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Interview

Interview: „Trauer ist so kreativ wie die Liebe“

Ist die Bestattungskultur in Gefahr? In Nordrhein-Westfalen werden die Bestattungsgesetze liberalisiert, in Niedersachsen denkt Sozialministerin Gitta Trauernicht offen über Reformen nach. Grund genug, zwei Experten zu diesem sensiblen Thema zu befragen.

In Nordrhein-Westfalen werden die Bestattungsgesetze liberalisiert, in Niedersachsen denkt Sozialministerin Gitta Trauernicht offen über Reformen nach. Urne im Wohnzimmer? Beerdigung ohne Sarg?

Der Bestatter Fritz Roth geht seit Jahren keiner Diskussion zu diesen Fragen aus dem Weg. Mit seinen Ansichten hat er sich in den eigenen Reihen nicht nur Freunde gemacht. Es ist kein Geheimnis, dass der Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) Roths Medienauftritte kritisch betrachtet. Grund genug, ihn mit BDB-Geschäftsführer Rolf Lichtner an einen Tisch zu setzen. Wir trafen uns mit den beiden Experten in Köln.

Herr Roth, Ihnen kann eine Liberalisierung der Bestattergesetze nicht weit genug gehen, oder?

Roth: Worüber heute diskutiert wird, praktiziere ich bereits seit Jahren. (Er hebt den Arm und deutet in Richtung Rheinufer.) Wenn ein alter Kölner mit seiner Familie abgestimmt hat, dass seine Asche von der Südbrücke gestreut werden soll, dann sollte das auch möglich sein. Das bedeutet doch nicht, dass sich alle Kölner von der Südbrücke bestatten lassen.

Lichtner: Wir sollten kein Bestattungsgesetz für die Ausnahmefälle machen. Wir benötigen Gesetze für den Regelfall. Natürlich sind wir dafür, dass die Angehörigen die letzten Dinge liberal handhaben können. Doch dahinter darf nicht stecken, dass wir Möglichkeiten der preiswerten Entsorgung suchen.

Roth: Es sind so seltene Fälle, in denen es Probleme geben wird. Fangen wir doch einfach mal an, die Sache positiv zu sehen. Den meisten Kollegen, die hier Widerstand anmelden, geht es um rein monetäre Aspekte.

Das Wohl und Wehe der Branche dürfte kaum davon abhängen, wieviele Särge sie verkauft.

Lichtner: Nein, die Dienstleistung steht für den seriös kalkulierenden Bestatter schon lange im Vordergrund. Für den Sargzwang sprechen hygienische Anforderungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Verstorbene einfach in Tücher gewickelt durch die Gegend getragen werden. Natürlich müssen wir den Kulturen, die unter uns leben, die Möglichkeit geben, nach ihren Riten zu bestatten. Aber auch unter Muslimen ist es völlig umstritten, ob mit oder ohne Sarg beerdigt werden sollte.

Roth: Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität. Deshalb müssen wir doch nicht befürchten, dass die Gesetze speziell für Muslime gemacht werden. Neue Formen des Beerdigens können unsere Gesellschaft genauso positiv verändern wie neue Formen des Zusammenlebens.

Haben wirtschaftliche Erwägungen wirklich keinen Einfluss auf die Argumente? Es ist doch kein Zufall, dass die Liberalisierungsdiskussion ausgerechnet in einer Zeit auflodert, in der auch das Sterbegeld gekürzt wird.

Lichtner: Doch, die erneute Halbierung des Sterbegeldes wird derzeit nur veranlasst, weil der öffentliche Haushalt klamm ist und man an allen Ecken versucht, zu Lasten der Bürger etwas hereinzuholen.

Roth: Wenn ich meine Bestattungsaufgabe erfülle, orientiere ich mich außerdem nicht am Sterbegeld. Meine Leistung als Unternehmer bleibt davon unbeeindruckt.

Lichtner: Genau. Ich glaube nicht, dass wirtschaftliche Nachteile für Bestatter entstehen würden, wenn der Friedhofszwang für Urnen fällt.

Warum beharren Sie dann auf dem Friedhofszwang, Herr Lichtner?

Lichtner: Weil wir sonst die Totenruhe erheblich stören würden. Weil wir die Asche eines Verstorbenen der Beliebigkeit preisgeben. Da ist doch nicht immer der wirklich Trauernde derjenige, der per Gesetz die Urne zugewiesen bekommen würde.

Roth: Kommen Sie endlich weg von den Horrorszenarien. Trauerkultur ist etwas, was von den Trauernden gelebt wird.

