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Politik und Gesellschaft

Handwerker-Horror mit Happy End

Diverse Fernsehformate testen Notdienste und entlarven die schwarzen Schafe. In der neuen Variante des Senders Kabel eins ist jetzt tatsächlich einmal etwas Ungewöhnliches passiert.

Auf einen Blick:

  • Versteckte Kameras: Kabel eins sieht den Notdiensten verschiedener Baugewerke auf die Finger.
  • Auszeichnung: Die Fernsehmacher prämieren „Deutschlands ehrlichste Handwerker“.
  • Verwandlung: Münchner Meisterbetrieb tappt in die Falle – und gewinnt letztlich die Trophäe.

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von Heiner Siefken

Der Mann ist ein Reisender in Sachen Abzocke. Für Kabel eins zeigt Peter Giesel, was einem weltweit so alles passieren kann. „K.-o.-Tropfen-Trick in Rio.“ „Urlaubsnepp am Ballermann.“ „Dunkle Abzock-Wolken über Mexiko.“ Vielleicht waren seinem Arbeitgeber die Reisekosten zu hoch, jedenfalls beschäftigt er sich aktuell mit der bösen Realität in acht deutschen Städten. Giesel sieht in die Kamera und sagt: „Ich frage mich, gibt es das überhaupt noch bei den Handwerkern? Verlässlichkeit? Redlichkeit?“

Übliche Verdächtige – man mag kaum hinsehen

Die Zutaten für so einen Handwerkertest sind bekannt. Lockvögel bestellen diverse Notdienste ein, die nacheinander denselben simulierten Schaden reparieren sollen. Bewertet werden auf Kabel eins: „Professionalität, Preistransparenz, Aufrichtigkeit.“ In der ersten Folge des Handwerkerspezials von „Achtung Abzocke“ geht es um die kaputte Fensterscheibe im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses in München. Um eine Notverglasung. Der Raum ist mit versteckten Kameras ausgerüstet, im Nebenzimmer sitzen Giesel und ein Sachverständiger vor einem Monitor und sehen den Handwerkern auf die Finger. Die Show kann beginnen.

Was sympathisch ist: Giesel will nicht den dämlichsten und raffgierigsten Nichtsnutz vorführen, sondern: „Deutschlands ehrlichsten Handwerker finden.“ Am Ende jeder Sendung zeichnet er seine „ganz persönlichen Handwerkerhelden“ mit dem „goldenen Hammer“ aus. Doch bevor es soweit ist, stolpern die üblichen Zierden der Arbeitswelt ins Bild. Man mag es kaum sehen.

Kandidat 1 hat kein Material dabei: „Muss ich in der Fabrik bestellen.“ Bei einer Notverglasung?

Bei Kandidat 2 wird’s schräg – und unverschämt.

Die nächsten Notfallglaser treten zu zweit auf und bieten eine Holzplatte als Schutz an. Materialpreis? 200 Euro! Plus Arbeitszeit, versteht sich. Hui. Giesel klappt die Kinnlade runter, den Zuschauern ebenfalls, denn: Die Anfahrt kommt noch dazu. Die Frage nach dem Gesamtpreis beantwortet einer der Männer so: „Ich schreibe Ihnen alles in den Bericht, das können Sie dann der Versicherung vorlegen.“

Nach ganz normalen Fragen der Kundin, die einfach wissen will, was preislich auf sie zukommt, pöbelt er sie an: „Wollen Sie mich jetzt verarschen?“ Als das dynamische Duo das kaputte Glas mit einem Schraubenzieher aus dem Rahmen hebeln will, bricht Giesel das Experiment auf Anraten des Sachverständigen ab: „Die machen das ganze Fenster kaputt.“

Der Moderator hält den Pseudo-Handwerkern das Mikrofon vor die Nase: „Sind Sie Glaser?“ Antwort: „Nein.“

Lokale Vorwahl gewählt, 0800-Nummer ruft zurück.

Endlich erscheint ein Duo, das den Zuschauer aufatmen lässt. Guter Service, gute Arbeit, guter Preis. Auch Giesel freut sich: „Nette Typen. So hab ich’s gern, Profis im Haus.“

Beim vierten Kandidaten wird’s schräg. Peter Giesel stellt fest: „Leider kann ich gar nicht sagen, wer da kommt. Die Firma ist irgendwie in Bremen, die Nummer war hier um die Ecke.“ Um die Ecke von München, wohlgemerkt.

Noch bevor der Glaser die Arbeit beginnt, soll der Lockvogel einen Vertrag unterschreiben. Die Frage nach den Kosten kann auch er nicht exakt beantworten.

Seine fachlichen Fähigkeiten sind außerordentlich gut, er ist freundlich, er ist schnell, aber: Die Kundin müsste fast 600 Euro für seine Arbeit bezahlen. Das Fünffache des angemessenen Preises.

Ausgerechnet dieser Handwerker wird sich am Ende den goldenen Hammer verdienen. Wirklich? Wirklich!

Vom Saulus zum Paulus: die Kehrtwende

Der junge Geselle arbeitet für eine Münchner Glaserei, für einen Meisterbetrieb, der wiederum mit einem Internetnotdienst kooperiert. Die Vermittlungszentrale verdient kräftig mit.

Giesel trifft den Chef des fähigen Glasers. Der Mann zeigt sich geläutert, er sieht ein, dass er den Ruf seiner Firma aufs Spiel setzt. Er beendet die unselige Kooperation.

„Ich kann mich in Zukunft darauf verlassen? Kein Callcenter mehr?“, fragt Giesel.

Der Chef nickt. Versprochen. Was er nicht wissen kann: Giesel und sein Team prüfen sofort, ob der Betriebsinhaber sein Wort hält. Und siehe da: Auch beim zweiten und dritten Test mit versteckten Kameras bleiben die Arbeit und der Service vorzüglich – nur stimmen jetzt auch die Preise. Erziehungsauftrag erledigt.

„Mal ehrlich, Herr Giesel, wie wählen Sie Betriebe aus?“

Ein Geschmäckle bleibt. Es ist lobenswert, dass Kabel eins nicht stumpf auf die Branche einschlägt, sondern die ehrlichen Vertreter der verschiedenen Gewerke prämiert. Aber geht es nicht letztlich um das Phänomen der betrügerischen Internetnotdienste – und nicht um Deutschlands Handwerker?

Wir haben Giesel damit konfrontiert: „Legen Sie es nicht förmlich darauf an, dass Sie die Schwachmaten filmen können?“

Das Wort „Schwachmaten“ treffe die Realität nicht, antwortet der Moderator, denn dumme und ungeschickte Kollegen habe er selten gesehen: „Wir treffen eher auf kühl kalkulierende Unternehmen, die durch ihr halbseidenes Geschäftsmodell allen ehrlichen Kollegen schaden.“

Aber wie wählt Kabel eins die Betriebe aus? Die Redaktion bediene sich der üblichen Wege, sagt Giesel: Internet, Branchenbuch, lokale Werbungen wie Wurfsendungen oder auch Aufkleber auf Türen. „Dabei legen wir Wert darauf, immer Betriebe aus der Gegend zu rufen.“

Vor allem im Internet würden „jede Menge unseriöse Unternehmen“ lauern, die der Zuschauer auf den ersten Blick nicht erkenne. Stichwort: Vortäuschung der Ortsansässigkeit. „Hoffentlich“, sagt Giesel, „werden hier bestehende Rechte in Zukunft konsequenter angewendet.“

„Achtung Abzocke“ sehen Sie immer dienstags um 20:15 Uhr bei Kabel eins.

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