Können neuronale Netze uns neue Impulse bei Entwurf und Fertigung von Produkten geben?
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Digitalisierung + IT

Kreative Maschine: Querdenken beim Möbelbau

Wir nutzen Technologie in fast jedem Arbeitsbereich. Jetzt kommt einer hinzu: kreatives Denken. Wie neuronale Netze den Designprozess verändern können.

Auf einen Blick

  • Entwicklungsideen von der Maschine: Im Projekt „Made in Machina/e“ macht ein neuronales Netzwerk Vorschläge für ausgefallene Möbelideen.
  • Solche Projekte zeigen, wie die Digitalisierung den individuellen Möbelbau künftig verändern kann. Sie werden den Weg zum industriellen Unikat weiter ebnen, sagt Digitalisierungsberater Christoph Krause.
  • Handwerker könnten von solchen Entwicklungen profitieren, sagt Krause. Unter einer Voraussetzung: dass „wir als Menschen diese Technologie wirklich beherrschen und mit ihr spielen können“.

Auf den ersten Blick ist das einfach ein schöner Stuhl. Schlicht und funktional, das Design wirkt skandinavisch. Doch was machen die ganzen Anschlüsse daran? Das Möbelstück beinhaltet Powerbanks, es hat eine Stromverbindung, Buchsen zum Anschluss von Smartphones und eine kabellose Ladefunktion. Der Stuhlentwurf namens MiM_ECC_001 ist alles andere als gewöhnlich. Das betrifft Aussehen und Funktion, vor allem aber seinen Entstehungsprozess.

Maschine erfindet Produktideen

Die Idee für MiM_ECC_001 hatte kein Mensch. Sie stammt von einer Maschine. Im Projekt „Made in Machina/e“ beschäftigt sich ein kleines Team von Designern damit, wie sich skandinavisches Design, chinesische Fertigungskultur und maschinelles Lernen kombinieren lassen. Sie verändern den klassischen Designprozess, indem ein Produkt nicht aufgrund seiner Funktion entwickelt wird, sondern aus einer Laune des Marktes heraus. Der Mensch als Schöpfer einer Produktidee entfällt.

Das funktioniert so: Damit Technologie eine Produktidee kreieren kann, muss sie zunächst lernen, was sie zu tun hat. „Made in Machina/e“ hat dazu ein neuronales Netzwerk mit Produktbeschreibungen skandinavischer Designprodukte gefüttert und es so auf skandinavisches Design „trainiert“. Im zweiten Schritt wurde der chinesische Online-Marktplatz Alibaba.com nach Komponenten durchsucht, die in großem Umfang verfügbar sind. Die Maschine kombiniert diese Komponenten mit skandinavischen Produkten.

Menschliche Kuratoren wählen die interessantesten Kombinationen aus und schicken sie an einen Designer, der daraus einen Entwurf macht. So entstehen verrückte, nicht zwingend brauchbare Ideen, wie eine Spielcontroller-Vase, eine Smartphone-Lampe oder eben der hölzerne Ladestuhl.

Der Designprozess Shanzhai

Ein Vorteil solcher Designs, die auf massenhaft verfügbaren Komponenten basieren: Sie lassen sich günstig produzieren und verkaufen. Deswegen wecken solche Projekte auch das Interesse von Christoph Krause, Diplom-Designer und Digitalisierungsberater des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk. „Der Einsatz von digitalen Unterstützungssystemen bei der Ideengenerierung wird den Weg zum industriellen Unikat weiter ebnen“, sagt Krause. Sie versprechen mehr Einzelstücke und Kleinserien, produziert mit geringerem Aufwand.

Die Macher von Made in Machina/e orientieren sich dabei bewusst am chinesischen Designprozess namens Shanzhai – der steht für die Entwicklungskultur der chinesischen Fälschungsindustrie: Hochwertige Produkte werden nicht nur billig nachgebaut, viele Schlüsselkomponenten werden auch massenhaft als Bausatzsysteme produziert, die sich schnell und günstig mit weiteren verfügbaren Technologien kombinieren lassen. Diese Designkultur ermöglicht es, neue Produktideen in Rekordzeit auf den Markt zu bringen.

Neue Fertigung und das Handwerk

Projekte wie Made in Machina/e zeigen beispielhaft, wie die Digitalisierung Design- und Fertigungsprozesse und damit den Möbelbau verändert. „Ich kann nur jedem Handwerker und gerade den Tischlern empfehlen, ihre eigenen digitalen Sinne zu schulen und weiterzuentwickeln“, sagt Digitalberater Christoph Krause.

Letztlich seien auch solche Tools, die einen Handwerker beim Entwurfs- und Planungsprozess unterstützen, nur eine Ergänzung der vielen technischen und digitalen Werkzeuge, die die Unternehmen schon im Einsatz haben. „So etwas kann nützlich sein, aber nur, wenn wir als Menschen solche Technologien beherrschen lernen und mit ihnen spielen können“, sagt Krause und fordert: „Die Vordenker, die wir im Handwerk haben müssen mehr denn je den Austausch zu den digitalen Vordenkern suchen, um gemeinsam Projekte durchzuarbeiten.“

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