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Strategie

Ja oder nein? Keine Angst vor schnellen Entscheidungen!

Chefs im Handwerk müssen viel entscheiden – oft schnell und anhand weniger Informationen, denn für lange Überlegungen bleibt selten Zeit. Ist das nicht gefährlich?

Auf einen Blick:

  • Es gibt Entscheidungen, die müssen wohl durchdacht und mit kühlem Kopf getroffen werden – vor allem, wenn es um weitreichende Konsequenzen geht.
  • In allen anderen Fällen empfehlen Experten Mut zum Risiko: Hören Sie öfter auf Ihren Bauch, treffen Sie schnelle Entscheidungen, auch bei dünner Faktenlage. Denn späte oder gar keine Entscheidungen sind meist schlimmer als Fehlentscheidungen, die man wieder ausbügeln kann.
  • Tipp: Ausgeruht und satt lassen sich die besten Entscheidungen treffen.

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Von Birgit Lutzer

Personalfragen, Firmenwagen und Maschinen – in Handwerksbetrieben muss viel entschieden werden. Was zählt – Kopf oder Bauch? Und was passiert, wenn man jedes Problem aussitzt? Wie Sie ein bisschen „Zug“ in Ihre Entscheidungsfindung bringen, verraten zwei Experten: Verhaltensökonom Prof. Hartmut Walz von der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und Diplom-Psychologe Martin Sauerland, Universität Koblenz-Landau. Beide haben geforscht und verschiedene Fachbücher zum Thema „Entscheidungen treffen“ veröffentlicht.

Kopf- oder Bauchentscheidungen? Auf den Mix kommt es an!

Im Volksmund ist oft von Kopf- oder Bauchentscheidungen die Rede. Kopfentscheidungen gelten als zeitaufwendig, Bauchentscheidungen als fehleranfällig. Doch wer so denkt, bremst sich selbst aus. Denn niemand fasst immer nur eine Art von Entscheidungen – und beide haben ihre Berechtigung. Martin Sauerland: „Im Gehirn sind jeweils mehrere Bereiche beteiligt.“ Es komme auf den Sachverhalt an. „Bei Personalentscheidungen ist das Gefühl oft das Zünglein an der Waage.“ Er nennt ein Beispiel: Ein Betrieb sucht eine Sekretärin. „Statt der Bewerberin mit den besten Noten nimmt der Chef eine Dame mit Durchschnittsabschluss, die gut ins Team passt.“

Bei der Wahl des Firmenwagens oder neuer Maschinen sind Sauerland zufolge eher wirtschaftliche Erwägungen gefragt. „Wenn Sie unsicher sind, hilft vielleicht eine Pro- und Kontraliste weiter.“ Eine Variante für Gruppenentscheidungen seien Tabellen, in denen jeder Beteiligte Punkte für die Vorschläge gebe. „Das Ergebnis lässt sich ausrechnen.“ Walz ergänzt: „Und in die Bewertung fließt wieder das Bauchgefühl ein, denn jeder nennt ja seine persönliche Einschätzung.“

Der Bauch könne eine Rolle bei der Frage spielen, ob die Belegschaft eine bestimmte Technologie akzeptieren wird. „Da ist von Seiten der Führungskräfte Fingerspitzengefühl gefragt.“ Er empfiehlt, sich bei schwierigen Entscheidungen vorher zu überlegen, ob der Bauch oder der Kopf den Ausschlag geben soll.

Keine Angst vor Fehlentscheidungen: „Wer A sagt, muss nicht B sagen!“

Viele Menschen glauben, sie müssten einem einmal eingeschlagenen Pfad treu bleiben, auch wenn er falsch ist. Sauerland: „Sie wollen nach außen oder auch vor sich selbst stimmig wirken. Aus diesem Grund bleiben Sie dann trotz besseren Wissens bei einer Fehlentscheidung.“ Er fügt hinzu: „Das kann dann auch mal sehr teuer oder schmerzhaft sein.“ Als Beispiele nennt er unterlassene Widerrufe von Fehlkäufen oder auch Personalentscheidungen gegen das sprichwörtliche „Bauchgefühl“.

Er hält es für besser, zum Fehler zu stehen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen. „Ein Chef, der eine unrichtige Entscheidung zugibt, bekommt mehr Respekt als ein Sturkopf, der aus Prinzip den Holzweg weitertrampelt.“ Eine offene Fehlerkultur in der Firma sei im Übrigen der beste Weg, damit alle an einem Strang ziehen und zu einer neuen Entscheidung stehen.

Beide Experten sind sich einig, dass die übertriebene Angst vor Fehlern mehr schadet als nützt. Hartmut Walz: „Oft sind die Folgen einer falschen Entscheidung weitaus geringer als befürchtet. Eine Nichtentscheidung ist in der Regel schlimmer als eine Fehlentscheidung.“ Sauerland ist der Meinung, ein Übermaß an Angst versperre den Blick auf Lösungen. „Kreisen Sie nur um Gefahren und Risiken, übersehen Sie die Chancen im Rahmen Ihrer Möglichkeiten.“

Faktor Zeit: Was tun, wenn Zögern teuer werden kann?

Manche Menschen sitzen Entscheidungen gerne aus. Entweder recherchieren sie sehr lange nach überflüssigen Informationen – oder sie schlafen zu viele Nächte, bevor sie sich zu einem Beschluss durchringen. Walz warnt vor unnötigen Verzögerungen. „Es gibt Situationen, die ich durch Aussitzen zu meinen Gunsten bewegen kann. Doch oft arbeitet die Zeit gegen mich.“ Als Beispiel nennt er zu langes Warten bis zum Einreichen eines Angebots. „Dann erhält ein anderer Betrieb den Zuschlag.“

Häufig gibt es Situationen, in denen bei dünner Faktenlage schnelles Handeln gefragt ist. Hier kommt es Walz zufolge darauf an, wie weitreichend die Folgen der Entscheidung sind. „Wenn ein Fehler später leicht ausgebügelt werden kann, dann nur zu!“ Als Beispiel nennt er den spontanen Kauf von scheinbar günstiger Markenfarbe. „Stellt der Maler später fest, dass es genau diese Farbe woanders billiger gibt, geht er das nächste Mal dorthin.“ Der Schaden sei sehr überschaubar.

Für welche Entscheidungen Sie sich unbedingt Zeit nehmen sollten

Vor Schnellschüssen bei Entscheidungen mit weitreichenden Folgen warnt Walz ausdrücklich. „Wenn Sie sich dauerhaft festlegen müssen, eine Gefahr droht oder es um viel Geld geht, sind genaue Recherchen und gegebenenfalls Rat von Experten nötig.

Doch bei allem Wunsch nach einer perfekten Informationslage ist es Walz zufolge besser, sich irgendwann auf das vorhandene Material zu konzentrieren. Die Lage werde sonst unübersichtlich und könne zu mehr Verwirrung statt zu Klarheit führen. „Sie haben genug Informationen, wenn eine Haupt-Begründung für Ihre Entscheidung feststeht.“

Außerdem rät er, selbst wenn sich eine Tendenz abzeichne, noch mindestens eine Nacht darüber zu schlafen. „Die mit der Entscheidung verbundenen Gefühle sind dann oft anders. Außerdem ist es gut, einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel zu haben.“ Wissenschaftlich erwiesen ist jedenfalls, dass sich hungrige, unterzuckerte Personen meist gegen eine Sache entscheiden. Walz: „Frühstücken Sie am besten erst und entscheiden Sie dann.“

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