Lichtner: Wenn sie die Bücher in ihrem Wohnzimmerschrank im Laufe der Jahre durch immer mehr Urnen ersetzen, bleibt ihnen plötzlich kein Platz für das Leben, weil sie vom Tod umfangen sind. Das Wohnzimmer sollte kein Friedhof sein.

Haben es die Bestatter versäumt, die Trauerpsychologie mit in ihre Dienstleistung einzubauen?

Lichtner: Es gibt in ganz Deutschland BDB-Seminare, die von Psychologen begleitet werden. Aber nicht jeder braucht eine trauerpsychologische Betreuung. Normalerweise können Menschen ihre Trauer verarbeiten. 95 Prozent der Menschen schaffen das ohne psychologische Betreuung

Roth: ... aber 100 Prozent haben einen Verlust. Ich möchte, dass 100 Prozent auf ihre Art damit umgehen können, ohne dass der Bestatter oder der Pastor ihnen sagt, was zu tun ist.

Was ist aus Ihrer Sicht noch machbar? Welche Formen des Beerdigens würden Sie zulassen?

Roth: In der Antwort auf diese Frage wird die Unsinnigkeit der aktuellen Ängste deutlich: Ich weiß zurzeit keine Alternative zum Sarg. Wenn ich mit Eltern überlege, in welchem Behältnis sie ihr Kind beerdigen möchten, dann höre ich die phantasievollsten Vorstellungen: kleine Häuser, kleine Schiffe. Trauer ist so kreativ wie die Liebe.

Lichtner: Wir sind im Bereich des Verstreuens zu Recht zurückhaltend. Wenn ich bedenke, dass in Frankreich die Asche aus Ballons, Flugzeugen oder Hubschraubern gekippt wird, dann sehen wir, was anderen Ländern als machbar angesehen wird. Gleiches gilt für die Auf-splittung der Asche der Verstorbenen in Amulette, Steine

Roth: alles ist möglich. Ich verstehe mich als Begleiter, der lediglich hilft, eine persönliche Lebenskrise in eine bewusstere Lebensperspektive zu verwandeln. Das kann ich nicht sein, wenn ich den Leuten einen Sarg aufdränge.

Spielt die Thanatopraxie - das Einbalsamieren von Leichen in diesen Überlegungen eigentlich eine Rolle?

Lichtner: Nein, in USA haben werden 85 Prozent der Toten thanatopraktische behandelt. In Deutschland liegt der Anteil unter 0,5 Prozent. Wir werden hier als Bestatter keine Märkte schaffen, sondern uns nach der Nachfrage richten.

Roth: Wir brauchen keine schönen Leichen. Wir brauchen Zeit für den Abschied. Niemanden ist geholfen, wenn wir von einem Menschen Abschied nehmen, die aussehen, als ob sie schlafen würden. Was dort im Sarge liegt, ist das Vergängliche, das beseelt war. Wir sollten den Trauernden keine Angst mit Leichengift und Verwesung machen.

Lichtner: Die beseelte Art, mit der Herr Roth über den Tod spricht, hilft hier nicht weiter. Wo Unfallopfer zu beklagen sind, wo Überführungen stattfinden, wo Angehörige das wünschen, weil sie den Toten in einer speziellen Erinnerung behalten wollen, da halte ich die Thanatopraxie für gerechtfertigt.

(Das Interview führte Heiner Siefken.)

Zur Person

Dr. Rolf Lichtner

Der Rechtsanwalt ist seit drei Jahren Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Lichtner war 13 Jahre Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsprüferkammer in Düsseldorf. In der Schweiz hat der 51-Jährige ein Studium über Non-Profit-Organisationen absolviert. Er ist zudem Geschäftsführer von berufsnahen Wirtschaftsbetrieben wie dem Fachverlag des Deutschen Bestattungsgewerbes und der Deutschen Bestattungsvorsorge Treuhand AG.

Lichtner hat zahlreiche Schriften und Bücher veröffentlicht, unter anderem zu neuen Medien und berufsrechtlichen Fragestellungen.

 

Fritz Roth

Der 53-Jährige war früher Unternehmensberater und ist seit 1983 Bestatter in Bergisch Gladbach. 1997 gründete er die Private Trauerakademie. In Seminaren und Selbsthilfegruppen hilft Roth unter anderem Menschen, die beruflich mit Tod und Trauer konfrontiert werden etwa Ärzten, Besatzungen von Rettungswagen, Polizisten und Feuerwehrleuten.

Roth hat in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Bücher veröffentlicht. Das letzte Buch ist nach einem Auftritt in der Sendung von Fernsehpastor Jürgen Fliege entstanden: Lebendige Trauer. Jürgen Fliege / Fritz Roth, Gustav-Lübbe-Verlag 2002.

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