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Krankmacher Krankenkasse?

Zum Boykott der Krankenkassen, die nicht explizit auf die Qualitätsstandards der hiesigen Gesundheitshandwerke setzen, ruft der Zahntechnikermeister Axel Franzen auf.

Zum Boykott der Krankenkassen, die nicht explizit auf die Qualitätsstandards der hiesigen Gesundheitshandwerke setzen, ruft der Zahntechnikermeister Axel Franzen auf.

Die Situation deutscher Zahntechniker wird mit jeder Gesundheitsreform dramatischer. Die Realität im Jahre 2006: In Internet-Auktionen versteigern Patienten ihre Heil- und Kostenpläne,

Zahnärzte unterbieten sich gegenseitig mit ihren Angeboten. Und die Zahntechniker? Ihr mühsam erworbenes Wissen ist immer seltener gefragt, Standardbehandlungen mit Standardzahnersatz zum minimierten Standardpreis sind der Normalfall. "Was die Kassen heute an herausnehmbarem Zahnersatz bewilligen, entspricht dem Niveau von Kasachstan. Aber nicht nur elementare Arbeiten, sondern auch hochwertige Ausführungen sind aus dem Leistungskatalog gestrichen worden", schimpft Axel Franzen, Zahntechnikermeister im niedersächsischen Hemmoor (nahe Cuxhaven).

Im Klartext: Franzen ist ein High-tech-Handwerker, dessen Fertigkeiten nicht mehr gefragt sind. Er hat 180.000 Euro in eine CNC-Fräse investiert, deren Genauigkeit nicht honoriert wird. Und dass er Materialien einsetzt, die ein Labor mit herkömmlicher Arbeitsweise gar nicht verarbeiten könne, scheint auch niemanden zu interessieren. Franzen: "Stattdessen werden kritiklos Billigstarbeiten aus zahntechnischen Entwicklungsländern akzeptiert."

Dass Krankenkassen ihren Mitgliedern ganz offen empfehlen, bei der Wahl des Zahnersatzes auf Anbieter aus dem Ausland zu setzen, regt den Handwerksmeister besonders auf. Für ihn ist das der Schubser, der viele Betriebe, die ohnehin am Abgrund stehen, endgültig in die Tiefe stürzen lässt: "Die Kassen sollten sich darüber im Klaren sein, wer sie finanziert. Oder sind das vielleicht nicht auch unsere Betriebe und unsere Mitarbeiter?"

Unser Gewerk wird zur Schlachtbank geführt

Die Branchenzahlen unterstreichen Franzens Worte: Nur 38,9 Prozent der Auszubildenden, die 2005 ihre Prüfung im Zahntechniker-Handwerk abgelegt haben, sind in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen worden. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist 2005 um 24,1 Prozent zurückgegangen. Und damit nicht genug: Nach dem Umsatzeinbruch von mehr als 30 Prozent im vergangenen Jahr und der damit verbundenen Kündigungswelle mussten die Betriebe 2006 weitere Mitarbeiter entlassen. Da diese Zahlen nur auf der Befragung der Innungsbetriebe beruhen, vermutet Franzen eine wesentlich höhere Dunkelziffer.

"Das Zahntechniker-Handwerk wird regelrecht zur Schlachtbank geführt", schreibt die niedersächsische Zahntechnikerinnung (NZI) in einer aktuellen Pressemitteilung. Und mit den Beitragsgeldern der Versicherten würden die Kassen auch noch Internetportale und Infoblätter finanzieren, mit denen für Zahnersatz aus dem Ausland geworben wird. Axel Franzen mag das nicht kampflos hinnehmen: "Handwerker sollten die Krankenkassen boykottieren, die ihnen Billig-Zahnersatz aus dem Ausland anbieten."

Den Kassen auf den Zahn gefühlt

Das Verhalten der Kassen in dieser Frage unterscheidet sich von Region zu Region. In Testanrufen der handwerk.com-Redaktion bei der AOK in Hannover und der Techniker Krankenkasse in Oldenburg haben die dortigen Sachbearbeiter förmlich vor Zahnersatz aus dem Ausland gewarnt. Ein anderes Beispiel: die CityBKK in Hamburg. Auf ihren Internetseiten verweist die Kasse auf "unsere Kooperations-Dentallabore", die im Ausland hergestellten "Qualitätszahnersatz mit bis zu 5 Jahren Garantie" anbieten. Den Heil- und Kostenplänen ihrer Mitglieder legt die CityBKK zudem ein Schreiben bei, in dem auf die "günstigen Behandlungsmöglichkeiten" von Zahnärzten in Polen und Ungarn hingewiesen wird.

City-BKK-Sprecher Torsten Nowak kann die Argumente der Gesundheitshandwerker nicht nachvollziehen: "Das ist ein ganz normaler Prozess. Konkurrenz belebt das Geschäft, die zahntechnischen Labore müssen sich dem Wettbewerb stellen." Die Krankenkassen hätten selber ja nichts davon, wenn die Versicherten Angebote im Ausland nutzen würden. "Wir zahlen Festbeträge, so oder so. Dass wir unsere Mitglieder mit zusätzlichen Informationen versorgen, ist nur eine Reaktion auf Nachfragen der Versicherten."

Übrigens betrachtet auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen (KZVN) die vielfältigen Werbeaktionen für Zahnersatz im Ausland mit Sorge. So verlockend der Preis der vermeintlich günstigeren Angebote für Zahnersatz aus dem Ausland sei, so schwierig einschätzbar seien die damit verbundenen "Fußangeln". Wenn Nachbehandlungen erforderlich seien, liege die Zahnarztpraxis "nicht um die Ecke", warnt der KZVN-Vorsitzende Jobst-W. Carl.

Und Franzen fügt hinzu: "In Billig-Angeboten sind Parodontosebehandlungen oder beispielsweise Sanierungen des Restgebisses nicht enthalten. Das sind aber Maßnahmen, die dem Zahnersatz eine langfristige Tragedauer garantieren. Wer das außer acht lässt, handelt an sich selbst grob fahrlässig."

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