Insolvenzverwalter haben Hochkonjunktur. Doch der Beruf ist ins Gerede gekommen. "Kleine Betriebe sind ihren Verwaltern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert“, sagt Sonja Kirchner, Landesvorsitzende des „Vereins für Kreditgeschädigte und in finanzielle Not geratene Menschen“ in Sachsen-Anhalt.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Problematische Pannenhilfe

Problematische Pannenhilfe

Experten warnen Betriebe, die sich auf das jüngste Kanzlerwort berufen wollen. Gerhard Schröder hatte am Dienstag in Dresden angekündigt, dass flutgeschädigte Firmen vorerst keinen Insolvenzantrag stellen müssten. Doch „solange die notwendige Gesetzesänderung auf sich warten lässt, gelten die alten Fristen“, sagt der Kölner Insolvenzrichter Heinz Vallender.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Insolvenzverwalter

Masse für die eigene Kasse

Ein Insolvenzverwalter gewährt interessante Einblicke in die Arbeit seines Berufsstandes. Der Insider geht mit den schwarzen Schafen unter seinen Kollegen hart ins Gericht.

Handwerk Archiv
Foto: handwerk.com

Insolvenz als Rettung?

Starker Auftritt vorm Insolvenzgericht

Die Insolvenz als Rettung für den Betrieb? Vieles hängt dabei von den zuständigen Gerichten und Insolvenzverwaltern ab. Doch die sind nicht immer kompetent und willig. So setzen Sie sich mit Ihren Plänen dennoch durch.

Wir haben noch mehr für Sie!

Praktische Tipps zur Betriebsführung und Erfahrungsberichte von Kollegen gibt es dienstags und donnerstags auch direkt ins Postfach: nützlich, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.